Hohe Fehlerquote durch Pränataltest auf Trisomie 21

Er soll Sicherheit geben: Ein Test auf Trisomie 21 in der Schwangerschaft. Dieser soll nun von den Krankenkassen bezahlt werden. Doch das, was die Hersteller versprechen: "zuverlässig und sicher", ist nicht der Fall.

Pränatal-Test 5 min
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Alle Eltern wünschen sich ein gesundes Kind. Also gehört für viele Frauen zu Beginn einer Schwangerschaft der Bluttest auf Trisomie 21 dazu, sagt Hebamme Nicole Albes. Dieser Test soll nun eine Kassenleistung werden. Doch bringt er wirklich Gewissheit?

Die Angst vor dem Down Syndrom ist groß. Neun von zehn Schwangerschaften werden abgebrochen, wenn diese Diagnose vorliegt. "Wenn das eine Kassenleistung wird, wird das definitiv noch mehr vorkommen, dass dann möglichst viel gemacht wird", sagt Hebamme Albes. Auch wenn es kaum ein Risiko gebe, die werdenden Eltern wollten Sicherheit.

Kann es solche Garantien geben?

Die 32-jährige Schauspielerin Carina Kühne kann verstehen, dass sich Eltern ein gesundes Kind wünschen, auch wenn sie selbst mit dem Down-Syndrom lebt und damit gut zurechtkommt. Aber, so fragt sie sich, gibt es solche Garantien? Und: Ist denn der Test sicher?

Der Test schaffe Wissen, sagen die Hersteller. Er sei zuverlässig und sicher – ab der 9. Woche könne mit hoher Sicherheit bestimmt werden, ob eine Chromosomenstörung vorliege oder nicht. Außerdem sei er ungefährlich: Dieses non-invasive Verfahren – NIPD genannt – berge kein Risiko für das Kind. So ließen sich Eingriffe wie die Fruchtwasseruntersuchung ersetzen. 

Der Test sagt nur etwas über Wahrscheinlichkeiten

Das bestreitet der Pränatalmediziner Alexander Scharf: "Die Grundannahme, der Test würde die invasive Diagnostik ersetzen ist grundfalsch." Denn bei diesem Test handele es sich um ein Suchverfahren. Dagegen seien die Fruchtwasseruntersuchung oder etwa die Plazentapunktion Diagnoseverfahren. "Nur diese Verfahren führen letztlich zu einer Sicherheit."

Dass ein auffälliger Test nur etwas über Wahrscheinlichkeiten sagt, das wissen die Hersteller auch. Auf ihrer Homepage heißt es dazu - allerdings im Kleingedruckten: "Laut ärztlicher Empfehlung sollte das Testergebnis dann weiter diagnostisch abgeklärt werden." Zudem ist auch der Hinweis, dass der einfache Bluttest Fehlgeburten reduzieren kann, weil er die gefährliche Fruchtwasseruntersuchung verdrängt – ein zentrales Argument der Befürworter einer Kassenzulassung – fragwürdig: "Das ist hanebüchener Unfug. Seit dem Jahr 2000 gibt es über die kombinierte Nackentransparenzmessung ein hochleistungsfähiges Suchverfahren", erklärt Mediziner Scharf. Deshalb seien die Punktionsraten um 90 Prozent zurückgegangen.

Abgeordnete aus allen Fraktionen lehnen den Test ab

 Corinna Rüffer (Bündnis 90/ Die Grünen), Abgeordnete, spricht im Bundestag.
Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen: Corinna Rüffer. Bildrechte: dpa

Abgeordnete aus allen Fraktionen im Bundestag lehnen den Bluttest ab, auch Corinna Rüffer, die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen: Sie will nicht, dass Menschen mit Down-Syndrom aussortiert werden – und sie sieht nicht nur die ethischen Probleme: "Die Quote der falsch positiven Ergebnisse dieser Tests ist sehr, sehr hoch. Je häufiger dieser Test in der Breite angewendet wird, desto häufiger komme ich zu einem positiven, in Anführungszeichen, Ergebnis."

Das sagt auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in seinem Abschlussbericht: Wird der Test bei allen Schwangeren – unabhängig von einem Risiko – angewandt – wird bei mehr als jeder sechsten Frau, bei der Trisomie 21 festgestellt wurde, das Ergebnis falsch sein. Das sind 17,4 Prozent.

Es könnte also sein, dass Frauen innerhalb der ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft ein positives Ergebnis bekommen, "welches sie gar nicht mehr durch eine Fruchtwasser-Untersuchung absichern lassen, sondern direkt zu einer Beratungsstelle gehen und das Kind dann abtreiben lassen", befürchtet die Abgeordnete Rüffer. Dies könne sogar geschehen, ohne dass das Kind Trisomie 21 habe.

