Eine Grabstelle mehrerer evangelischer Kirchgemeinden steht auf dem Friedhof Wilmersdorf, im Hintergrund die Wilmersdorfer Moschee
Eine Grabstelle auf dem evangelischen Friedhof in Berlin-Wilmersdorf, im Hintergrund die Wilmersdorfer Moschee. Bildrechte: dpa

Debatte neu entfacht Muslime gehören dazu – Islam nicht?

Für die einen ist es eine Grundsatzfrage, für andere eine Pseudodebatte: Gehört der Islam zu Deutschland? Der neue Bundesinnen- und Heimatminister Horst Seehofer meint "Nein". Juristen und Wissenschaftler tendieren zum "Ja" - und warnen vor einer Spaltung der Gesellschaft.

Eine Grabstelle mehrerer evangelischer Kirchgemeinden steht auf dem Friedhof Wilmersdorf, im Hintergrund die Wilmersdorfer Moschee
Eine Grabstelle auf dem evangelischen Friedhof in Berlin-Wilmersdorf, im Hintergrund die Wilmersdorfer Moschee. Bildrechte: dpa

Verfassungsrechtler sieht Widerspruch

Der Verfassungsrechtler Hans Michael Heinig hat die von Bundesinnenminister Horst Seehofer befeuerte Debatte um die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland als nicht zielführend kritisiert. Aus rechtlicher Sicht könne man nicht zwischen dem Islam und den Muslimen unterscheiden.

Der Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland argumentiert: "Es gibt aus Sicht des Grundgesetzes keine Religion ohne das Individuum. Man kann nicht sagen, die Muslime gehören zu Deutschland, der Islam aber nicht."

Zugleich versucht Heinig, die Wogen zu glätten. Seehofer sende mit seinem "Nein" einerseits ein Signal an die islamkritischen Menschen. Andererseits habe er aber auch den Wert von wechselseitiger Rücksicht und Dialog unterstrichen. Seehofer hatte der "Bild"-Zeitung gesagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Unser Land sei durch das Christentum geprägt. Die hier lebenden Muslime jedoch gehörten selbstverständlich zu Deutschland.

Extremismusforscher warnt vor Spaltung

Der Bielefelder Extremismusforscher Andreas Zick warf Seehofer vor, durch seine Aussage "unnötige innergesellschaftliche Konflikte und Vorurteile" zu schüren. Die Aussage erschwere es, "sich tolerant und vernünftig zu unterhalten". Zick verwies auf die prompten, zum Teil hasserfüllten Kommentare im Internet. Und bei den Muslimen weckten solche Worte ein Gefühl der Missachtung.

Historiker: Islam hat uns grundlegend geprägt

Der Mittelalterhistoriker Michael Borgolte widersprach Seehofers Aussage, Deutschland sei vom Christentum geprägt. Er verwies auf den "geradezu grundlegenden" Beitrag des Islams zur hiesigen Kultur.

Deutsche Studenten mit ihrer Kommilitonin Vanqia aus Indonesien
Muslimische Studentin bei einer Vorlesung an der Luther-Universität Halle. Bildrechte: dpa

Der emeritierte Mediävist der Berliner Humboldt-Universität erklärt: "Es waren Araber und Syrer muslimischen Glaubens, die große Teile der Werke antiker griechischer Naturwissenschaft und Philosophie retteten, übersetzten und kommentierten und diese damit der lateinischen Welt des westlichen Europa überlieferten."

Der wissenschaftliche Aufbruch des hohen Mittelalters, der die Voraussetzungen für die moderne Welt geschaffen habe, beruht nach Ansicht Borgoltes auf diesen Leistungen muslimischer Gelehrter. Deutschland als Teil des westlichen Europas habe dem Islam seit dem Mittelalter "Unschätzbares" zu verdanken.

Was sagt die türkische Gemeinde?

Die Türkische Gemeinde in Deutschland hält die Islam-Absage von Bundesinnenminister Seehofer angesichts aktueller Drohungen gegen Muslime und ihre Einrichtungen für unangebracht.

 Ex-Bundespräsident Christian Wulff (r) unterhält sich am 10.07.2014 mit einem Muslim beim Interreligiösen Treffen in Hannover (Niedersachsen)
Bundespräsident Wullf hatte die Debatte 2010 so richtig ins Rollen gebracht mit seiner Feststellung: "Der Islam gehört zu Deutschland." Bildrechte: dpa

Vorsitzender Gökay Sofuoglu sagte dem SWR: "Das Timing ist auf jeden Fall falsch, (…), wenn eine Moschee oder Büros des Zentralrats der Muslime schließen müssen, weil die Terrorgefahr so groß ist".

