Der geduldete Flüchtlung Yussef Gueannani absolviert in Leipzig eine Ausbildung zum Verkäufer.
Der geduldete Flüchtling Yussef Gueannani macht in einer Leipziger Fleischerei eine Ausbildung zum Verkäufer. Der Laden verkauft auch Obst und Gemüse und betreibt zudem ein kleines Restaurant. Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

3+2-Regelung Wirtschaft fordert Perspektive für Ausbildungswillige

Zehntausende Flüchtlinge leben in Deutschland lediglich mit einer sogenannten Duldung. Um ihnen eine Bleibeperspektive zu bieten, trat vor drei Jahren die 3+2-Regelung in Kraft. Geduldete Flüchtlinge dürfen in Deutschland bleiben, wenn sie sich drei Jahre ausbilden lassen und anschließend noch zwei Jahre hier arbeiten. Doch an der Umsetzung hapert es – sagt zumindest die sächsische Wirtschaft.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Der geduldete Flüchtlung Yussef Gueannani absolviert in Leipzig eine Ausbildung zum Verkäufer.
Der geduldete Flüchtling Yussef Gueannani macht in einer Leipziger Fleischerei eine Ausbildung zum Verkäufer. Der Laden verkauft auch Obst und Gemüse und betreibt zudem ein kleines Restaurant. Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Der 34-jährige Yussef Gueannani aus Marokko steht in weißer Schürze in einer Fleischerei in Leipzig Plagwitz. Der geduldete Flüchtling lässt sich hier schon seit einem Jahr zum Verkäufer ausbilden. Eine Aufenthaltserlaubnis hat er aber immer noch nicht. Die Chefin der Fleischerei, Janet Miladi, ärgert das.

Sie müsse damit rechnen, dass Yussef Gueannani nicht in Deutschland bleiben dürfe. "Wir haben ein ganz großes Manko an Nachwuchs, weil es kaum jemanden gibt, der überhaupt noch eine Ausbildung in unseren Bereichen machen will", sagt Miladi.

Jedes Bundesland legt Gesetz anders aus

Eigentlich haben der Azubi und seine Chefin das Gesetz auf ihrer Seite. Dort steht: Geduldete Flüchtlinge, die einen Unternehmer finden, der sie ausbildet, dürfen fünf Jahre lang bleiben. In der Praxis ziehen sich die Bewilligungen aber hin. Jedes Bundesland legt das Gesetz ein bisschen anders aus.

Harald Köpping Athanasopoulos hat beim Verein Arbeit und Leben Sachsen mehr als 100 Geflüchtete zum Thema beraten. Vor allem in Sachsen werde das Gesetz besonders restriktiv ausgelegt, sagt der Fachmann. "Am Anfang lief es noch relativ gut. Aber dieses Jahr ist es zum Beispiel so, dass diese Ausbildungsduldung nur für ein Jahr gewährt wird."

Innenministerium bestreitet, Ausbildung zu bremsen

Zuständig sind die Ausländerbehörden, die dem sächsischen Innenministerium unterstehen. Das bestreitet, die Ausbildung geduldeter Flüchtlinge zu bremsen. Sprecher Andreas Kunze-Gubsch sagt, wer seinen Bescheid noch nicht habe, stecke womöglich noch im Asylverfahren. Man müsse jeden Einzelfall betrachten.

"Auch Sachsen hält sich an die 3+2-Regelung", sagt Kunze-Gubsch. All jene, die kritisieren, dass die Behörden restriktiv arbeiten oder entsprechende Regelungen nicht einhalten, fordert er dazu auf, Einzelfälle vorzulegen, damit diese genau überprüft werden können.

60 Prozent warten auf die Aufenthaltsbewilligung

Inzwischen gibt es allerdings sehr viele Einzelfälle. Im Bezirk der IHK Leipzig haben 184 Geflüchtete einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen. Kammer-Präsident Kristian Kirpal sagt, sechzig Prozent mit unterschiedlichem Status würden noch auf die Aufenthaltsbewilligung warten.

Wir merken, dass das Handeln der Behörden schwieriger wird. Es gibt mittlerweile bei uns 110 unsichere Fälle. Und es kann nicht sein, dass Unternehmen, die versuchen, diese Flüchtlinge zu integrieren über Ausbildung und Arbeitsplätze, dass die dann abgeschoben werden. Hier fordern wir schon ein Augenmaß, um genau das zu verhindern.

Kristian Kirpal Präsident der IHK Leipzig

Kirpal sagt, die Ausbildung eines Geflüchten sei aufwendig. Das Engagement der Wirtschaft werde sinken, wenn Azubis von der Werkbank abgeschoben werden. Das sei schon vorgekommen.

