Passergiere betreten eine Chartermaschine am Flughafen Halle/Leipzig
Abschiebung oder freiwillige Rückkehr - zurück in der Heimat macht das einen großen Unterschied. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Interview Hilfe für Abgeschobene und Rückkehrer in Afghanistan

Der Fall eines abgeschobenen Asylbewerbers aus Afghanistan, der sich in seiner Heimat umgebracht hat, schlägt hohe Wellen. Welche Hilfen erhalten in Deutschland abgewiesene Asylbewerber und Rückkehrer in ihrer Heimat? Ein Gespräch mit Sabine Lehmann von der Internationalen Organisation für Migration.

von Astrid Wulf, MDR AKTUELL

Passergiere betreten eine Chartermaschine am Flughafen Halle/Leipzig
Abschiebung oder freiwillige Rückkehr - zurück in der Heimat macht das einen großen Unterschied. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Frau Lehmann, Ihre Kollegen in Afghanistan nehmen am Flughafen freiwillige Rückkehrer, aber auch Abgeschobene in Empfang. In welcher Verfassung erleben Sie diese Menschen?

Das ist sehr unterschiedlich. Deswegen ist es mir auch besonders wichtig, an dieser Stelle auch noch einmal zu betonen, dass wir an Rückführungen oder Abschiebungen als Organisation nicht beteiligt sind. Die werden von deutschen Behörden organisiert.

Wir kommen erst ins Spiel, wenn die Menschen, die abgeschoben wurden, in Afghanistan am Flughafen ankommen. Und das ist bei der freiwilligen Rückkehr anders. Da haben wir andere Möglichkeiten, den gesamten Prozess der Rückkehr zu betreuen, zu planen, zu unterstützen und auch im Anschluss Unterstützung bei der Reintegration zu bieten.

Im Falle von Abgeschobenen können wir nur eine kleine Ankunftsunterstützung auf Wunsch der afghanischen Behörden bieten, also zum Beispiel eine vorübergehende Unterbringung oder die Übernahme der Kosten für die Weiterreise.

Wie erleben Ihre Kollegen die Ankömmlinge?

Das ist von Fall zu Fall abhängig. Insbesondere bei einer Abschiebung spielt das Stigma des Scheiterns eine große Rolle. Es ist auch mit vielen Risiken und Schwierigkeiten für die Menschen verbunden. Die kommen an und wissen erstmal nicht, wie es weitergeht. Das können wir auch daran festmachen, dass es immer auch einige Personen gibt, die noch nicht genau wissen, wohin sie weiterreisen möchten. Diese wollen oder können nicht immer auch an den Ort in Afghanistan zurückkehren, aus dem sie ursprünglich stammen.

Wie können Sie da helfen?

Sabine Lehmann, International Organization for Migration (IOM)
Sabine Lehmann von der International Organization for Migration (IOM). Bildrechte: International Organization for Migration

Wir können da zunächst mal eine vorübergehende Unterbringung ermöglichen, bis auch eine Weiterreise stattfinden kann. Das machen wir mit fast all denjenigen, die ankommen: Die Weiterreise organisieren. Es gibt auch die Möglichkeit einer medizinischen Versorgung, wir sind mit einem Arzt am Flughafen. Wir arbeiten auch mit NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen, Anmerkung der Red.) vor Ort zusammen, die psychosoziale Beratung bieten. Aber alles immer nur, wenn die Person auch danach fragt.

Wie viele der Rückkehrer brauchen denn Hilfe - materieller, medizinischer oder auch psychologischer Art?

Bei der medizinischen Unterstützung wissen wir oft vorher, wer eventuell Bedarf hat. Bei einer psychosozialen kann das bei der Ankunft angesprochen werden, und dann können wir da diese Unterstützung bieten. Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Sie helfen vor allem freiwilligen Rückkehrern. Wie viele Menschen sind denn froh darüber, dass sie wieder in die Heimat zurückkehren können? Und stehen diese trotzdem vor Herausforderungen, zum Beispiel einem "Kulturschock" nach ein paar Jahren in Deutschland?

Das sind dann tatsächlich ein ganz anderer Fall. Jemand, der sich für eine freiwillige Rückkehr entschließt - das ist ja ein Prozess - kann das in Deutschland tun. Er wird hier über ein System von Beratungsstellen beraten, stellt einen Antrag auf Förderung und bekommt dann Unterstützung von uns. Er reist mit einem ganz normalen Linienflug aus, kommt als Passagier vor Ort an. Das heißt, er hat auch nicht dieses Trauma der Ankunft in Polizeibegleitung mit Handschellen und so weiter. Das ist also ein ganz anderer Fall, wenn sich Menschen schon vorab mit ihrer Rückkehr beschäftigen können.

Wenn die Menschen ankommen, gibt es verschiedene Programme, sowohl finanzielle als auch durch Trainings oder Ähnliches, um sie bei der Wiedereingliederung zu unterstützen, Hilfestellung zu leisten, wieder sozio-ökonomische Bindungen aufzubauen etc. Das heißt, der Kontext ist ein bisschen anders, um genau den eben angesprochenen Schwierigkeiten entgegenwirken zu können. Es gibt zum Beispiel Reintegrationsangebote, bei denen wir dabei unterstützen können, ein Geschäft zu gründen. Da können wir die Menschen dann auch über einen gewissen Zeitraum hinweg betreuen.