Sofuoglu fügte hinzu. "Seehofer sollte nicht alleine entscheiden, wer zu Deutschland gehört und wer nicht." Dies sage ja das Grundgesetz. Das Signal, das von Seehofers Worten ausgehe, sehe er daher kritisch.

Was sagt die Kirche?

Die Katholische Kirche hingegen sieht es ähnlich wie Seehofer. Der jüngst verstorbene Kardinal Karl Lehmann sagte 2015: Europa sei bis in viele geistige und gesellschaftliche Eigenheiten hinein tief geprägt vom Judentum-Christentum. Daher sei eine simple Gleichung der Zugehörigkeit des Islam historisch und im Blick auf die aktuelle geistig-gesellschaftliche Situation unzureichend "und sogar falsch".

Das behindere allerdings nicht "ein Heimatrecht von Muslimen in Deutschland und eine schon von der Religionsfreiheit her gebotene Existenz und Tätigkeit des Islam bei uns". Lehmann warnte davor, dass der Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" zu einem Feindbild beitragen könne.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. März 2018 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2018, 21:17 Uhr

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268 Kommentare

18.03.2018 21:15 Leo Bronstein 268

@ Klaus (#260)

Und selbst bei einfacheren Texten können selbst Christen in die Falle tappen wie bei
Markus 10, 25 z. Bsp.
>Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt!<

Zumindest diejenigen, die nicht wissen, dass es sich beim Nadelöhr um das kleinste Tor in der Stadtmauer Jerusalems handelte.

18.03.2018 21:08 Leo Bronstein 267

@ Klaus (#260)
>Sie müssen nur meiner Google-Empfehlung folgen es ist gleich d. 1. Link, da ist alles schön aufgelistet. U. d. weiteren Links sind auch sehr aufschlussreich.
Aber Sie sagten doch, dass Sie d. Bibel kennen. Jetzt wohl doch nicht so gut.<

.
Kleiner Scherzbold.
1. Google sortiert d. Suchergebnisse nach vorhandenen persönlichen Kriterien f. jedem Computer unterschiedlich.
Spiegel(de); 25.01.12 >Persönliche Daten
Google will alles über dich wissen<
2. Hunderte Seiten, kein Hinweis u. ich soll dann als Trüffelschwein fungieren?

Dann könnte ich genauso auch sagen "Ich sehe was, was Sie nicht sehen" Nennen Sie mir d. Seite im Karl Marx Werken u. worum es dabei geht.

.
Falls Sie Lukas 14,26 meinen.
Dabei handelt es sich um die absolute Selbstverleugnung derjenigen, die ihm folgen und die bedingungslose, absolute Liebe zu ihm.

Für Atheisten handelt es dabei um ein fast aussichtsloses Unterfangen derartige Texte auch nur ansatzweise zu verstehen.

18.03.2018 19:19 Norbert 266

@259 tja und weil das hier vebockt wurde hat in NRW Rot- Grün
ausgedient. Die so vehement für den Islam eintreten, sollten sich mal fragen wie die westlichen Frauen diese Entwicklung sehen. Und hier in M.gladbach als Jahre langes Zentrum der NRW Salafisten
kann sich jeder davon überzeugen wie diese Extremisten einen kompletten Stadtteil übernommen haben. Der Stadtrat hat solange nichts dagegen unternommen, bis die gegängelten Bürger selbst auf die Strasse gegangen sind.
Für mich gehört der Islam dahin wo er her gekommen ist, in die Wüste.
Der Islam wird die Religionsfreiheit solange missbrauchen, bis dieser so gross ist, genau die Freiheit abzuschaffen.

