Ein Mann und eine Frau benutzen am 23.05.2011 in Berlin Friedrichshain einen Bankautomaten.
Ein unabhängiger Kontovergleich ist für die deutschen Verbraucher erstmal nicht möglich. Bildrechte: dpa

Deutschland versäumt EU-Frist Keine Transparenz im Konten-Wirrwarr

Es gibt in Deutschland mehr als 1.800 Banken und Sparkassen. Jede von ihnen bietet ein Girokonto an. Welches nimmt man am besten? Die EU will Licht ins Dunkel bringen. Sie fordert für jedes Land einen unabhängigen Kontovergleich im Internet. Einen Vergleich, bei dem nicht die Bank mit der höchsten Vermittlerprovision an erster Stelle steht, sondern wirklich die günstigste. Ab Mittwoch sollen die EU-Mitglieder ihre Portale freischalten.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Ein Mann und eine Frau benutzen am 23.05.2011 in Berlin Friedrichshain einen Bankautomaten.
Ein unabhängiger Kontovergleich ist für die deutschen Verbraucher erstmal nicht möglich. Bildrechte: dpa

Kostenlos ist inzwischen ein dehnbarer Begriff. Dutzende Banken werben mit kostenlosen Konten. Dafür zahlt man oft für jeden Sonderwunsch extra oder die Dispozinsen sind utopisch. Die EU will das Angebot nun transparenter machen. Jedes Mitgliedsland soll ab Mittwoch einen unabhängigen Vergleich aller Girokonten anbieten.

Doch Deutschland könne den Termin nicht einhalten, sagt Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen: "Wir finden das schon sehr bedauerlich. In der Verantwortung ist letztendlich die Bundesregierung. Wie wir jetzt gehört haben, liegt das Problem in der Zertifizierung der Anbieter. Es gibt wohl Bewerber aus dem Bereich der privaten Unternehmen, aber es gibt noch keine Zertifizierung."

Knackpunkt ist geforderte Neutralität

Tatsächlich existieren längst zahlreiche Seiten, die Konten vergleichen. Ob nun Verivox, Check24 oder Biallo. Die Frage ist nur: Vergleichen die Anbieter wirklich unabhängig? Haben sie alle relevanten Kriterien berücksichtigt? Das müsste ihnen eine neutrale Organisation bescheinigen – mit einem Zertifikat. Dann wären die Vorgaben der EU erfüllt.

Horst Biallo wollte sich dieses Zertifikat für sein Portal besorgen: "Ich habe beim Ministerium in Berlin angerufen und gesagt, dass ich glaube, zertifiziert werden zu können. Dort hat man mir aber mitgeteilt, dass man selber nicht zuständig sei. Ich müsste mich darum kümmern, indem ich bei einem TÜV oder bei einer Dekra anrufe und mich für eine Zertifizierung anmelde. Ich habe Kontakt zu verschiedenen Dekras und TÜVs aufgenommen. Alle haben mir gesagt, bis auf einen, dass das für sie kein Geschäftsmodell sei und sie keine Zertifizierung durchführen."

Bis heute kein Termin in Sicht

Nur der TÜV Rheinland antwortet, er werde die Anfrage prüfen. Mit einem Ergebnis sei aber erst in mehreren Monaten zu rechnen. Auf Nachfrage von MDR AKTUELL räumt die Bundesregierung ein, dass ein neutraler Kontenvergleich schwieriger einzuführen sei als gedacht.

Ein neues Datum für den Start des Angebots nennt Christine Lambrecht, Staatssekretärin im zuständigen Finanzministerium, nicht. "Es ist uns wichtig, dass zertifizierte Vergleichswebseiten zeitnah zur Verfügung stehen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür haben wir geschaffen, wie vom EU-Recht vorgesehen. "Jetzt gehe es darum, dass sich die Anbieterinnen und Anbieter von Vergleichswebseiten zertifizieren lassen können. Und dass die entsprechenden Angebote online verfügbar seien. Daran werde mit Hochdruck gearbeitet.

Notfalls öffentlich-rechtliche Lösung

Doch wer diese Zertifizierung machen soll, bleibt weiterhin offen. Sollte auch der TÜV Rheinland absagen, müsse eine andere Lösung her, fordert Verbraucherschützerin Andrea Heyer: "Sollte die Zertifizierung von Unternehmen aus dem privaten Bereich scheitern, muss seitens der Bundesregierung doch über eine öffentlich-rechtliche Lösung nachgedacht werden."

Das bedeutet: Der Staat müsste das unabhängige Vergleichsportal selbst aufbauen oder jemanden damit beauftragen. Die Bundesregierung hält das nicht für die beste Lösung. Auch die bestehenden Vergleichsportale wollen das nicht. Denn es entstünde für sie ein neuer, staatlich alimentierter Konkurrent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. Oktober 2018 | 06:08 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2018, 05:00 Uhr

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1 Kommentar

30.10.2018 12:28 Michael Möller 1

ein sehr guter Artikel der genau belegt wie unsere Politiker bzw. die Regierung total versagen tut, wenn es um Finanzgeschäfte geht. anstatt die EU Forderung umzusetzen weigert sich unsere Regierung endlich ordentliche Finanzpolitik zu betreiben . da kommen einen normal Bürger sonderbare Gedanken