Corona-Pandemie Kassenärzte-Chef wirft RKI "Alarmismus" vor

Der Bundeschef der Kassenärzte, Andreas Gassen, hat dem Robert Koch-Institut "Alarmismus" in der Corona-Pandemie vorgeworfen. Man müsse aufhören auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren. Es sei keine Überlastung des Gesundheitssystems abzusehen. Zugleich kritisierte Gassen die "Regelungswut" der Bundesländer als "kontraproduktiv".

Andreas Gassen
KBV-Chef Gassen: "Starren auf Zahl der Neuinfektionen führt zu falschem Alarmismus." Bildrechte: dpa

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, hat Warnungen des Robert Koch-Instituts (RKI) kritisiert, dass die Corona-Pandemie außer Kontrolle geraten könnte. "Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange, das führt zu falschem Alarmismus", sagte der Mediziner der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Selbst 10.000 Infektionen täglich wären kein Drama, wenn nur einer von 1.000 schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten."

Keine Überlastung des Gesundheitssystems

Lothar Wieler
RKI-Chef Wieler: "Möglich, dass sich Virus unkontrolliert verbreitet." Bildrechte: dpa

Gassen verwies darauf, dass es im Frühjahr bei 4.000 Neuerkrankten täglich bis zu 150 Corona-Tote gegeben habe. Das sei jetzt vorbei, jetzt seien die Sterbezahlen einstellig. "Solange das Verhältnis so bleibt, sind Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich kaum relevant", erklärte der KBV-Vorsitzende. Eine Überlastung des Gesundheitssystems sei auch in Herbst und Winter nicht abzusehen.

Gassen reagierte damit auf Aussagen von RKI-Chef Lothar Wieler. Der hatte am Donnerstag erklärt, es sei "möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet".

Schwellenwert 50 nicht mehr zeitgemäß

Gassen forderte außerdem, die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, ab der Kreise und Städte zu Risikogebieten erklärt werden, deutlich anzuheben: Die Zahl 50 stamme aus einer Zeit mit wöchentlich 400.000 Tests und hoher Positiven-Rate. Inzwischen werde dreimal so viel getestet bei viel weniger Test-Positiven. "Die Zahl muss den Entwicklungen angepasst werden, unter Berücksichtigung der niedrigeren Positivquote käme man aktuell auf einen Schwellenwert von 84 pro 100.000." Als starrer und alleiniger Indikator für das Ergreifen einschneidender Maßnahmen sei die Zahl ohnehin ungeeignet.

Scharfe Kritik an "Regelungswut" der Bundesländer

In dem Zusammenhang kritisierte Gassen auch das Vorgehen der Bundesländer im Kampf gegen die Corona-Pandemie scharf. "Diese Regelungswut ist oft eher kontraproduktiv", sagte der KBV-Vorsitzende mit Blick auf Reisebeschränkungen, Beherbergungsverbote und Sperrstunden. Innerdeutsche Reisen seien lediglich eine "Pseudo-Gefahr". Das Problem liege vielmehr bei "traditionellen Großhochzeiten, in Fleisch verarbeitenden Betrieben, durch unkontrolliertes Feiern". Diese Dinge würden durch Quasi-Reiseverbote überhaupt nicht unterbunden. Auch Sperrstunden und Alkoholverbote wie in Berlin seien "mehr als fragwürdig": "Bis 23 Uhr darf man sich ins Koma saufen, aber 23:30 Uhr gibt's nichts mehr?" Das sei nicht effektiv, weil es das individuelle Verhalten nicht ändere.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Oktober 2020 | 07:00 Uhr

166 Kommentare

Normalbuerger vor 1 Wochen

Hallo, ich kann den Beitrag von Herrn Gassen nur unterstützen. Die überstürzten Maßnahmen bringen uns überhaupt nichts, zumal sie völlig überzogen und unverhältnismäßig sind. Was Herr Wieler das ganze Jahr äußert, ist in meinen Augen alles auf Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten aufgebaut, anstatt solide Kenntnisse anhand von Studien zu erarbeiten, wozu das RKI ja eigentlich da ist. Im Frühjahr hat man ja gesehen, wozu das führte. Aus der voraussichtlichen Knappheit von Intensivbetten, wurde dann in den Krankenhäusern Kurzarbeit beantragt. Und wenn von 1000 Infizierten lediglich einer schwer erkrankt, dann ist das Verhältnis nichts anderes als bei einer Grippe und sollte beherrschbar sein. Wir müssen weg von dieser Testwut. Wirklich Kranke müssen isoliert werden und die Hotspot Events verboten. Das sind nun mal vor allem die Großhochzeiten und unkontollierte Feiern aus dem türkisch-arabischen Raum. Ich darf mit meiner Familie keine Ferienwohnung mieten, aber mit 1.000 Mann feiern ??

Querdenker vor 1 Wochen

Der Grund für den Lobbyismus vom Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wird finde immer klarer.

siehe "br Verband der Hausärzte kritisiert Corona-Regeln"

Zitat: "... Angesichts der innerdeutschen Reisebeschränkungen kämen jetzt Familien hinzu, die aufgrund eines bevorstehenden Urlaubs um schnelle Corona-Tests bäten ..."

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Zitat Lobbyist Andreas Gassen: "Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange, das führt zu falschem Alarmismus … … Selbst 10.000 Infektionen täglich wären kein Drama, wenn nur einer von 1.000 schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten.“

Die Nachverfolgung ist bei zu vielen täglichen Infektionen nicht mehr möglich. Das führt dann zur unkontrollierten Ausbreitung am Ende auch Richtung Risikogruppen. Auch die Entwicklung in anderen Ländern um uns herum spielt eine Rolle. Wenn man etwas zur Pandemie wissen will, dann fragt man eher einen Epidemiologen als einen Orthopäden.

ralf meier vor 1 Wochen

Hallo noch mal, irgendwie ist meine erste Rückmelung an Sie verloren gegangen (?). Also Selbstverständlich ist mein Beitrag ironisch gemeint und eigentlich sollte es nicht notwendig sein, darauf hinzuweisen.
Leider leben in einem gesellschaftlichen Klima, in dem die cancel culture in politisch korrekten Kreisen gern und häufig gepflegt wird.

@Moderation: falls meine erste Rückmeldung als unbelegte Tatsachenbehauptung nicht freigeschaltet wurde. Hier nur ein Beispiel.
Ich möchte ja nicht, das diese zweite Rückmeldung wg zu viel OT nicht freigeschaltet wird. Also nur ein Beispiel. Die britische Autorin J.K. Rowling merkte zur Formulierung 'Menschen die menstruieren' an, das es doch früher eine präzisere Formulierung für solche Menschen gegeben hätte und deutete durchaus sarkastisch an, das könnte etwas mit Frauen zu tun haben.
Diese Festsellung erzeugte einen massiven Schitstorm bis hin zu Morddrohungen. Man unterstellte ihr , sie wäre Transphob.