Inobhutnahmen Immer mehr Kinder müssen ins Heim

Mitarbeiter des Jugendamtes leiden laut einer Studie vor allem unter zu viel Bürokratie, zu wenig Personal und damit zu hohen Fallzahlen. Das hat Auswirkungen – auf betroffene Familien und die Allgemeinheit.

Sarah muss in einer Wohngemeinschaft für Heimkinder leben, so hat es das Leipziger Jugendamt entschieden. So kann ihr Vater seine Tochter nur einmal im Monat sehen. Dabei wollen Dirk Lange und seine Frau Tanja das Kind immer bei sich haben. Der Abschied sei jedes Mal furchtbar, sagt Dirk Lange.

Als Sarah zwei Jahre alt ist, bekommt ihr Vater das alleinige Sorgerecht übertragen. Das Jugendamt hält Kontakt und zeitweise gibt es eine Familienhilfe. Nach sechs Jahren kommt es zum Streit mit der Behörde. Dirk Lange zieht ohne Rücksprache mit dem Jugendamt mit seiner Tochter an den Bodensee – er hatte dort eine Arbeitsstelle in Aussicht. Das Amt sieht darin eine Kindeswohlgefährdung, nimmt Sarah in Obhut und lässt die Erziehungsfähigkeit von Dirk Lange überprüfen. Laut einem Gutachten soll er wegen einer leichten Intelligenzminderung nicht erziehungsfähig sein.

Hohe Überlastung der Jugendamtsmitarbeiter  

Dirk Lange, der seine Tochter nur noch einmal im Monat sehen darf.
Dirk Lange darf seine Tochter nach einer Entscheidung des Jugendamtes nur noch einmal im Monat sehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Anwalt von Dirk Lange, Thomas Rensch, hält die Inobhutnahme für unbegründet: "Herr Lange hatte damals das vollumfängliche Sorgerecht und demzufolge auch die Erlaubnis gehabt, an den Bodensee zu ziehen." Der Familienrechts-Experte sieht in diesem Entzug des Sorgerechts einen schweren Verstoß gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.

Das Leipziger Jugendamt will sich auf Nachfrage von MDR exakt nicht zum konkreten Einzelfall äußern. Doch im Allgemeinen nehmen Jugendämter immer häufiger Kinder in Obhut. Waren es bundesweit 2010 noch 33.500 sind es 2018 schon 40.400 – Tendenz steigend (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind in den Zahlen ausgeklammert).

Die Überlastung der Mitarbeiter des Jugendamtes ist hoch, wie eine Angestellte gegenüber MDR exakt berichtet. Bundesweit kommen auf einen Bearbeiter bis zu 100 Fälle – empfohlen werden 30. In Leipzig kommen bis zu 70 Fälle auf einen Betreuer. Die Angst, etwas zu übersehen, führe immer häufiger zur Inobhutnahme, sagt die Insiderin.

Stadtrat: "Kosten für Inobhutnahmen sprengen Sozialsystem"

Der Leipziger Stadtrat Karsten Albrecht.
Der Leipziger Stadtrat Karsten Albrecht versucht seit Jahren die Gesamtkosten des Jugendamtes nachzuvollziehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das hat nicht nur Auswirkungen auf die betroffenen Familien – die Unterbringung und Betreuung der Kinder ist teuer für die Kommunen: Die Träger berechnen pro Kind und Monat 4.000 bis 6.000 Euro. "Also vor zehn Jahren haben wir für Hilfen zur Erziehung für das Gesamtsystem 40 Millionen Euro in der Stadt Leipzig ausgegeben. Momentan geben wir insgesamt 135 Millionen Euro aus", sagt CDU-Stadtrat Karsten Albrecht. Er sitzt im Jugendhilfeausschuss und versucht seit Jahren, die steigenden Gesamtkosten des Jugendamtes nachzuvollziehen und zu reduzieren.

Albrecht sagt: Diese Kostenexplosion sprenge das gesamte Hilfe- und Sozialsystem. Seine Forderung: Alle Beteiligten sollen sich zusammensetzen und nach Lösungen suchen, auch auf Bundesebene. Leipzig sei nur eine von vielen Kommunen mit diesem Problem.

Den Langes hilft das kurzfristig erst einmal nicht viel. Seit drei Jahren lebt Dirk Lange zusammen mit seiner Frau Tanja. Sie stabilisiert die Familie und kümmert sich liebevoll um Sarah. Doch das Amt glaubt nicht an die Dauerhaftigkeit der Beziehung. Deshalb muss Sarah im Heim bleiben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 27. November 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2019, 11:39 Uhr