Soziale Netzwerke Wer steckt hinter den Hasspostern?

Er wünscht einem Richter, dass dessen Kinder "dran glauben müssen" und hetzt gegen Politiker. "MDR-exakt" hat einen Mann aufgesucht, der Drohungen unter seinem Klarnamen auf Facebook ausspricht und gefragt: Warum tut er das?

"Unfälle passieren so schnell", schreibt er auf Facebook. Der Mann agiert mit seinem Klarnamen. "Dann wissen ganz bestimmte Leute, was zu machen ist." Mit diesem Kommentar meint er den neu gewählten Görlitzer Oberbürgermeister.  Der Politiker begreift das als offene Drohung. Auch gegen den CDU-Politiker Walter Lübcke kursierten solche Posts vor dessen Ermordung. Doch was bewegt den Verfasser zu solchen Aussagen?

"Ja, es ist eindeutig, was er mir hier wünscht", sagt Octavian Ursu, der das Ziel dieser Drohung ist. Als "MDR-exakt" den Verfasser mit seinem Kommentar konfrontiert, wiegelt der ab. "Das war aber kein Aufruf, absolut nicht", sagt Michael Neuner aus einer Kleinstadt in Brandenburg. Seine Version lautet: Der Kommentar sei missverständlich geschrieben und er habe damit eigentlich ausdrücken wollen, dass es, wenn es so weitergehe, wieder zu Angriffen komme.

Er sei oft wütend, wenn er postet

Ein Kommentar aus Facebook.
Diesen Kommentar schrieb Michael Neuner über den neugewählten Görlitzer Oberbürgermeister. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Allerdings war das nicht sein einziger abwertender oder bedrohlicher Kommentar: Über die in Ghana geborene Fernseh-Moderatorin Marika Williams schreibt er, dass diese eine "massive Pigmentstörung" habe und nicht über Pizzaöfen urteilen könne, sondern nur über "offene Feuerstellen und gedünstete Maden". Einem Cottbusser Richter wünscht er, dass dessen Kinder "dran glauben müssen". Dieser hatte einen syrischen Mordverdächtigen nach mehr als zwei Jahren aus der Untersuchungshaft entlassen, weil sich das Gerichtsverfahren so lange hinzieht.

"So hab ich es nicht gemeint", rechtfertigt sich Michael Neuner gegenüber "MDR-exakt". "Total verkehrt geschrieben." Er fragt, ob eine Strategie dahinter steckt und meint, dass ein Deutscher nicht freigelassen worden wäre. Auf die Erklärung, dass es sich nur um die Untersuchungshaft und nicht um einen Freispruch von der Tat handelt, geht er nicht ein. Er sei oft wütend, wenn er auf Facebook poste, sagt er über seine Motivation so zu kommentieren.

Großteil der Hasspostings aus rechtem Spektrum

Doch der Brandenburger ist nur ein Beispiel. Insgesamt registrierten die deutschen Behörden im letzten Jahr mehr als 1.400 politisch motivierte Hasspostings. Davon wurden allein 1.130 dem rechten Spektrum zugeordnet. Und dies sind nur die strafbaren Fälle und die, die zur Anzeige gebracht wurden.

"Da sind ja häufig keine konstruktiven Ideen dahinter, wie man Dinge besser machen könnte", sagt der Diplom-Psychologe vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, Daniel Geschke. Diesen Leuten gehe es darum, "irgendwen runter zu machen".

Doch offenbar sind dabei bestimmte Menschen häufiger im Fokus der Hassposter. Menschen mit Migrationshintergrund sind besonders oft von Hassrede im Internet betroffen. Ähnlich häufig trifft es amtierende Politiker, Muslime, Geflüchtete, Arbeitslose und Frauen. Viele Betroffene berichten von psychischen Probleme.

Laute Minderheit erweckt Eindruck von Mehrheit

Die Hasspostings haben aber auch eine Wirkung über die Betroffenen hinaus, sagt der Experte. "Spannend ist jetzt aber, dass über die Hälfte der von uns Befragten gesagt haben, sie halten sich im Internet zurück mit ihrer politischen Meinung", erklärt Psychologe Geschke. Denn sie wollten nicht für ihre Meinung angegriffen werden. "Das heißt: Wenige sind im Moment direkt betroffen, viele beobachten das und noch mehr ziehen sich aus den Diskussionen zurück." Der Effekt sei, dass eine laute Minderheit den Eindruck erwecke, die Mehrheit zu sein.

Diese Stimmung könne Gewalttaten wie den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke fördern, sagt Geschke. Potentielle Gewalttäter fühlten sich ermutigt, weil – zumindest scheinbar – die Mehrheit der Leute hinter ihnen stehe.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

Ein Mann steht neben einem Auto.
Familienvater Michael Neuner sagte, er ist oft wütend, wenn er auf Facebook postet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Michael Neuner sagt, dass Facebook seine Emotionen hochschaukle. Der Kraftfahrer und Familienvater ist nach einem Arbeitsunfall seit einigen Monaten krankgeschrieben. Am Tag verbringe er teilweise mehrere Stunden auf Facebook. Ist ihm der Zusammenhang zwischen solchen Hassposting und einem Mordfall wie der an Walter Lübcke bewusst? Neuner sagt: "Ja", doch dann ergänzt er auf Nachfrage. "Das Problem ist einfach, dass viele Sachen von Walter Lübcke jetzt zum Beispiel im Fall verschwiegen werden […] Warum muss es gleich immer ein Rechtsradikaler gewesen sein?"

Ein Einsehen gibt es beim Hassposter nicht wirklich. Allerdings möchte sich Michael Neuner jetzt bei Octavian Ursu entschuldigen. Sein Facebook-Profil hat er inzwischen gelöscht. Im Moment ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn, wegen der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten.

 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 17. Juli 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2019, 05:00 Uhr