Grünes Gewölbe Der Remmo-Clan - wer steckt dahinter?

Hinter dem Juwelen-Diebstahl im Grünen Gewölbe werden Mitglieder des Berliner Remmo-Clans vermutet. Drei wurden als mutmaßliche Täter verhaftet, nach zweien wird gefahndet. Für die Justiz ist der Clan kein unbekannter.

Festnahme Remmo, FAKT
Eins der Remmo-Clanmitglieder bei der Festnahme nach einer Razzia in Berlin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Heute - am 25. November 2020 - ist es genau ein Jahr her, dass im Grünen Gewölbe eingebrochen wurde und wertvolle Kunstschätze gestohlen wurden. Die Schmuckstücke, Juwelengarnituren, die August der Starke und sein Sohn als Staatsschatz anfertigen ließen, sind seither verschollen. Doch den Ermittlern gelang es am 17. November 2020 drei mutmaßliche Täter innerhalb einer groß angelegten Razzia in Berlin festzunehmen. Zwei weitere Verdächtige konnten entkommen. Alle fünf sind Mitglieder der arabischstämmigen Großfamilie Remmo in Berlin.

Doppel-Fahndungsbild zum Juwelenraub Grünes Gewölbe Dresden
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hartz IV und "Aufstocken" durch kriminelle Geschäfte

Die Remmos sind der Polizei seit Jahrzehnten bekannt. Immer wieder begehen Mitglieder der Großfamilie schwere Straftaten. Der Spiegel-Journalist und Autor Claas Meyer-Heuer beschäftigt sich seit Jahren mit den kriminellen Clans. "Es ist oft tatsächlich so, dass viele Familien von Hartz-IV leben. Sie leben von staatlichen Transferleistungen und dann stocken sie mit Kriminalität auf", erklärt der Journalist.

Von Südanatolien in den Libanon - über die DDR nach Westberlin

Seine Recherchen zeigen, dass die Remmos ursprünglich aus einem Ort in Südanatolien stammen und vor 100 Jahren in den Libanon gezogen sind. Dort seien sie nie als Staatsbürger anerkannt worden, sagt Meyer-Heuer. Im Zuge des libanesischen Bürgerkrieges hätten sie sich vor rund 40 Jahren Deutschland als Zufluchtsort gesucht. "Damals war es einfach vom Libanon nach Westdeutschland zu kommen. Sie flogen einfach nach Schönefeld in der damaligen DDR, kauften sich ein Tagesvisum und fuhren über die Grenze nach Westberlin", sagt Meyer-Heuer.

Journalist Meyer Heuer
Spiegel-Journalist Meyer-Heuer sagt, viele Clanmitglieder bekämen Hartz IV und verschafften sich weitere Einnahmen durch illegale Geschäfte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Leben in einer "geschlossenen Gemeinschaft"

Wie andere Clans auch setzten sich die Remmos in Berlin fest. Eine Integration in die deutsche Zivilgesellschaft gelang nicht. Claas Meyer-Heuer schätzt, dass 60 bis 70 Prozent der Familienmitglieder mittlerweile einen deutschen Pass haben. Die Clanstrukturen stelle dies nicht infrage, "Sie leben weiter in ihrer 'Closed-Community'. Sie akzeptieren die Regeln des Staates eigentlich nicht", betont der Spiegel-Journalist. Dabei seien nicht alle Clanmitglieder kriminell, aber doch einige.

Haftstrafen oft ohne abschreckende Wirkung

Im Zuge der Razzia vor gut einer Woche ist auch der 23-jährige Wissam Remmo der Polizei ins Netz gegangen. Er steht im Verdacht, am Einbruch im Grünen Gewölbe beteiligt gewesen zu sein und hat bereits ein langes Vorstrafenregister.

