Peer Briken (l-r), Aufarbeitungskommission, Brigitte Tilmann, Aufarbeitungskommission, Hjördis E. Wirth, Betroffenenrat, und Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission, stellen in der Bundespressekonferenz den Bilanzbericht zu sexuellem Kindesmissbrauch vor
Aufarbeitungskommission legt ihren Bericht vor Bildrechte: dpa

Berlin Kommission: Zu wenig Hilfe für Opfer von Kindesmissbrauch

Im Jahr 2016 hat die Bundesregierung eine Unabhängige Kommission einberufen, die sich mit der Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in Deutschland befassen soll. Am Mittwoch legte sie ihren ersten Zwischenbericht vor.

Peer Briken (l-r), Aufarbeitungskommission, Brigitte Tilmann, Aufarbeitungskommission, Hjördis E. Wirth, Betroffenenrat, und Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission, stellen in der Bundespressekonferenz den Bilanzbericht zu sexuellem Kindesmissbrauch vor
Aufarbeitungskommission legt ihren Bericht vor Bildrechte: dpa

Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs wirft Justiz und Behörden in Deutschland vor, Opfer zu wenig zu unterstützen. Bei der Vorstellung ihres ersten Zwischenberichts sagte Kommissionsmitglied Peer Briken, der Wissensstand der Behörden sei nach den Erfahrungen vieler Betroffener "noch immer sehr, sehr begrenzt".

Wir sind im Bereich des Kinderschutzes in Deutschland in der Krise.

Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Auch der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, kritisierte: "Die Politik muss erkennen, dass sie sich in dem Bereich neu aufstellen muss."

Forderung nach mehr Beratung und mehr Angeboten

Rörig forderte die Bundesländer eindringlich auf, eigene Missbrauchsbeauftragte zu berufen. Für 2020 kündigte er zudem eine mit dem Bundesfamilienministerium konzipierte Sensibilisierungskampagne an. Außerdem forderten die Experten mehr dauerhaft finanzierte Fachberatungsstellen und ein größeres Angebot an von Krankenkassen bezahlten Therapiemöglichkeiten.

Mitarbeiter von Behörden, in der Justiz und bei den Krankenkassen müssten auf den Umgang mit traumatisierten Menschen vorbereitet und geschult werden. Pädagogen, Mediziner, Psychologen und Juristen müsse in der Ausbildung Grundlagenwissen über sexuelle Gewalt vermittelt werden.

Auch müssten die Leistungen aus dem Opferentschädigungsgesetz leichter zugänglich gemacht werden. So hätten Erwachsene, die als Kinder vor 1990 in der DDR sexuelle Gewalt erlitten haben, bisher praktisch keine Chance auf eine Entschädigung auf diesem Weg.

Mehr als 1.000 Fälle exemplarisch untersucht

Die Kommission hat in den vergangenen drei Jahren mehr als 1.000 Fälle von Kindesmissbrauch näher untersucht. 1.700 Betroffene hatten sich bei der Kommission gemeldet, 900 von ihnen befragte die Kommission mündlich, 300 gaben einen schriftlichen Bericht ab. In 83 Prozent der dokumentierten Fälle waren die Betroffenen weiblich.

Die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen betont, es handle sich dabei nicht um eine repräsentative Studie. Es werde aber sehr eindrücklich aufgezeigt, wie Kinder sexuellen Missbrauch erleben, was die Folgen seien und warum den Betroffenen nicht immer ausreichend geholfen werde.

Zur Kommission Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs wurde 2016 von der Bundesregierung eingesetzt. Ihr gehören sechs Wisysenschaftler an. Die Einberufung war eine Reaktion auf das Bekanntwerden der Missbrauchsskandale in Kirchen, Internaten und anderen Institutionen. Ihr auf drei Jahre ausgelegter Auftrag ist bis 2023 verlängert worden. Schwerpunkte der Arbeit in den ersten drei Jahren waren der Missbrauch in der Familie, in den Kirchen und in der DDR. Seit diesem Jahr kümmert sich die Kommission insbesondere um Missbrauch im Sport und von behinderten Menschen.

Verein: Kindesmissbrauch ist Tabuthema

Der Vorsitzende des Vereins "Gegen Missbrauch", Ingo Fock, lobte die Arbeit der Kommission. Fock sagte MDR aktuell, das könne aber nur der Anfang sein. Sexueller Kindesmissbrauch sei noch immer ein Tabuthema. Für Täter und Täterinnen sei das ein guter Deckmantel. Aufgabe der Kommission sei letztendlich, auch Strukturen aufzudecken, die sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen ermöglichten.

Giffey: Sexuelle Gewalt geht ganze Gesellschaft an

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey erklärte anlässlich des Bilanzberichtes, die Arbeit der Kommission habe ein stärkeres Bewusstsein geschaffen für das Ausmaß und die Folgen dieser schrecklichen Erfahrungen. Sexualisierte Gewalttaten seien keine Einzelfälle, sondern gingen die ganze Gesellschaft an.

Nach der jüngst veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr 13.683 Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch verzeichnet. Die Dunkelziffer ist nach Aussage von Experten aber viel größer.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. April 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. April 2019, 20:28 Uhr