18.03.2018 19:18 Wessi 265

@ 256 Das ist nun der dritte post zu diesem Thema+ich verstehe nicht, daß die anderen nicht veröffentlicht wurden. Also: mir sind die Angriffe Radikaler auf Israel durchaus bekannt.Das hat aber gar nichts mit dem Glauben zu tun, es ist ein politisches Problem.Ich werde "einen Teufel" tun, mich heute mit denjenigen zu verbünden deren Ahnen meine Familie verfolgt haben+von denen ich selbst aufgrund meiner unterschiedl. Wahrnehmung diskriminiert wurde+sogar hier manchmal werde.Im Gegenteil:ich finde es typisch mies, daß die freche deutsche Rechte sich in ihrem Fremdenhass sich heute anmasst die Juden heranzuzitieren, wenn es um die Ausgrenzung einer anderen Religion geht.Selbst das ist noch zu milde: es geht den Rechten um Ausgrenzung von anderen Rassen, wenn nicht sogar um die Ausgrenzung von allem, was nicht dem ...-blonden Durchschnitt,inkl.Seehofer, entspricht.(+was hat Jerusalem m.mir zu tun?Trumps Beschluß ist kriegschürend!Ich bin Inländer m.jüd.Familie+war evangelisch)

18.03.2018 19:11 Klaus 264

@ { 18.03.2018 17:51 der_Silvio }
Wieso deutsche Geschichte, gerade im letzten Jahr haben wir besonders viele Waffen nach Nahost geliefert. Das ist also keine Geschichte, sondern aktuelle Realität. Und der Erdogan, der hat doch auch eine ganze Menge deutsche Waffen bekommen.
Es ist vollkommen unstrittig, dass der Islam zu Deutschland gehört. Bei uns leben Moslem und es werden Moscheen gebaut. Den Islam beliefern wir, aber nicht nur Deutschland, sondern alle G8-Staaten mit Waffen, wodurch immer wieder neue Gewalt entsteht und Flüchtlinge erzeugt werden. Daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern.
Die Zahlen sind runter gegangen, werden aber nicht bei Null landen.
Von daher wird der Islam noch sehr lange Zeit zu Deutschland gehören.

18.03.2018 19:08 Mediator an der_Silvio (256) 263

Ist es bei Anschlägen nicht völlig egal was die Motivation ist?

Sie sollten auch nicht immer die ganze Welt bis ins hinterletzte sudanesische Kaff in ihre Betrachtungen einbezihen,nur um eine ihnen genehme Tätergruppe benennen zu können. Was Terroranschläge in Deutschland angeht, da führen Ostdeutsche die Hitliste an. Vor diesem Hintergrund ist mir eigentlich völlig egal, was in irgendwelchen Bürgerkriegsregionen der Welt für ein Bullshit erzählt wird um das Kanonenfutter nach vorne zu treiben.

Aber auch das ist völlig egal, denn in Deutschland herrscht Religionsfreiheit und die haben auch atheistische Rechtsradikale und ihre politischen Sprachrohre zu akzeptieren. Soweit mir bekannt ist macht auch keiner die christlichen Kirchen für Verbrechen ihrer Mitglieder verantwortlich.

18.03.2018 19:01 Wolfgang Nawalny 262

@Klaus 259 - Wo ist bei "uns"? Im Wolkenkuckucksheim oder im rosaroten Elfenturm?

In NRW ist die vom Kommentator richtig beschriebene Lage nicht nur auf Marxloh beschränkt sondern zieht sich mittlerweile durch den ganzen "Pott". "Arabische Familien-Clans" wie es die Polizei benennt, sind aber auch ein zunehmendes Problem in Berlin, da eigene Gesetze gelten sollen und mittlerweile Hoheitsgebiete abgesteckt werden.

18.03.2018 18:56 Klaus 261

@ { 18.03.2018 17:49 Leo Bronstein }
Nein, das passt doch alles. IS, Boko Haram und Taliban kämpfen alle nur mit Waffen der G8-Staaten. Und die meisten Opfer dieser Terrorgruppen sind wiederum Moslems, deren Angehörige wiederum teilweise nach Zentraleuropa fliehen und die islamischen Gemeinden bei uns vergrößern. Das fängt aber mit den Waffen an. Ohne Waffen wären die Terrorgruppen nahezu machtlos. Von daher gehört der Islam auch zu Deutschland.

18.03.2018 18:44 Klaus 260

@ { 18.03.2018 17:31 Leo Bronstein }
Sie müssen nur meiner Google-Empfehlung folgen es ist gleich der 1. Link, da ist alles schön aufgelistet. Und die weiteren Links sind auch sehr aufschlussreich.
Aber Sie sagten doch, dass Sie die Bibel kennen. Jetzt wohl doch nicht so gut.

18.03.2018 18:21 Klaus 259

@ { 18.03.2018 16:31 wer hat uns verraten, ... }
Bei uns gibt es nun mal kein Marxloh und dergleichen, das hat man in NRW verbockt.
Bei uns läuft alles rund, mit dem Islam haben wir keine Probleme.