Wissam Remmo, FAKT
Wissam Remmo hat bereits ein langes Vorstrafenregister - und das mit 23 Jahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon als 15-Jähriger ist er straffällig geworden. Vor Gericht stand er erstmals im Oktober 2018: wegen Diebstahl, Urkundenfälschung und Tankbetrug. Er wurde nach Jugendstrafrecht verurteilt, bekam eine Geldstrafe von 3.600 Euro und Meldeauflagen. Bei ihm sei eine Reifeverzögerung festgestellt worden, erklärt Raphael Neef, Pressesprecher und Richter am Landgericht Berlin. Meyer-Heuer hält das bei den Clanmitgliedern für einen falschen Ansatz.

Mir hat mal ein Staatsanwalt gesagt, wir wollen mit dem Jugendstrafrecht Leute resozialisieren. Bei denen ist es aber so, dass diese Leute nie sozialisiert waren.

Claas Meyer-Heuer, Journalist

Für seine Beteiligung am Diebstahl einer wertvollen Riesen-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum im Februar 2020 wurde Wissam Remmo zu vier Jahren und sechs Monaten Haft nach Jugendstrafrecht verurteilt. Das Urteil war seit Anfang September rechtskräftig. Die Haft antreten musste er bis zu seiner Festnahme letzte Woche allerdings nicht. Es seien noch nicht alle behördlichen Prozesse abgeschlossen gewesen, sagt Richter Raphael Neef: "Es sollte schneller gehen, aber es kann auch vorkommen, dass es eben so ist, wie es ist."

Kaum Zeugen durch gefestigte Clanstrukturen

Ermittlungen im Bereich der Clankriminalität gestalten sich oft schwierig, weiß Thorsten Cloidt aus Erfahrung. Er leitet bei der Berliner Staatsanwaltschaft eine Abteilung, die sich speziell mit Clankriminalität beschäftigt. Dabei macht ihm und seinen Kollegen vor allem die extreme Abschottung zu schaffen. Kronzeugen innerhalb einer Clanfamilie zu finden, sei sehr kompliziert. "Da muss der Druck so groß sein, dass man um sein eigenes Leben fürchtet, bevor man anfängt mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten", erklärt Oberstaatsanwalt Cloidt.

Thorsten Cloidt, Staatsanwaltschaft Berlin
Thorsten Cloidt leitet bei der Berliner Staatsanwaltschaft eine Abteilung, die sich mit Clankriminalität beschäftigt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bisher konnten Cloidt und seine Kollegen nur einen Kronzeugen aus dem direkten Clanumfeld gewinnen. Auch Aussagen von anderen Zeugen sind schwierig zu bekommen. Und es sei auch Realität, dass die Aussagen vor Gericht dann anders ausfielen, als zuvor protokolliert. So scheitern Behörden oft daran, Machenschaften aufzudecken und Täter zu bestrafen.

Experte: Ermittlungen im Bereich der Clankriminalität "ganz weit am Anfang"

Gewerbsmäßig handelnde Verbrecher häufen durch ihre Straftaten oft ein enormes Vermögen an. Eine Änderung im Strafrecht macht es möglich, ihnen dieses wieder abzunehmen: Seit 2017 kann kriminelles Vermögen per Gesetz eingezogen werden. Als Vermögen gilt dabei nicht nur Bargeld. Die Finanzermittler prüfen alles, was wertvoll ist. Schwierig wird es für die Beamten, wenn die Verbrecher durch Tricks versuchen, ihr Vermögen zu retten, indem sie Luxusgüter auf andere überschreiben. Hier müssen die Finanzermittler dann nachweisen, warum Oma oder Großtante nicht aus eigenen wirtschaftlichen Kräften über diesen Besitz verfügen können. "Wir müssen da maximale Vermögensabschöpfung betreiben", sagt Staatsanwalt Cloidt.

Der Berliner Staatsanwalt ist der Ansicht, dass die Gesetze ausreichen, um dem Remmo-Clan-Chef und seinen Anhängern beizukommen. Sie müssten nur konsequent umgesetzt werden. "Fakt ist, dass es kein Hundertmeterlauf sondern ein Marathon ist, und was den Bereich Clankriminalität anbelangt, befinden wir uns erst ganz weit am Anfang", weiß Cloidt.

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Ein Raum mit viel Schmuck. 60 min
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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 24. November 2020 | 21:45 Uhr