Kinderschutz "Kinder brauchen genauso Hilfen wie Auto- und Möbelhäuser"

Ein Großteil der Kinder ist derzeit zuhause. Die schützende "Wächterposition" der Betreuer ist weggefallen, sagt Dr. Sigrid Peter, die Vizepräsidentin vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Im Interview mit "exakt" erklärt sie, welche Folgen das haben kann und welche Forderungen ihr Verband deswegen an die Politik hat.

Exakt,  Sigrid Peter Vizepräsidentin des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte
Das Interview wurde per Videoschalte geführt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Welche Auswirkungen haben die derzeitigen Corona-Schutzmaßnahmenauf Kinder und Jugendliche?

Dr. Sigrid Peter: Wir sehen, dass alle Kinder und Jugendlichen vom Lockdown betroffen sind. Aber wir haben auch sehr unterschiedliche Situationen in der Gesellschaft. Wir haben die ohnehin schon benachteiligten Kinder und Jugendlichen, die es mit diesen massiven Einschränkungen besonders schwer haben. Die haben zum Teil in ihrem wohnlichen Umfeld keine räumlichen Rückzugsmöglichkeiten. Sie haben kein eigenes Zimmer, weder Balkon noch Garten. Und ein wesentlicher Verlust ist natürlich der Kontakt und Austausch mit den Freunden. Das führt bei allen zur häuslichen Isolation. Und in Familien, wo das bisher nicht gemacht wird oder gekonnt wird, fehlen die strukturellen Tagesabläufe. Es fehlen gemeinsame Mahlzeiten. Und deswegen fürchten wir eine hohe Zunahme von häuslicher Gewalt, auch von Vernachlässigung.

Sehen Sie in den Praxen, dass die Fälle von Vernachlässigungen zunehmen?

Wir haben derzeit keine validen Daten, das wird sich erst nach Ende der Krise zeigen. Insgesamt ist die Anzahl der Arztbesuche deutlich nach unten gegangen aus Angst vor Infektionen. Sowohl für einfache, nicht so schwerwiegende Erkrankungen, wie für Infekte, also Husten, Schupfen, kommen die Eltern gar nicht mit ihren Kindern. Das merken wir aber auch bei schweren Erkrankungen. Es gibt auch einzelne Berichte von Kollegen, die Kinder gesehen haben mit einer schweren Krebserkrankung, die aufgetreten ist. Oder auch Kinder, wo ein Diabetes festgestellt worden ist- Die müssen natürlich auch vorgestellt werden beim Arzt. Und die Kinder, die missbraucht wurden, vernachlässigt wurden, misshandelt wurden, da haben wir keine Zahlen - und ich glaube, dass die am wenigsten jetzt den Arzt aufsuchen.

Wo können Familien in dieser Situation Hilfe bekommen?

Das ist alles weggebrochen, weil auch die Hilfsinstitutionen geschlossen haben. In den Einrichtungen wie Kindertagesstätten oder auch in den Schulen wird fast nebenbei Kinderschutz betrieben, weil die Kinder sind einen sehr langen Zeitraum dort vor Ort. Und die werden beobachtet, die verhalten sich. Erzieher und Pädagogen können ganz gezielt darauf eingehen, sind geschult, haben auch eine Antenne dafür, dass sie wissen dem Kind geht es nicht gut, oder das verhält sich anders. Diese Wächterfunktion im Sinne einer sozialen Hilfe, bricht weg. Das fällt jetzt alles zurück in die Familie, die dem nicht gewachsen ist. Also, sie war dem vorher nicht gewachsen und ist in der Krise diesem erst recht nicht gewachsen.

Welche kurzfristigen und langfristigen Folgen hat das für die Kinder?

Also natürlich unmittelbar die Gewalt, die sie erleben, zusätzlich aber auch Vernachlässigung. Die fehlende Anregung im Alltag, zum Teil auch Versorgung mit Lebensnotwendigem. Das sind emotionale Zuwendungen, aber auch die regelmäßige Versorgung mit Essen. Und langfristig sind wir schon der Meinung, dass es auch psychische Folgen haben wird. Psychische Folgen von der Isolation, aber auch psychische Folgen durch die Angst. Die können das nicht kognitiv einschätzen, was bedeutet, dass plötzlich die Großeltern weg sind. Die Erzieherin ist weg, die Kita-Tante ist weg. Wir wissen gar nicht, wie es weiter geht. Diese Ungewissheit macht auch sehr viel gerade mit unsicheren oder ängstlichen Kindern, die auch sehr viel nachdenken über sich und ihre Zukunft.

Sind bei den Anti-Corona-Maßnahmen die Interessen der Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend beachtet worden?