Marokkaner kämpft gegen Abschiebung

Für Kopfschütteln sorgt das auch bei Harald Köpping Athanasopoulos: Wie solle man jemandem erklären, dass er abgeschoben werden solle, während ein Islamist nicht abgeschoben werden könne, fragt er. "Gleichzeitig hat man Leute, die sich integrieren wollen, die gut Deutsch gelernt haben, die arbeiten wollen, eine Ausbildung machen wollen, die aber keine Arbeitserlaubnis kriegen und abgeschoben werden werden. Welche Logik steht da dahinter? Das kann man niemandem erklären."

Yussef Gueannani hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Dem Marokkaner wurde seine Abschiebung bereits angekündigt. Er hat sich einen Anwalt genommen. Der Fall liegt nun bei der sächsischen Härtefallkommission.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. September 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2018, 12:28 Uhr

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13 Kommentare

09.09.2018 08:09 O-Liner (3. V.) 13

Tja, es ist immer wieder ein großes Problem hier, wenn Updates erfolgen, ohne die Nutzer darauf hinzuweisen. Da kann ich tatsächlich nur den Tipp geben, Screenshots zu fertigen, ehe der Kommentar gepostet wird; das kann aber nur dem Zweck dienen, nicht irre zu werden bezüglich des eigenen Erinnerungsvermögens. Auch die Frage wegen der Sicherheit oder Unsicherheit des Herkunftslands des Asylbewerbers bleibt nun mal in bestimmten "Menschengruppen" bestehen, mögliche Berechtigung der Fragestellung hin oder her. Ich gebe zu: Ich gehöre auch dazu.

08.09.2018 16:57 Fragender Rentner 12

@Wachtmeister Dimpfelmoser zu 2

Ist Schächten überhaupt in Deutschland erlaub?

Vermute eher nicht?

08.09.2018 11:17 Wachtmeister Dimpfelmoser 11

@ 10:04 | Ureinwohner und MDR-Redaktion: Diese Zusatzinformationen über den Laden wurden in der Bildlegende erst nachträglich eingefügt - nach diversen nachfragenden Kommentaren. Zunächst erschien der Beitrag gestern ohne jeden Hinweis darauf: im Text Fleischerei, im Bild Obst. Ich finde es unseriös, den Lesern gegenüber jetzt so zu tun, als ob dies alles von ihnen übersehen worden wäre. All das wirkt nicht vertrauensbildend. Und das wollen wir doch, oder?

[Sehr geehrter Nutzer,
wir wollen niemandem unterstellen, etwas übersehen zu haben. Sie fragen, wir antworten Ihnen. Viele Grüße, Ihre MDR.de-Redaktion]

08.09.2018 10:34 Wachtmeister Dimpfelmoser 10

@ 20:00 | Fragender Rentner: Das hat uns nichts anzugehen, wie Sie unter meinem Kommentar Nr. 2 lesen können.

08.09.2018 10:04 Ureinwohner 9

Der 34-jährige Yussef Gueannani aus Marokko steht in weißer Schürze in einer Fleischerei in Leipzig Plagwitz ? Eine Fleischerei die kistenweise Obst verkauft ? Was ist nun an dem Bild echt?

[Sehr geehrter Nutzer,
wie Sie der Bild-Unterzeile entnehmen können: "Der Laden verkauft auch Obst und Gemüse und betreibt zudem ein kleines Restaurant."
Viele Grüße, Ihre MDR.de-Redaktion]

07.09.2018 21:15 Arbeitende Rentnerin 8

Warum bildet die Wirtschaft nicht Leute aus, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben, gibt es doch Massen, warum gerade die anderen, Erfolgsmeldungen gibt es wenige bis gar keine, sonst wären die Medien voll davon

07.09.2018 20:00 Fragender Rentner 7

Verarbeitet er nun auch Schweinefleisch oder nur z.B. Rind- oder Schafsfleisch?

Wer kann eine Antwort geben?

07.09.2018 18:19 Sabine Sonntag 6

Wenn es nicht genug Azubis gibt, muss man diese besser bezahlen. Der Markt regelt das dann. Dann gibt es vielleicht ein paar Romanisten weniger, aber dafür dann wieder Handwerker, die Tacitus lesen. Mit höheren Löhnen wird auch mehr in Modernisierung investiert. Eigentlich für alle gut. Versteh nicht, warum Lohndumping durch Migration links sein soll. Bernie Sanders ist klar dagegen.

07.09.2018 15:21 Fragender Rentner 5

Und was die so heute Mittag nach 12:00 Uhr von Berlin sagten, was sie vor allem können.

Umgerechnet ca. 7 x am Tag im letzten Jahr.

07.09.2018 12:15 Bernd 4

Komisch bei dem Bild haette ich gedacht er lernt Gemüsehändler, Fleischer (gut es gibt immer weniger) sieht eigentlich anders aus.