Autohandel Kfz-Zulassungsstau mit dramatischen Folgen

Wer derzeit sein Auto zulassen will, braucht einen langen Atem. Seit dem Corona-Lockdown kommt es bundesweit zu erheblichen Wartezeiten in den Kfz-Zulassungsstellen. Oftmals müssen die Kunden mehrere Wochen auf einen Termin warten.

Impressionen in einem Authoaus
Wer aktuell ein Auto kauft, muss wochenlang auf eine Zulassung warten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Elke Jachmann aus Harbke in Sachsen-Anhalt kaufte sich Anfang Juli einen kleinen, blauen Flitzer für ihre täglichen Besorgungen. Doch die Freude über den neuen Wagen währte nicht lange. Denn mehr als ein paar Runden auf ihrem Hof darf sie derzeit nicht fahren. An der Grundstücksgrenze ist Schluss. "Ich habe das Auto vor vier Wochen gekauft und das Problem ist, dass ich es nicht zugelassen kriege," erzählt die 58-Jährige. "Im Moment warte ich schon fünf Wochen auf die Zulassung, weil ich schon bei der Terminvergabe zwei Wochen warten musste. Ich bin darauf angewiesen, weil ich zu Ärzten und Untersuchungen muss."

Insbesondere auf dem Land ohne Auto aufgeschmissen

Mehrmals pro Woche muss Elke Jachmann nämlich wegen einer Krankheit ins drei Kilometer entfernte Helmstedt. Der örtliche Bus ist für sie keine Alternative. Denn der fährt nur wenige Male am Tag und besonders auf die Rückfahrt muss sie oft lange warten, denn von Helmstedt fährt der Bus nur alle drei Stunden.

Eine Frau steigt aus einem Auto aus
Einen neuen Wagen hat Elke Jachmann schon, doch auf eine Zulassung musste sie über einen Monat lang warten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deshalb ist Elke Jachmann im Moment auf die Hilfe von Bekannten angewiesen. Für die alleinstehende Seniorenbetreuerin ein großes Problem: "Das ist eigentlich für mich eine riesen Belastung. Ich war immer selbstständig, immer autark, immer mobil. Und jetzt steht das Auto vor der Tür und ich darf es mir nur angucken."

So wie Elke Jachmann geht es bundesweit vielen Kfz-Besitzern, die ihre Fahrzeuge bei den zuständigen Zulassungsstellen anmelden wollen. Was vor Corona innerhalb weniger Stunden erledigt war, dauert jetzt teilweise mehrere Wochen und ist nur mit einem Termin möglich.

Autohäuser in finanzieller Not

Das bekommen nicht nur Privatpersonen, sondern auch Autohausbesitzer zu spüren. Denn: Erst, wenn die verkauften Autos zugelassen sind, bezahlt sie der Kunde. Das Auto muss aber schon vorher beim Hersteller ausgelöst werden. Dafür gehen die Autohäuser in Vorkasse. Durch die langen Wartezeiten führt das aktuell zu finanziellen Problemen bei den Händlern. Davon berichtet Thomas Peckruhn in Leipzig, Geschäftsführer mehrerer Autohäuser und Vizepräsident des Verbandes des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes: "Das bedeutet, dass wir als Autohaus einen wesentlich höheren Liquiditätsbedarf haben, weil der Zeitraum zwischen Bezahlung der Fahrzeuge durch uns an den Hersteller und die Zahlung durch den Kunden an uns und durch die Bank natürlich wesentlich länger geworden ist. Und wenn so ein Autohaus finanziell nicht in der Lage ist, seine Verpflichtungen zu erfüllen, dann wird das für das Autohaus sehr schwer und wird dazu führen, dass einige das nicht überleben werden."