Ob Kassenzulassung oder nicht - NIPD ist auf dem Markt – in jeder Frauenarztpraxis ist der Test verfügbar, er wird intensiv beworben und ist für beinahe jeden erschwinglich: Keine 130 Euro kostet die Untersuchung. Ist das ein Geschäft mit der Angst vor einem Kind mit Down Syndrom und dabei noch ohne jeden medizinischen Nutzen?

Für Carina Kühne ist das belastend: "Behindert zu sein, das ist ja nicht gerade etwas Schlimmes. Man lebt ja damit", sagt sie. Außerdem sei sie ein glücklicher Mensch und leide nicht. "Wir leiden nur unter der Ablehnung der Mitmenschen", sagt sie.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 30. April 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2019, 17:17 Uhr

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4 Kommentare

02.05.2019 06:55 Carolus Nappus 4

Dann werden eben diese 17,4% vorsorglich getötet. Der Anfang ist nunmal gemacht. Das wird so weitergehen. Beim nächstenmal wird sich bei anderen Krankheiten die Frage stellen, ob das für die Eltern zumutbar ist. Und irgendwann wird auch die Frage im Raum stehen, ob es denn für die Allgemeinheit zumutbar ist, vermeidbare Krankheiten/"Defekte" anderer Menschen zu bezahlen.

01.05.2019 11:08 Alice Merkur 3

Diese Erfahrung teilen wir auch, der Test sagt nur etwas über Wahrscheinlichkeit ( die ergeben sich aber auch schon aus dem Lebensalter der Eltern ).

Bei einem " schlechten " Ergebnis wird die Mutter dann zur Fruchtwasserpunktion ( die sie eigentlich vermeiden wollte ) gedrängt und damit weiter verunsichert.

Gut, dass der MDR jetzt diesen Beitrag und auch den in Fakt gezeigt hat.

30.04.2019 22:35 Kristin 2

Sehr geehrte Damen und Herren,

den Beitrag habe ich eben gesehen und ich muss sagen - als Frau und Mutter - die diesen Test aufgrund vorheriger auffälliger Ergebnisse eines Ersttrimesterscreenings selbst selbst in Anspruch nahm (übrigens anstelle einer Fruchtwasseruntersuchung da ich mein Baby nicht gefährden wollte), fand ich die Darstellung leider sehr einseitig. Es kamen drei Menschen zu Wort, welche den Test ablehnten. Dass ein Pränatalmediziner den Test skeptisch sieht ist klar, da dieser quasi in Konkurrenz zu den jetzigen Diagnosemöglichkeiten steht....
Was völlig fehlte war ein Statement der Testanbieter. Es wäre fair gewesen, sie Stellung zu diesem doch immensen Vorwurf nehmen zu lassen, dieser Test weise eine hohe Fehlerquote auf.

30.04.2019 19:40 Pränataltest für alle 1

Der Artikel ist eine fragwürdige Stimmungsmache gegen den Pränataltest! Dass der Test nicht das Versprochene hält, dürfte wohl kaum bei einem medizinischen Produkt der Fall sein. Dass er das einzige Mittel ist, wurde nie behauptet.
"Abgeordnete aus allen Fraktionen im Bundestag lehnen den Bluttest ab" suggeriert, dass Parlament würde sich quasi geschlossen dagegen stemmen, was schlichtweg falsch ist!
Denn letztlich ist der Test längst Realität - es geht nur um die Kostenübernahme. Und auch die Frage der Zulässigkeit einer Abtreibung in Fällen, wo sonst später schwerstbehinderte Kinder auf die Welt kämen, ist doch unstrittig (außer vielleicht im Kirchenfunk).
Wir sollten uns lieber freuen, dass der Test mehr Sicherheit, Selbstbestimmung bietet, gerade für Frauen, die später einen Kinderwunsch realisieren wollen, vor allem dabei aber ihre Freiheit und Unabhängigkeit nicht aufgeben wollen! Und das sollte es für alle ungeachtet des Geldbeutels geben.

[Lieber Nutzer, im Satz "Abgeordnete aus allen Fraktionen im Bundestag lehnen den Bluttest ab." fehlt das Wort "alle". Der Test bringt nicht immer Gewissheit. Darüber wird aufgeklärt. Dies ist keine Stimmungsmache. Mit freundlichen Grüßen, Ihre MDR.de-Redaktion]

Religion

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