Wir haben da zwei grundsätzliche Fragen und Kritikpunkte. Das eine ist, in allen Angelegenheiten, die die Lockdownmaßnahmen entschieden haben, sind keine Kinder und Jugendlichen befragt worden und auch keine Experten für Kinder und Jugendliche. Das finden wir im Sinne der Kinderrechte grundverkehrt. Da hätte man von Anfang an Kinder miteinbeziehen müssen mit der Frage. Was brauchen Kinder? Was können auch Kinder vielleicht tun? Was müssen Kinder tun für die Gesellschaft? Alle Maßnahmen sind ausgerichtet nach der Frage: Was ist gut für die Eltern und was ist gut für die Gesellschaft?

Das andere ist, es sind auch keine Strategien überlegt worden, keine Modelle, die Kindern helfen, in dieser Situation klarzukommen. Es gibt zwar Hilfsangebote, die Kindern helfen zu erklären; Was bedeutet diese Krankheit? Was kann das mit Oma und Opa machen? Warum darf ich nicht mehr spielen? Das läuft schon ganz gut an bei vielen Institutionen. Wir haben das auch für Eltern auf unserer Homepage gelistet. Aber es gibt keine Überlegung: Wie kann man mit alternativen Maßnahmen Kinder wieder in den Alltagsbereich bringen? Zum Beispiel sind die Notbetreuungen gar nicht ausgelastet. Es könnten dort viel mehr Kinder versorgt werden. Das sagen die Personen selber, die dort zuständig sind. Wir könnten über alternative Schulformen nachdenken, nicht im Sinne von Schulformen, sondern alternativen Zeiten. Dass man einige Kinder eine Woche lang schickt. Und dann kommt die nächste Gruppe eine Woche. Oder dass man nur kleinere Gruppen beschult oder zeitweise am Tag verteilt. Da ist überhaupt nichts angedacht worden. Und noch ein Beispiel: Wir haben sehr viele Tagesmütter, die betreuen vier bis fünf Kinder. Das kann man unter Sicherheitsbedingungen durchführen. Das sind immer die gleichen Kinder, immer die gleiche Bezugsperson. Aber es ist alles runtergefahren, ohne zu überlegen: Was macht das mit den Kindern? Kinder sind unsere Zukunft. Um die müssen wir uns kümmern, auch in der Krise und nicht nur um die pekuniären und monetären Aspekte.

Was fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte?

Am Wochenende war eine Task Force mit Vertretern der pädiatrischen Gesellschaften. Wir haben ein Positionspapier erstellt. Hintergrund ist, dass wir alle gedacht haben, das wäre ein überschaubarer Zeitraum. Das wird aber nun vielleicht noch Monate oder ein Jahr so weiter gehen. Das sind Zeiträume, die sind für Kinder viel zu lang. Da lassen wir Kinder einfach zurück. Und das sollten wir nicht tun.

Deswegen brauchen wir dringend Ideen, wie wir insbesondere Kinder, die einen hohen Versorgungsbedarf haben, die in besonderen Lebenslagen sind, helfen. Wir haben sicher einen großen Anteil an Kindern, die haben genügend Resilienz, um das zu überstehen – gemeinsam mit ihren Eltern. Es gibt 20 bis 40 Prozent Kinder, die das nicht haben. Und die brauchen genauso Hilfen von unserer Gesellschaft wie Auto- und Möbelhäuser. Ich sage das jetzt mal sehr pointiert.

Was kann man konkret tun?

Zumindest sollte man die Notversorgung, die Notbetreuung noch einmal überprüfen, wie weit man die ausdehnen kann. Die Erzieher wissen, welches die kritischsten Kinder sind, aus welchen Familien die kommen. Und sie könnten die Vorschläge machen und sagen: Die müssen unbedingt betreut werden. Wir haben bisher nur systemrelevante Berufe, wo die Eltern ihre Kinder abgeben können. Und das nicht durchgehend in der Republik. Oft müssen beide systemrelevante Berufe haben. Wir wissen, dass die Belastungen im Homeoffice enorm sind. Selbst für Menschen, die sehr strukturiert und diszipliniert sind, sind das enorme Herausforderungen. Dann müssen Sie noch die Kinderbetreuung bewältigen, Kinderbespaßung und –beschulung – und dann noch den Haushalt. Wir sind das nicht gewohnt. Vor 40, 50 Jahren war das gar kein Problem. Da waren aber die meisten Kinder zuhause. Das ist heute aber nicht so. Wir haben gar keine Hilfen für die Eltern parat. Es hieß: Nun macht das. Es wurde nicht bedacht, was das mit den Eltern und Kindern macht. Ich kritisiere nicht den Lockdown, der scheint notwendig zu sein. Aber wie das für einen großen Teil der Bevölkerung überhaupt nicht bedacht wurde. Das kritisiere ich.

Das Interview führte Fabienne von der Eltz.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 22. April 2020 | 20:15 Uhr