Besonders prekär ist die Situation in Potsdam. Im Autohaus Ehrl etwa warten momentan 64 bereits verkaufte Autos auf ihre Zulassung. "Die aktuelle Situation ist katastrophal für uns," sagt Frank Bolin, Betriebsleiter des Autohauses. "Es ist so, dass wir momentan in Berlin fast vier Wochen auf eine Zulassung warten müssen und in Potsdam fast zwei. Das bedeutet, dass wir ungefähr drei bis vier Millionen Euro vorschießen müssen. Dazu bekommen wir unglaublich viele Beschwerdebriefe, weil Fahrzeuge nicht rechtzeitig zugelassen werden."

Zulassungsrückstau wegen Corona

Doch wie kommt es zu den langen Wartezeiten in den Zulassungsstellen? Claudia Hille, Sachgebietsleiterin im Technischen Rathaus Leipzig erklärt das unter anderem mit dem Notbetrieb während des Corona-Lockdowns. "Natürlich sind auch bei uns Mitarbeiter ausgefallen, die wegen Kinderbetreuung zuhause ihre Frau oder ihren Mann stehen mussten. Daraus sind die verlängerten Wartezeiten auf einen Termin entstanden und ein gewisser Rückstau, den wir nun im Nacken haben."

Dieser Rückstau muss erstmal abgearbeitet werden. Das spiegeln auch die Zahlen wider. Im Juni 2018 wurden bundesweit 341.308 Fahrzeuge neu zugelassen. Im Juni 2019 waren es 325.231 Fahrzeuge. Im Juni 2020 waren es dagegen nur 220.272, also rund 100.000 weniger als in den Jahren zuvor.

Eine Grafik zum Thema Neuzulassungen
Mit Corona kam der Einbruch bei den Kfz-Neuzulassungen in der Bundesrepublik Deutschland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass nicht nur der Antragsstau ein Grund für die langen Wartezeiten ist, erklärt Gerhard Hammerschmid, Professor für Verwaltungsmanagement an der Hertie School in Berlin. Er arbeitet derzeit an einer Studie, die sich mit der Arbeit der Verwaltungen während der Corona-Krise beschäftigt und hat noch eine andere Erklärung: "Wir haben üblicherweise im Frühjahr einen starken Anstieg von Kfz- Anträgen, Zulassungsanträgen und das hat sich jetzt einfach in die Sommerpause verschoben. Die Sommerpause ist traditionell etwas, wo Kapazitätsengpässe in der Verwaltung vorhanden sind, man hat Urlaub und Urlaubsvertretungen, da knackst es jetzt natürlich besonders."

Stärkere Digitalisierung für die Ämter

Doch das eigentliche Problem liegt für Hammerschmid an einer ganz anderen Stelle, nämlich an der internen Arbeitsweise der Verwaltungen, die stärker digitalisiert werden müsste, damit Prozesse, Abläufe und Anträge gegebenenfalls auch durch Mitarbeiter aus dem Homeoffice bearbeitet werden könnten. "Da müsste man wesentliche Schritte machen und das sehe ich klar in der Verantwortung der Politik der Verwaltung."

Leere Stuhlreihen in einer Behörde
Seit Corona arbeiten die Zulassungsstellen nur noch nach Terminvergabe, was zu großen Verzögerungen bei den Zulassungen führt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und es gibt noch einen Grund, der für lange Wartezeiten und Frust bei den Kunden sorgt. Der spontane Gang zur Zulassungsstelle ist seit Monaten nicht mehr möglich. "Seit Beginn der Corona-Schutzverordnungen sind wir gehalten, für Sicherheit und Gesundheit zu sorgen. Dementsprechend bieten wir seitdem keine spontanen Sprechzeiten mehr an, sondern ausschließlich Termine", so Claudia Hille vom Technischen Rathaus Leipzig. Wann sich das wieder ändern soll, kann aber auch sie nicht sagen.

Für diejenigen aber, die aktuell einen Wagen zulassen möchten, haben die Behörden doch noch einen Tipp für einen schnelleren Termin parat: Wer täglich vormittags ins Buchungssystem schaut, hat noch die Chance, spontan einen der kurzfristig stornierten Termine zu ergattern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 12. August 2020 | 20:15 Uhr