Kommentar Ramelows Clubhouse-Fehltritt: Wenn reden, dann lieber richtig

Sarah Frühauf
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Thüringens Ministerpräsident Ramelow hat seinen Samstagabend im "Clubhouse" verbracht. Einer digitalen Kommunikationsplattform, bei der sich vor allem Journalisten und Politiker in lockerer Atmosphäre austauschen. Ramelow hat über die letzte Schalte der Länderchefs mit der Kanzlerin geplaudert und verraten, dass er sich dabei gern mit dem Handy-Spiel "Candy Crush" beschäftigt.

Bodo Ramelow, Fraktionschef der Linken im Thüringer Landtag (Bild von 2014)
Bodo Ramelow und sein Handy sorgen gerade für Aufsehen: In der App "Clubhouse" ist Thüringens Ministerpräsident ins Plaudern gekommen. Bildrechte: dpa

Treffen sich ein paar Politiker und hunderte Journalisten in einer Bar. So könnte doch ein guter Witz beginnen. Allerdings endet diese Begebenheit alles andere als lustig. Die "Bar", so ist ein digitaler Diskussionsraum im "Clubhouse" benannt, eine Art Treffpunkt im Internet, zu dem sich auch Thüringens Ministerpräsident Ramelow gesellte. Offenbar trank er ganz analog ein paar Gläser Wein, kam ins Schwatzen, titulierte die Kanzlerin als "Merkelchen" und gab seine Leidenschaft für das Handy-Spiel "Candy Crush" zu, dem er sich auch gern mal während der Bund-Länder-Schalte zuwendet. Für die anwesenden Journalisten ein gefundenes Fressen. Für den Ministerpräsidenten eine Blamage.

Eine Wohltat: Endlich Klartext über Bund-Länder-Schalte

Zu Ramelows Verteidigung: Das "Clubhouse" ist eine ganz neue App, die Spielregeln sind noch nicht ganz ausgereift. So schnell wird Ramelow solch ein Fauxpas sicher nicht mehr passieren. Denn man lernt ja aus seinen Fehlern.

Doch aus der Situation lassen sich weit mehr Lehren ziehen, als nicht mehr online vor Hauptstadtjournalisten seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Denn dass ein Politiker über das Vorgehen der Bund-Länder-Schalte offen spricht, ist eine Wohltat. Denn wer fragt sich nicht, was eigentlich in den stundenlangen Konferenzen besprochen wird. An dessen Ende die Kanzlerin der Öffentlichkeit verkündet, dass man sich weitestgehend einig sei. Und am nächsten Tag machen die Länderchefs eh was sie wollen. Das Spiel kennen wir.

Und viele wollen es mittlerweile nicht mehr mitspielen. Der Begriff "Corona-Müdigkeit" macht die Runde. Die Bürger brauchen eine Art Weckruf, damit sie sich auch künftig weiter an die Corona-Maßnahmen halten. Die Kanzlerin und die Länderchefs sollten versuchen, die Menschen mitzunehmen. Sie müssen der Bevölkerung mehr erklären, wie welche Entscheidung zustande gekommen ist. Welche Argumente wurden in den Beratungen ausgetauscht? Worüber wurde am meisten gestritten und warum? Klar kommen die Antworten auf diese Fragen immer an die Öffentlichkeit. Irgendwer steckt sie an die Medien durch. Als Quelle heißt es dann immer "aus Teilnehmerkreisen".

Gesprächsbedarf mit den Trägern der Hauptlast im Lockdown

Der Teilnehmerkreis in der App "Clubhouse" besteht vor allem aus Journalisten, Marketingexperten, Lobbyisten. Entspricht also ganz sicher nicht dem Querschnitt der Bevölkerung. Dass dort Politiker stundenlang über die Corona-Politik diskutieren, ist Zeitverschwendung. Sie sollten sie lieber nutzen, um mit denjenigen ins Gespräch zu kommen, die die Hauptlast des Lockdowns tragen: mit Ärzten, Pflegern, Einzelhändlern, Familien … die Liste ist lang.

Vor der Pandemie mussten die Parteien schmerzlich lernen, was es heißt, nicht gut genug zuzuhören. Davon profitierten vor allem Populisten. Jetzt in der Pandemie sollten sich die Kanzlerin und die Länderchefs wieder daran erinnern, dass es wichtig ist, im Gespräch zu bleiben, allerdings nicht digital, mit Hilfe irgendeiner elitären App.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | 25. Januar 2021 | 19:00 Uhr