Interview Maria Krautzberger: "Die Interessen der Agrarindustrie rangieren vor dem Schutzgut Mensch und Umwelt."

Das Umweltbundesamt (UBA) war im Rahmen der erneuten Risikobewertung von Glyphosat für die Beurteilung der Umweltwirkungen des Pflanzengifts zuständig. Bezüglich der Frage "Ja oder Nein zur Wiederzulassung" fiel die Antwort dabei anders aus als im Fall des Bundesinstituts für Risikobewertung: denn das Umweltbundesamt - und mit ihm das Bundesumweltministerium - lehnten eine Wiedergenehmigung von Glyphosat ohne umfangreiche Umweltauflagen ab.

Die Sorge der für den Schutz der Umwelt zuständigen Behörde gilt dabei schon lange einer fortschreitenden Verarmung der Pflanzenwelt in der Agrarlandschaft, die sie als Folge des flächendeckenden Einsatzes von Herbiziden wie Glyphosat ansieht. Es werde Wildtieren die Nahrungsgrundlage entzogen, und auch sonst sei der Schaden für die biologische Vielfalt immens. (Siehe dazu auch das "5-Punkte-Programm für einen nachhaltigen Pflanzenschutz" des UBA. Link in der Rubrik Dokumente/Belege)

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Maria Krautzberger Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir hatten die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, bereits vor zweieinhalb Jahren zur Haltung der Behörde zu Glyphosat interviewt. An den aus Sicht der Behörde sehr negativen Auswirkungen des massiven Glyphosateinsatzes (von mehreren Tausenden Tonnen allein in Deutschland pro Jahr) ließ die UBA-Präsidentin wenig Zweifel:

"Wir haben in den letzten Jahren einen ungeheuren Anstieg des Gebrauchs von Glyphosat festgestellt, und in der Folge finden wir einen großen Schaden für die biologische Vielfalt in unseren Agrarlandschaften - bei dem, vor allem im Zusammenhang mit Ackerbau, Blühstreifen fast völlig verschwunden sind. Und damit auch die Nahrungsgrundlage für Vögel, Feldvögel wie die Feldlerche, das Rebhuhn - Tierarten, die man heute fast nicht mehr findet und die es früher überall gab! Und die darauf zurückzuführen ist, dass diese Vögel dort einfach keine Insekten mehr finden, keine Larven.“

Frage: "Sie machen als den Rückgang der biologischen Vielfalt direkt hier verantwortlich?"

"Ja. Im Ackerbau ist das eindeutig so, das können wir nachweisen. Wir sehen auch Gefährdungen für Gewässer: Der Eintrag von Glyphosat in Bäche und Gewässer führt natürlich auch zu Auswirkungen für die Wasserpflanzen, die sich dort befinden. Und deswegen sagen wir: Wenn man Glyphosat einsetzt, dann muss das verknüpft werden mit einer klaren Forderung nach Ausgleichsflächen - also nach Flächen, die in ausreichendem Umfang definiert sind und auch festgelegt sind; wo sich wieder biologische Vielfalt, wo sich Blühstreifen entwickeln können. Und bezogen auf Gewässer heißt das, dass zu den Gewässern auch ein adäquater, ein ausreichender Abstand eingehalten werden muss. Das sind ja Vorgaben, die es bisher nicht gibt."

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Was dem Umweltbundesamt Sorge macht ist, dass die Ackerbewirtschaftung insgesamt immer weiter voranschreitet in Richtung einer chemischen Landwirtschaft.

"Wir sehen, dass chemischer Pflanzenschutz in den letzten Jahrzehnten ungeheuer zugenommen hat. Und wir empfehlen sehr, darüber nachzudenken, wie man die Pflanzenschutzmittel insgesamt reduzieren kann - und dafür auch Reduktionsziele vorzugeben, ähnlich wie beim Klimaschutz mit den Treibhausgasen. Ich glaube, das wäre ein politischer Auftrag, der durchaus im Interesse der Erhaltung von Natur und Landschaft, aber auch im Interesse einer zukunftsfähigen Landwirtschaft wäre! Und Glyphosat spielt dabei natürlich auch eine wichtige Rolle.“

Die Aussagen der Präsidentin des Umweltbundesamtes sind wohl dahin zu deuten, dass die Behörde die nötige Balance zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Agrarindustrie auf der einen Seite, und dem Schutz vom Mensch und Umwelt auf der anderen, nicht nur in Gefahr sieht, sondern als bereits verloren betrachtet.

