25 Jahre Pflegeversicherung Experte: "Pflegeversicherung muss reformiert werden"

Wie schätzen Experten die Pflegeversicherung nach 25 Jahren ein? Olaf Scupin, Professor für Pflegemanagement an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena, hat im Gespräch mit "Hauptsache Gesund" Nachbesserungen gefordert.

Füße eines Mannes, der im Rollstuhl sitzt
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Herr Scupin, welche Bilanz würden Sie nach 25 Jahren Pflegeversicherung ziehen?

Olaf Scupin: "Man kann sagen: Es ist ein gesellschaftlicher Fortschritt, dass das soziale Risiko der Pflegebedürftigkeit als sozialrechtliches Phänomen – wie zum Beispiel Krankheit oder Arbeitslosigkeit – anerkannt wurde. Außerdem hat sie zur Professionalisierung der Altenpflege als Beruf beigetragen. Dennoch: Es gibt natürlich Punkte, die verbessert werden sollten."

Wo zum Beispiel?

Olaf Scupin, Professor für Pflegemanagement
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Olaf Scupin: "Besonders wichtig ist mir, dass Versorgungsketten angeboten werden sollten, die den Verlauf der Pflegebedürftigkeit als Prozess abbilden und nicht zu einem Institutionswechsel führen. Gerade bei komplexeren Fällen ist das derzeit ein Problem. Nehmen wir ein Beispiel: Jemand liegt im Krankenhaus, wird dann in die Kurzzeitpflege entlassen und kommt dann in die Reha. Wer kümmert sich darum, dass das reibungslos funktioniert? Wir denken derzeit in Institutionen: Krankenhaus, Pflegeheim, Kurzzeitpflege und so weiter. Aber wer fühlt sich für die Übergänge zuständig? Da müsste es eine Institution geben, die alle Beteiligten einbezieht, oder eine Art "Case Manager" für diese Patienten. Oder auch eine Bezugsperson, die sich anschaut, wie ein Mensch gelebt hat, bevor dieser Mensch geplant ins Altenheim geht. Jemand, der nachschaut, welche Hobbys, welchen Tagesablauf dieser Mensch hatte. Der dann in der ersten Woche als Bezugsperson da ist, damit der Mensch im Altenheim ankommen kann. Wir müssen einen Biografiebezug herstellen, damit sich der neue Bewohner auch wirklich wohlfühlt im Heim."

Wie könnte so etwas finanziert werden?

Olaf Scupin: Die Finanzierung muss geklärt werden, natürlich. In Luxemburg funktioniert das bereits besser. Nun könnte man sagen: Luxemburg ist ein reiches Land. Aber die zahlen einen genauso hohen Pflegeversicherungsbeitrag wie wir in Deutschland, zusätzlich werden Steuergelder in die Pflege geleitet. Wenn uns das Altwerden der Gesellschaft wichtig ist, dann sollte es eine Priorität sein, Pflege auch besser zu finanzieren. Es kann nicht sein, dass die Betroffenen gerade in der stationären Altenhilfe erhebliche Beträge selbst aufbringen müssen. Stellen Sie sich das mal beim Thema Gesundheit vor: Es wäre doch undenkbar, dass bei Krankheit 40% der Kosten von den Erkrankten selbst aufgebracht werden müssen oder die Angehörigen "einspringen" müssen. Bislang haben wir bei der Pflege nur eine "Teilkasko", während die Krankenversicherung "Vollkasko" bietet.

Welche Veränderung wäre aus Ihrer Sicht noch notwendig?

Olaf Scupin: Leider hat sich Deutschland für ein arzt- bzw. medizinorientiertes Pflegeversicherungssystem entschieden. Bei uns ist es so: Sämtliche Verordnungen von Pflegeleistungen, etwa Pflegebetten, muss immer noch ein Arzt, meistens der Hausarzt, vornehmen. Das Spezialwissen, was ein pflegebedürftiger Mensch braucht, ist aber bei den Pflegekräften vorhanden. Die müssten entscheiden können. In Kanada beispielsweise dürfen Pflegekräfte selbst die Sachen auf Rezept aufschreiben, die sie für die Pflege benötigen – Verbandsmaterial etwa. Und Studien zeigen: Das hat auch positive ökonomische Konsequenzen, denn die Pflegekräfte schreiben nur das auf, was sie auch wirklich benötigen, in der Menge, die sie benötigen. Wir benötigen also mehr Verantwortung für Pflegekräfte.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | nah dran | 23. Januar 2020 | 22:35 Uhr