Kinderpflege Intensivpflege für Kinder leidet unter Personalmangel

Für Eltern von schwerkranken Kindern ist es enorm schwer, eine angemessene Pflege für den Nachwuchs zu bekommen. Ein Grund dafür ist ein Gesetz, dass die Pflege eigentlich insgesamt verbessern sollte.

Leonie ist seit der Geburt krank. Sie kann weder laufen, noch sprechen oder selbstständig essen. Die Elfjährige braucht 24 Stunden am Tag Pflege. Ihre Mutter hat für zu Hause keinen Pflegedienst gefunden, der die Versorgung übernimmt. Deshalb musste Mandy Lenk ihre Tochter weggeben.

"Ich hab auch noch bis letztes Jahr gesagt, dass ich sie nie weggebe", sagt die 32-Jährige. Obwohl ihr Freunde dazu geraten hätten. Dann war sie so am Ende, das sie nicht mehr konnte. "Ich kann es nicht mehr so gewährleisten, wie Leonie es braucht."

Versorgung mit ambulantem Pflegedienst ging nicht

Mandy Lenk mit ihrer schwerkranken Tochter Leonie
Mandy Lenk kann ihre schwerkranke Tochter Leonie nur noch selten sehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nun kann die alleinerziehende Mutter ihre Tochter nur noch gelegentlich sehen – alle paar Wochen. Die schwerkranke Leonie lebt in einer Kinderintensivpflegeeinrichtung in Dresden fast. Das ist fast 200 Kilometer von ihrem Heimatort Köthen, der Mutter und der jüngeren Schwester entfernt. Eine andere Möglichkeit gab es für Mandy Lenk nicht. Der nächste Kinderpflegedienst ist in Halle und deckt Köthen nicht ab. "Man kommt sich schon ein bisschen als Versager vor, dass man das zu Hause nicht mehr wuppen konnte", sagt Mandy Lenk.

Hilflos hat sich auch Familie Wibbing aus Paderborn gefühlt, als die Versorgung ihres Sohnes mit ambulanten Pflegediensten nicht funktionierte. Anfangs gab es nur zwei Pflegekräfte für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Julian.

Und irgendwann, nach ein oder zwei Wochen, sind zwei Pflegekräfte auch einfach K. O. und können dann auch gar nicht mehr adäquat reagieren.

Kathrin Wibbing Mutter von Julian
Pflegebedürftiges Kind
Julian leidet an einer muskulären Erkrankung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Julian leidet an einer muskulären Erkrankung. Seine Bronchien müssen mehrfach am Tag abgesaugt werden. Nachts wird er beatmet. "Wir wussten ja nicht, ob es Julian morgens gut geht. Da kann man natürlich nicht beruhigt schlafen", sagt Kathrin Wibbing. Auch diese Familie hatte das Gefühl, es schlichtweg nicht mehr zu schaffen. 

Es fehlt an Pflegepersonal

Also wurden sie aktiv. Das Paar gründete einen eigenen Pflegedienst für kranke Kinder. Mittlerweile haben die Wibbings 35 Angestellte, versorgen neun Kinder und könnten noch mehr aufnehmen. "Wir haben unheimlich viele Versorgungsanfragen, die wir absagen müssen", sagt Philipp Wibbing. Vor kurzem hätten sie drei Anfragen an einem Tag gehabt. Es ging um drei Kinder, die seit Monaten auf der Intensivstation liegen und nicht nach Hause kommen. Doch die könnten sie nicht alle unterstützen. "Dafür müssten wir jetzt ad hoc 17 Leute einstellen."

Ganz ähnliche Probleme hat der Anbieter, der die Einrichtung in Dresden leitet. Dort sind derzeit 50 Stellen offen. Das Problem: Krankenhäuser ziehen das Personal ab. Denn die können deutlich besser bezahlen als die außerklinische Pflege. "Wenn jemand irgendwie 6/7 Euro die Stunde mehr zahlt, ist klar, was Pflegekräfte machen. Die gehen eben in Kliniken", sagt die Geschäftsführerin der Kinderintensiveinrichtung in Dresden, Daniela Jentsch. Aus ihrer Sicht sollte geschaut werden, wie ist die Pflegelandschaft und wie könnten die Gelder gleichmäßig verteilt werden.

Ungerechtigkeit durch Pflegestärkungsgesetz?

Derzeit verdient eine Fachkraft im Krankenhaus im Bundesdurchschnitt monatlich über 900 Euro mehr als eine in der außerklinischen Pflege. Grund dafür ist das Pflegepersonalstärkungsgesetz. Danach bekommen Krankenhäuser seit Anfang des Jahres, zusätzliches Personal komplett von den Kassen finanziert – ohne Obergrenze. Für ambulante Pflegedienste hingegen gilt: sie dürfen Tarifniveau zahlen, jedoch nicht mehr.

Tino Sorge, CDU-Mitglied des Bundestages
Tino Sorge ist Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

"Da sehen wir momentan schon erheblichen Druck im System", sagt Tino Sorge, Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages (CDU). Gerade im Bereich Kinderpflege gebe es enormen Nachholbedarf. Doch eine schnelle Lösung gebe es nicht.

Dabei wartet man etwa in Dresden auf eine schnelle Änderung, um mehr Personal zu bekommen. Derzeit können nicht alle Betten besetzt werden – obwohl diese offenbar dringend benötigt werden.  

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 26. November 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2019, 17:00 Uhr