"Ich sage auch voller Überzeugungen, und das aufgrund der Erkenntnisse, die es ja auch gibt in den Umweltwissenschaften, dass die derzeitige Intensität und auch das Ausmaß des Einsatzes von Pflanzenschutz ökologisch nicht nachhaltig ist. Das wissen wir. Und in vielerlei Hinsicht hat sich die deutsche Landwirtschaftspolitik in der Vergangenheit stärker an den Interessen der Agrarindustrie, so will ich sie mal nennen, orientiert als an dem Schutzgut Umwelt und Mensch. Und deswegen sagen wir, dass es gelingen muss, für die Zukunft auch andere Formen von Landwirtschaft zu entwickeln und die alternativen Möglichkeiten zu fördern und deren Einsatz auch voranzubringen!"

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Was der Umwelt-Behörde außerdem offenkundig große Sorge macht, das sind mögliche Wechselwirkungen zwischen den zahlreichen chemischen Stoffen, die in Gestalt verschiedenster Herbizide in die Umwelt freigesetzt werden. Es geht einerseits um Kombinationswirkungen, und andererseits um die langfristigen Folgen.

"Wir sehen Risiken beim Einsatz von Pflanzenschutz auch im Hinblick auf die langfristige Wirkung einzelner Stoffe, wie zum Beispiel auch Glyphosat, die noch nicht adäquat erforscht sind. Wir sehen auch Risiken in der Komplexität verschiedener Pflanzenschutzmittel, die auf der gleichen Fläche manchmal zum Einsatz kommen. Und diese Kombinationswirkungen stellen für uns ein grundsätzliches Risiko des chemischen Pflanzenschutzes dar, das man auch im Kontext der Politikformulierung in diesem Bereich sehen muss!

Wir bringen immer mehr Pflanzenschutzmittel in die Umwelt aus, auch Glyphosat. Und wir können nicht abschließend bewerten, wie die Wirkungen dieser Pflanzenschutzmittel sind, auch nicht von Glyphosat! Und deswegen setzen wir uns sehr dafür ein, für den chemischen Pflanzenschutz auch Reduktionsziele zu formulieren. Das ist die grundsätzliche Haltung, die wir dazu haben.

Unser gesetzlicher Auftrag ist, dass wir uns einsetzen für den Schutz von Mensch und Umwelt - und ich glaube wir sind Diejenigen, die in Deutschland auch auf europäischer Ebene, das Vorsorgeprinzip sehr hoch halten. Und insoweit haben wir natürlich eine Skepsis, eine hohe Skepsis auch, in der Bewertung dieses Wirkstoffes!"

Für das Umweltbundesamt war Glyphosat also offenkundig ein Anwendungsfall für das in Europa geltende Vorsorge-Prinzip. Diese lautet: Im Zweifel für die Gesundheit.

Das heißt: Das Umweltbundesamt - wie auch die vorgesetzte Behörde, das Bundesumweltministerium unter der damaligen Ministerin Barbara Hendricks - lehnten die Weiter-Zulassung von Glyphosat ohne weitreichende Umweltauflagen ab. Es seien "Risikominderungs-Maßnahmen", die vor einer Zulassung ergriffen werden müssten, wie es in einer Pressemitteilung der Umweltministerin hieß.

Bekanntlich setzte sich der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) unter Bruch der Geschäftsordnung der Bundesregierung über das Nein des SPD-geführten Umweltministeriums hinweg und stimmte in Brüssel bei der entscheidenden Abstimmung der EU-Staaten für Ja. Bei einer deutschen Enthaltung wäre die Weiter-Zulassung von Glyphosat in der EU gescheitert. Vor der Presse kokettierte Schmidt anschließend mit den Worten "So ist er halt, der Schmidt!"

Diese Entscheidung eines einzelnen Ministers, getroffen unter Bruch der Regeln der Bundesregierung, hatte also Auswirkungen für ganz Europa. Und sie war nicht rückgängig zu machen. Wobei das wohl auch niemand versucht hat: Bis auf eine Rüge der Kanzlerin blieb der Vorgang für den CSU-Landwirtschaftsminister folgenlos.

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2019, 13:29 Uhr