Blumen und Kerzen liegen an einem Stein auf dem Marktplatz Halle.
Zwei Menschen haben am Mittwoch in Halle ihr Leben verloren. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Kommentar Der Schock sitzt tief

Der Schock nach dem geplanten Attentat von Halle sitzt tief - auch beim MDR-AKTUELL-Korrespondenten Tim Herden, der gebürtig aus Halle stammt. Er fordert eine zeitgemäßere politische Bildung in Schulen, die die Jugendlichen auch über Gefahren der digitalen Welt aufklärt.

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Blumen und Kerzen liegen an einem Stein auf dem Marktplatz Halle.
Zwei Menschen haben am Mittwoch in Halle ihr Leben verloren. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Halle an der Saale ist meine Heimatstadt. Ein Mann läuft in Kampfmontur durch die Ludwig-Wucherer-Straße und feuert aus einem Gewehr wahllos auf Menschen, tötet eine Frau und einen Mann brutal, überträgt das zugleich ins Internet, verbunden mit seinen kruden antisemitischen und fremdenfeindlichen Gedanken. Welch furchtbarer Gedanke, wäre es ihm gelungen in die Synagoge einzudringen und dort Menschen zu ermorden. Solche Bilder wie aus Halle kannten wir bisher nur aus den Vereinigten Staaten oder zuletzt aus Neuseeland vom Angriff auf die Moscheen in Christchurch. Nun sind sie auch in Deutschland angekommen.

Rechter Terror verlässt die Deckung

Der rechtsradikale Mob, der bisher aus der Deckung oder im Dunkeln mordete, wie das NSU-Mördertrio oder im Fall Lübcke, traut sich ans Licht. Das ist – es klingt fast zu sachlich – eine neue Qualität. Wir haben sie gefürchtet, als wir im Sommer die Nachrichten und Berichte über die Untergrundgruppe "Nordkreuz" lasen, die schon mal Leichensäcke und Löschkalk für geplante Opfer politischer Morde an Andersdenkenden bestellt hatte. Ich habe die Angst bei Menschen gesehen, die auf den Todeslisten stehen. Und ich frage mich, was tut dieser Staat? Übt er noch sein Gewaltmonopol aus, um die Demokratie in diesem Land zu verteidigen?

Da sind die Bilder von Rechts-Rock-Festivals, wo das Publikum wie zu Zeiten nach einer Goebbels-Rede "Sieg Heil" brüllt und die Polizei steht außen vor und schaut zu, macht Videoaufnahmen, schreitet aber nicht ein. Die Gefahr einer Eskalation sei zu groß. Aber umgekehrt testet der Rechtsradikalismus, wie weit sich die Grenzen des Rechtsstaates dehnen lassen. Das darf der Staat nicht hinnehmen.

Rechtsradikalismus ist ein gesamtdeutsches Problem

Und bitte jetzt nicht wieder mit dem Finger auf Ostdeutschland zeigen, weil der Täter aus Sachsen-Anhalt kam. Der 27-Jährige hat das gesamtdeutsche Schulsystem durchlaufen, denn er wurde nach 1990 geboren. Seit zwei Jahren nehme ich am Theodor-Litt-Symposium für politische Bildung der Universität Leipzig teil. Im Publikum klagen oft frustrierte Lehrer für Geschichte oder Sachkunde, wenn es sie überhaupt noch gibt, dass ihre Fächer nur als zweitrangig betrachtet werden. Oft werden beide Fächer fachfremd unterrichtet. Gern schlugen sich Kultusminister in Ost und West an die Brust, wenn die Schüler gute Leistungen in Mathematik, Chemie oder Physik zeigten. Aber Schulbildung ist mehr als später einen Computer bedienen oder sogar programmieren zu können.

Soziale Netzwerke gefährden politische Bildung

Es ist auch die Vermittlung von Werten, die unsere Gesellschaft und Demokratie bestimmen. Erst seit zwei Jahren beginnt man in Sachsen wieder in der Lehrerausbildung mehr Wert auf die politische und Demokratiebildung im Unterricht Wert zu legen. Dafür haben längst soziale Netzwerke wie Instagram, Facebook oder Youtube die politische Bildung oder Verführung von Jugendlichen übernommen. Allerdings gibt es ja auch einen prominenten hessischen Geschichtslehrer, jetzt als Politiker in Thüringen tätig, der erklärte: "Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß' Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad."

Politische Bildung in der Schule muss zeitgemäßer werden

Wir müssen uns auch darüber im klaren sein, dass die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Nationalsozialismus und Holocaust in Schulen nicht mehr so gelehrt werden kann, wie noch von 10 oder 20 Jahren. Nicht nur, weil es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird. Durch die tagtäglich erlebbare Gewalt in der Welt, die über Fernsehen, Internet und auch Computerspiele nicht nur in die Wohnzimmer, sondern auch in die Kinderzimmer getragen wird, verblast die Einzigartigkeit des Holocaust und der Verbrechen des Nationalsozialismus und sinkt auch die Hemmschwelle für Gewalt. So hat auch der Attentäter von Halle sich und seine Tat parallel im Netz wie ein Computerspiel inszeniert. Deshalb muss man die Jugendlichen mehr in ihrer Lebenswelt abholen, um ihnen diese Themen im Unterricht zu vermitteln. 

Schockierende Reaktionen im Netz  

Allerdings schockiert mich auch, wie Erwachsene im Netz oder auch in der direkten Reaktion auf unsere Berichterstattung die Tat relativieren, mit Merkels Flüchtlingspolitik in Verbindung bringen, zweifeln an den Motiven des Täters. Wir sollten uns wohl alle fragen, ob wir in einem Land leben wollen, wo politische Morde wie zu Zeiten der Weimarer Republik als eine Art Widerstandsakt gerechtfertigt werden. Das wäre der Anfang vom Ende der Demokratie. Auch wenn sich Geschichte eigentlich nicht wiederholt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Oktober 2019 | 12:20 Uhr