Ansonsten ist der Standardfall, dass die Menschen, die die großen Rückkehrprogramme nutzen, die von deutscher Seite aus finanziert werden, sechs Monate nach ihrer Ankunft in Afghanistan auch nochmal zu uns ins Büro kommen, um eine zweite Rate der finanziellen Unterstützung, die möglich ist, abzuholen. Dann wird auch geschaut, welche Bedarfe noch bestehen, was man noch anders machen kann. Aber das ist so der Zeitrahmen.

Können Sie sagen, inwiefern Deutschland sich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern engagiert?

Sehr viel wird auf europäischer Ebene gemeinsam gemacht. Es gibt auch verschiedene Reintegrationsprojekte, wie zum Beispiel das Programm ERIN, die von europäischer Ebene aus koordiniert werden, sodass Rückkehrer aus europäischen Ländern Unterstützung finden können. Deutschland ist besonders engagiert und hat im April in Zusammenarbeit mit der GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Anmerkung der Red.) und IOM ein Migrationszentrum in Kabul eröffnet.

Die IOM Die Internationale Organisation für Migration (IOM) wurde 1951 gegründet und ist nach eigenen Angaben die führende zwischenstaatliche Organisation im Bereich Migration.

166 Staaten sind aktuell an der IOM beteiligt, in mehr als 100 Ländern gibt es 400 IOM-Büros mit rund 9.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Deutschland ist seit 1954 Mitgliedstaat der IOM, hierzulande gibt es vier Büros.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Juli 2018 | 14:18 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2018, 19:20 Uhr

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13 Kommentare

14.07.2018 11:19 jochen 13

Alle Asylanten bekommen durch den Meklestaat finanzielle Hilfe - weltweit.
87% der Wähler wollen das so.

13.07.2018 23:29 Bernd L. 12

Deutschland hat ekienrlei Verpflichtung, illegale Migranten auch noch nach Rückkehr zu unterstützen. Man sollte diese Ressourcen besser für unsere Bürger einsetzen- da gibt es viel zu tun.

13.07.2018 13:55 Annerose will 11

Dieser Artikel suggeriert, Deutschland sei nun auch für abgelehnte Asylbewerber in ihren Heimatländern verantwortlich. Warum eigentlich? Flöge man nach Australien und begehrte dort Asyl, würde abgelehnt, dann kümmerten sich die australischen Behörden nur darum, dass ich garantiert im nächsten Flieger mit Ziel außer Landes säße und um nichts weiter. Das ist der Normalzustand, welcher offenbar in Europa und Deutschland nicht mehr gilt. Was geht hier vor?

13.07.2018 12:07 Räudiger Hund 10

Instrumentalisierung eines traurigen Falls von der politisch-korrekten Art...

13.07.2018 11:03 der Uwe 9

Jochen#7 - volle Zustimmung , alles gut auf den Punkt gebracht. Wahrscheinlich soll D jetzt wieder in " Verzeihungshaltung " niederkniehen und sich dafür noch entschuldigen, weil sich ein abgeschobener VERURTEILTER STRAFTÄTER selbst das Leben genommen hat .- Aktuell höre ich gerade, das der Bin-Laden Leibwächter nun doch abgeschoben wurde, - jetzt bin ich ja mal wieder auf die folgenden "Empörungsschreie" und Mitleidsbekundungen gespannt !?

13.07.2018 09:48 winfried 8

Es ist keine humanitäre Frage, es ist und bleibt eine Prioritäten-Frage.
Jeder im Ausland ausgegebene €uro steht für DE-Herkunft-Bedürftige
nicht zur Verfügung.

13.07.2018 09:26 jochen 7

Hilfe für abgelehnte Asylanten? Weswegen ?

Wir haben niemanden zu uns geholt.
Wenn ein abgelehnter Asylbewerber sterben möchte, dann soll er. Das ist sein Problem.

13.07.2018 09:02 jochen 6

Geldgeschenke für abgeschobene Asylanten ?
Jetzt ist die politische Führung in Berlin völlig verrückt geworden.
Mit welchem recht verschenken die sinnlos unser Geld in alle Welt ?

13.07.2018 08:24 D.o.M. 5

Es ist abstoßend, wie auch hier wieder dieser Suizid für bestimmte politische Absichten instrumentalisiert wird. Er kommt einem wie ein willkommenes Geschenk für die Migrationsbefürworter vor

13.07.2018 08:21 D.o.M. 4

Interessant. Der mindestens einmalige Tritt auf deutschen Boden zieht den Anspruch auf Leistungen im Heimatland nach sich. das dürfte weltweit einmalig sein. Paradox dabei ist, dass das über eine " Internationale Organisation für Migration " abgewickelt wird, wo es sich hier doch ausdrücklich um Nicht-Migranten handelt. Wieviel zahlen wir Steuerzahler eigentlich jährlich an die "IOM" ?

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