Intensivmedizin Beatmungspatienten über Reformpläne besorgt

Gesundheitsminister Spahn will die Pflege von dauerhaft künstlich beatmeten Patienten reformieren. Deren Betreuung soll nur noch in Ausnahmefällen zu Hause stattfinden. Experten kritisieren das, Patienten sind besorgt.

Kerstin Bochröder wird Zuhause von ihrem Mann gepflegt. Die 46-Jährige aus Gotha hat ALS, eine chronische Muskelerkrankung mit tödlichem Verlauf. Mehrere Stunden pro Tag muss sie durch Schläuche beatmet werden. Trotzdem kann sie ihr Leben daheim genießen. Stundenweise kann sie sogar mit einer speziellen Kanüle sprechen. Nach dem geplanten Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz sollen Patienten, die dauerhaft beatmet werden, nur noch von Fachkräften in speziellen Pflegeheimen oder sogenannten "Beatmungs-Wohneinheiten" betreut werden.

Die Leistungen der außerklinischen Intensivpflege werden künftig regelhaft in vollstationären Pflegeeinrichtungen [...] oder in speziellen Intensivpflege-Wohneinheiten [...] erbracht.

Reha- und Intensivpflege Stärkungsgesetz

Die Reformpläne des Bundesgesundheitsministeriums machen Kerstin Bochröder Angst. "Ich möchte raus. Ich möchte noch am Leben teilnehmen", betont Kerstin Bochröder. "Sollte es so kommen, dass wir doch alle weg müssen von zu Hause, dann habe ich gesagt, dann drücke ich den Knopf und stelle die Beatmung ab und will sterben. Ich gehe in kein Heim”, sagt die 46-jährige ALS-Patientin.

Kritik von Betroffenen und Experten

Ein Mann mit Brille, kurzen brauen Haaren und grauem Bart.
Pflegewissenschaftler Ewers kritisiert, dass Patienten das Wahlrecht genommen werde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Experten kritisieren den Gesetzentwurf. "Anstatt dem Patienten ein vollständiges Wahlrecht einzuräumen und zu sagen: Sie können entscheiden, ob Sie häuslich versorgt werden wollen, wenn Sie denn dauerhaft auf Beatmung angewiesen sind oder ob sie eine stationäre Einrichtung oder eine WG für sich vorziehen. Das gibt es so nicht, das sieht der Gesetzentwurf ja so nicht vor", erklärt Pflegewissenschaftler Michael Ewers dem MDR-Magazin "exakt". Dies sieht er als einen "der zentralen Kritikpunkte.”

Spahn räumt Bochröders Zweifel aus

Beatmungspatientin mit ihrem Mann im Wohnzimmer.
Kerstin und Uwe Bochröder sind laut Jens Spahn nicht von den Plänen betroffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kerstin Bochröder und ihr Mann Uwe wollten sich nicht länger mit der Frage quälen, ob auch die ALS-Patientin von den neuen Plänen betroffen sei. Sie haben Gesundheitsminister Spahn direkt mit ihren Sorgen konfrontiert. Mit ihren zwei Pflegern machten sie sich auf den Weg nach Arnstadt, wo der Gesundheitsminister einen Besuch in einem Pflegeheim angekündigt hatte. Kerstin Bochröder war an das Beatmungsgerät angeschlossen und konnte so nicht reden. Uwe Bochröder sprach Jens Spahn auf die "ungewisse Zukunft" an. "Wenn sie wirklich gegen ihren Willen ins Intensivheim muss? Wer will denn das abdecken?", will er vom Gesundheitsminister wissen. Dieser erklärt, "dass genau Ihre Lebenssituation nicht die ist, die wir mit dem Gesetz adressieren." Kerstin Bochröder könne "natürlich weiterhin Zuhause gepflegt werden."

Gegen Geldmacherei mit Wachkomapatienten

Mit seinem Gesetzentwurf möchte Jens Spahn erreichen, dass vor allem Wachkomapatienten nicht mehr zu Hause beatmet werden, sagt der Minister MDR-"exakt". Denn im häuslichen Umfeld seien Kontrollen oft nicht möglich. Dadurch gebe es immer wieder Missstände. Einige ambulante Pflegedienste vernachlässigten Patienten oder rechneten Leistungen ab, die gar nicht erst erbracht würden.

Ein Beatmungsschlauch
Mehr als 100.000 Menschen werden hierzulande ambulant und stationär beatmet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jens Spahn betont gegenüber dem MDR, "dass es insbesondere auch um die Patientinnen und Patienten geht, die für sich selbst gar keine Entscheidung oftmals mehr treffen können, wo sie denn gepflegt werden, wo finanzielle Anreize darüber bestimmen. Wo gepflegt wird und nicht das, was qualitativ das richtige für diese Patienten wäre." Dies sei "der Hauptfokus dieses Gesetzentwurfes". "Und in diese Richtung werden wir ihn jetzt überarbeiten”, verspricht der Gesundheitsminister. Denn stationäre Einrichtungen können besser kontrolliert werden.

Für die ambulante Intensivpflege eines Beatmungspatienten zahlen die Kassen 20.000 bis 30.000 Euro im Monat. Schätzungen zufolge werden in Deutschland mehr als 100.000 Menschen ambulant und stationär beatmet. Und es werden immer mehr. Ein lukratives Geschäft. Es gibt immer wieder Ermittlungen gegen Pflegedienste.

Beatmungsentwöhnung steigert Lebensqualität

Ein Mann mit weißem Kittel steht im Flur.
Für Mediziner Ulf Bodechtel muss mehr für Beatmungsentwöhnungsprogramme getan werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jens Spahn möchte mit dem geplanten Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz auch die Zahl der künstlich beatmeten Patienten senken. Dafür will er die Beatmungsentwöhnung finanziell stärken. Der Fachbegriff für die Beatmungsentwöhnung ist Weaning. Bundesweit für ihren Weaning-Schwerpunkt bekannt ist die Bavaria-Klinik in Kreischa bei Dresden. Chefarzt Ulf Bodechtel findet, dass die meisten Krankenhäuser  nicht genug für die Beatmungsentwöhnung tun. Viele Patienten würden aus Intensivstationen mit Langzeitbehandlung in eine Pflegeeinrichtung verlegt, ohne dass vorher ein Beatmungsentwöhnungsversuch unternommen würde.

Ein Patient im Krankenbett.
Klaus Reinhold hat die Beatmungsentwöhnung Lebensqualität zurückgebracht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weaning statt jahrelanger Beatmung - das senkt die Kosten und verbessert die Lebensqualität der Patienten. Bei Klaus Reinhold aus dem Erzgebirge hat das funktioniert. "Die Sprache kommt wieder", erinnert sich Reinold an seine Rehaerfolge. "Und Ihr Sohn und Ihre Frau sitzen neben Ihnen und sie sprechen dann ganz normal mit Ihnen. Das ist wie völlig neugeboren", erzählt er glücklich.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 06. November 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2019, 05:00 Uhr