Kombi-Präparat Masern-Impfpflicht: Kritik an Mehrfach-Impfstoff

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Seit dem 1. März gilt die Masern-Impfpflicht. Kinder in Kitas und Schulen müssen nun gegen die hochansteckende Krankheit immunisiert sein. Doch eigentlich betrifft diese Impfpflicht nicht nur die Masern – das ist in der Corona-Krise beinahe untergegangen. Denn in Deutschland werden sogenannte Kombinationsimpfstoffe verwendet. Ist die Masern-Impfpflicht also zugleich eine Impfpflicht gegen andere Infektionskrankheiten?

Eine Arzthelferin impft in einer Arztpraxis eine Patentin mit einer Spritze
Die Masern-Impfpflicht gilt in Deutschland seit einigen Monaten. Bildrechte: MDR/dpa

Als die Bundesregierung im Herbst ihre Ideen für ein sogenanntes Masernschutzgesetz präsentierte, wurde die FDP-Abgeordnete Katja Hessel skeptisch. Nicht wegen der neuen Impfpflicht, meint Hessel. Die sei völlig richtig. Aber das Gesundheitsministerium hat in ihren Augen nicht offengelegt, dass sich die Impfpflicht faktisch auch auf Mumps und Röteln bezieht.

Hessel meint, der Bundesregierung sei es relativ egal, dass es keinen eigenen Masernimpfstoff gibt. Sie habe dazu eine Frage an die Bundesregierung gestellt und die habe daraufhin geantwortet, dass es ja Sache der Pharmahersteller sei. Hessel zufolge sei es für die Bundesregierung also nicht so schlimm, wenn die anderen Sachen mitgeimpft würden, weil "es wäre ja gut, die mit zu bekämpfen."

Masernimpfung nur in Kombination mit anderen Impfungen

Der Hintergrund: Impfstoffe gegen Masern werden als Kombinationsimpfstoffe angeboten, die gleichzeitig gegen Mumps und Röteln, manchmal auch noch gegen Windpocken wirken – die sogenannten Dreifach- oder Vierfachimpfungen.

Impfstoffe zur Impfung gegen Masern und gegen Windpocken
Impfstoffe gegen Masern werden in Deutschland nur noch als Kombinationsimpfstoffe angeboten. Bildrechte: imago images / photothek / Ute Grabowsky

Dem Robert Koch-Institut zufolge sind Einfachimpfstoffe gegen Masern seit 2018 in der gesamten EU nicht mehr verfügbar. Im Gesetz steht deshalb, dass die Impfpflicht auch dann besteht, wenn nur Kombinationsimpfstoffe verfügbar sind.

Ein problematisches Vorgehen, meint der Humangenetiker Wolfram Henn, der als Mitglied des Deutschen Ehtikrates das Kabinett zur Masern-Impfpflicht beraten hat.

Kritik am Vorgehen der Bundesregierung vom Ethikrat

"Als Arzt kann ich nur sagen, dass die Kombinationsimpfstoffe hochvernünftig sind", sagt Henn. "Aber wenn man es rechtlich betrachtet, dann steht nur eine Impfpflicht gegen Masern im Gesetz drin." Dadurch sei es also faktisch nicht möglich auf die Impfungen gegen Mumps, Röteln und Windpocken zu verzichten.

Der Ethikrat hatte auf diesen Konflikt hingewiesen und angeregt, Einfachimpfstoffe bereitzustellen. Doch für die Produktion seien die Pharmaunternehmen zuständig, erklärt das Gesundheitsministerium. Die Hersteller orientieren sich an der Nachfrage und den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission.

Die wiederum sagt ganz klar: Kombinationsimpfstoffe sind sinnvoller, weil die Kinder seltener gestochen werden müssen, der zeitliche Aufwand für Ärzte und Eltern geringer ist und weniger Nebenwirkungen zu befürchten sind.

Einzelimpfstoff auch in Deutschland zugelassen

Wolfram Henn vom Ethikrat meint, dass der Einzelimport eines Impfstoffs, beispielsweise aus der Schweiz ein mögliches Instrument wäre. Der Einzelimpfstoff sei in Deutschland zwar zugelassen, aber er werde nicht vermarktet, erklärt Henn: "Das ist der Originaltext des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts und darauf könnten sich Leute zurückziehen, wenn sie das denn partout wollten."

Den Impfstoff müsste man in diesem Fall auf Privatrezept in einer Apotheke bestellen. Ob sich ein Mediziner findet, der ihn verabreicht, ist aber fraglich, weil Ärzte diese Leistung nicht bei den Kassen abrechnen können.

Warum steht dann nicht gleich im Gesetz, dass man eine Impfung für Masern, Mumps, Röteln und Windpocken nachweisen muss? Vermutlich um den Streit so klein wie möglich zu halten, glaubt Henn. Deshalb der Fokus auf die mitunter tödlichen Masern.

Wird die Bevölkerung getäuscht?

Die Parlamentarierin Katja Hessel findet das nicht ganz redlich: "Also im Endeffekt haben wir schon das Problem, wir nehmen etwas billigend in Kauf, was wir der Bevölkerung so nicht verkaufen."

Das (Vorgehen der Bundesregierung; Anm. d. Red.) widerspricht ein Stück weit der Transparenz.

Katja Hessel | FDP Bundestagsabgeordnete

Deshalb hatten mehrere Eltern Eilanträge beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Die haben die Richter im Mai aber abgelehnt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. August 2020 | 06:08 Uhr

28 Kommentare

Critica vor 6 Wochen

Peter, ich glaube schon, dass Eltern das erste Recht haben, über Ihre Kinder zu bestimmen. Zumindest bis sie volljährig sind. Danach können Kinder selbst entscheiden wofür oder wogegen sie sich impfen lassen etc. pp.
Es kann und darf nicht sein, dass das Wohl der Kinder über die Köpfe der Eltern hinweg vom Staat bestimmt wird, es sei denn es geht um Kindeswohlgefährdung. Und die ist beim Impfschutz nicht gegeben.

MDR-Team vor 6 Wochen

Sie können alle Infos dazu sowohl beim Bundesgesundheitsministerium, als auch beim RKI nachlesen. Es geht dabei hauptsächlich um zwei Punkte 1. Individualschutz und 2. Gemeinschaftsschutz.

Ekkehard Kohfeld vor 6 Wochen

Ach und was machen sie mit den ganzen Erwachsen die nicht geimpft sind mit denen die Kinder in Konntackt kommen,wollen sie die auch alle Zwangsiipfen,ihre Logick weist einige gravierende Fehler auf.