Nach Abbruch der IG-Metall-Verhandlungen IWH-Experte für einzelne Betriebsvereinbarungen

Die Angleichung der tariflichen Wochenarbeitszeit in der Metallindustrie zwischen Ost und West hätte eine Senkung der Arbeitszeit im Osten von 38 auf 35 Stunden pro Woche bedeutet. Die Verhandlungen sind nun auf Eis gelegt. Professor Steffen Müller ist Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Er unterstützt den nun eingeschlagenen Weg von IG Metall, Betrieb für Betrieb die Arbeitszeit verkürzen zu wollen. Wir haben ihn dazu befragt.

Welche Konsequenzen hätte die Senkung der Arbeitszeit im Osten von 38 auf 35 Stunden für Arbeitgeber?

Prof. Dr. Steffen Müller: Wenn Beschäftigte kürzer arbeiten, müssen Arbeitgeber die Arbeit im Betrieb neu organisieren. Das ist in der Regel mit Kosten und Reibungsverlusten verbunden. Zum anderen dürften zumindest kleinere Betriebe kurzfristig Schwierigkeiten haben, Aufgaben auf mehr Beschäftigte umzuverteilen. Ein weiterer Aspekt ist, dass der grassierende Fachkräftemangel vor allem im Osten sich nochmals verschärfen dürfte, wenn die Arbeitszeit wie geplant um etwa acht Prozent reduziert würde.

Welche Konsequenzen hätte die Senkung der Arbeitszeit im Osten von 38 auf 35 Stunden für Arbeitnehmer?

Höhere Kosten für den Einsatz von Arbeit bei gleicher Produktivität schaffen zusätzliche Anreize, Beschäftigte mittelfristig durch Roboter oder andere Formen der Automatisierung zu ersetzen. Je nach Verhandlungsposition der Beschäftigten kann es Arbeitgebern außerdem gelingen,  eine Arbeitszeitverkürzung bei gleicher Arbeitsbelastung - d.h., höherer Arbeitsintensität pro Stunde - durchzusetzen. Die Arbeitnehmer hätten dann aber wenig gewonnen. Zudem besteht ein Risiko für die Gewerkschaft im Austritt von Unternehmen aus dem Tarifvertrag.

Wie realistisch ist die Forderung nach Senkung der Arbeitszeit?

Das wirtschaftliche Umfeld ist im Moment sehr positiv und Lohnerhöhungen sollten relativ leicht darstellbar sein. Gleichzeitig ist die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollen Auftragsbüchern und gleichzeitigem Mangel an Fachkräften ein echtes Problem für viele Arbeitgeber.

Welche Lösungsvorschläge sehen Sie für das Problem?

Mein Vorschlag sind betriebliche Lösungen statt pauschaler tariflicher Vorschrift, denn betriebliche Lösungen können die konkrete Situation im Betrieb berücksichtigen. Das ist genau der Weg, den die IG Metall nun beschreiten möchte.

Wie werden sich der Abbruch der Verhandlung und die Folgen des Abbruchs (mögliche Streiks) auf die ostdeutsche Wirtschaft auswirken?

Ich hoffe, dass es nicht zu Streiks kommen wird. Aufgrund der sehr deutlichen Opposition der Arbeitgeber gegen eine Arbeitszeitverkürzung, ist der Streik auch für die Gewerkschaft riskant, da ein Scheitern droht. Das macht mich optimistisch, dass ein Streik verhindert werden kann. Die IG Metall hat ja zunächst auch eher einzelbetriebliche Lösungen im Blick. Käme ein Streik, wäre dieser sehr teuer für die Arbeitgeber. Denn auch, wenn momentan vielerorts konjunkturell bedingte Entlassungen drohen, sind viele Betriebe derzeit noch stark ausgelastet.

Zur Person Prof. Dr. Steffen Müller ist Universitätsprofessor für Wirtschaftswissenschaften, Produktivität und Innovation an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Zudem ist er Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Oktober 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2019, 16:59 Uhr