Geburtenanstieg Viele sächsische Kreißsäle sind überfüllt

Die Geburtenzahlen sind die letzten Jahre in Sachsen gestiegen. Was viele freut, stellt die Geburtsstationen vor ein großes Problem. Denn sie sind oft bis an die Grenzen des Machbaren ausgelastet. Grund: Die Stationen sind für derart hohe Geburtenzahlen gar nicht ausgelegt.

von Kristin Kielon, MDR AKTUELL

Im neuen Kreißsaal an der Universitätsklinik und Poliklinik für Geburtshilfe in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) überprüft die Hebamme Simone Scherer mit einem Holzstethoskop als Alternative zur Kardiotokographie die Herztöne des ungeborenen Kindes bei einer Schwangeren.
Auf Geburtsstationen kann es platzmäßig schon mal eng werden. Aber zu eng? Und das dauerhaft? Für viele Schwangere eine Horrorvorstellung. Bildrechte: dpa

Die Wehen werden intensiver und beim Anruf in der Wunschklinik sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung: "Entschuldigen Sie, wir sind voll ausgelastet. Bitte gehen Sie in einen anderen Kreißsaal." Für viele Erstgebärende eine Horror-Vorstellung.

Steigende Geburtenzahlen

In Leipzig und Dresden kann einem das auf manchen Geburtsstationen passieren. Möglich sei das etwa im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Leipzig, sagt Oberärztin Martina Weber. Grund dafür seien die gestiegenen Geburtenzahlen, für die ihre Station nie ausgelegt gewesen sei. Die Zahlen seien von rund 500 Geburten Anfang der 90er-Jahre auf fast 2.700 Geburten im Jahr 2016 gestiegen.

Auf und Ab bei Auslastung

Wenn sich die Geburtenzahlen über ein Jahr gleichmäßig verteilen würden, dann wären die Kapazitäten der Klinik kein Problem, sagt Dr. Martina Weber. Das Problem entstehe immer dann, wenn an einem Tag 15 Entbindungen stattfinden und am nächsten Tag bloß drei. "Also das ist einfach so ein Auf und Ab, das man eben ganz schlecht planen kann."

Eine Hebamme kümmert sich um ein Frühchen
Personal wurde im St. Elisabeth-Krankenhaus bereits aufgestockt - bis September soll die Zahl der Wöchnerinnen-Betten ausgebaut werden. Bildrechte: Colourbox.de

In den vergangenen vier Jahren hat man im St.-Elisabeth-Krankenhaus das Personal aufgestockt. Außerdem wird gebaut: Ab September soll es 32 statt der bisher 20 Wöchnerinnen-Betten geben. Denn wenn, dann seien diese voll und eigentlich nie der Kreißsaal, erklärt Weber.

Das bestätigt auch Susanne Schrey-Petersen. Sie ist Oberärztin in der Geburtsmedizin des Universitätsklinikums Leipzig. Auch hier wurde aufgestockt: Seit Anfang des Jahres gibt es fünf Kreißsäle und 40 Betten auf der Station.

Hysterie um überfüllte Kreißsäle?

In der Uniklinik ist die Zahl der Geburten Schrey-Petersen zufolge in den vergangenen Jahren ebenfalls kontinuierlich angestiegen. Seien es vor zehn Jahren noch unter 2.000 Geburten im Jahr gewesen, sei man auch hier bei rund 2.700 Geburten angekommen.

Am Uniklinikum müssen sich Schwangere nicht unbedingt anmelden, um hier gebären zu können. Die Sorge um überfüllte Kreißsäle nimmt Hebamme Constanze Koschorz deshalb als Hysterie wahr. Sie arbeitet seit fast 30 Jahren als Hebamme im St. Elisabeth-Krankenhaus.

"Man muss den Frauen auch einfach noch mal vermitteln, dass an allen Stellen, wo Geburtshilfe gemacht wird, Profis arbeiten." Die wüssten, wie es gehe und die Frauen würde man dort auch gut versorgen.

Constanze Koschorz wünscht sich, dass Frauen sich nicht von einer Klinik abhängig machen würden – denn die Frauen gebären ihr Kind ja selbst "und das können sie, weil sie Frauen sind".

Ausreichende Kapazitäten am Stadtrand

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich in Richtung Stadtrand orientieren. Auf den Geburtsstationen der Helios-Kliniken zum Beispiel sei ausreichend Platz, sagt Helios-Sprecher Matthias Harenburg. "Aktuell ist es in all unseren Häusern so, dass die Kapazitäten ausreichen." Eine Überlastung der Station habe man nirgendwo festgestellt, es gebe noch Luft nach oben.

In den beliebten Innenstadt-Kliniken hat sich die Lage ohnehin etwas entspannt. Hebammen und Ärztinnen erzählen übereinstimmend, dass die Zahl der Geburten leicht zurückgegangen sei.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. August 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2019, 09:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

9 Kommentare

12.08.2019 17:17 susanne 9

So richtig kann ich die Informationstaktik des MDR aber nicht nachvollziehen. Im Juli letzten Jahres hieß es noch:
"Weniger Geburten: Bevölkerungszahl in Sachsen gesunken"

https://www.mdr.de/sachsen/weniger-geburten-bevoelkerungsrueckgang-100.html

Jetzt heißt es auf einmal: "Die Geburtenzahlen sind die letzten Jahre in Sachsen gestiegen." (s.o.)

Was stimmt denn nun, MDR? Berichten Sie objektiv oder nach Vorgabe aus dem Ministerium, wie es gerade passt?

[Sehr geehrte Susanne,
wir geben Ihre Frage gerne an die zuständige Redaktion weiter. Viele Grüße, Ihre MDR.de-Redaktion]

12.08.2019 12:26 Annerose Will 8

Lösung ganz einfach: auch in Zeiten geringerer Geburten nicht zwanghaft alle Kapazitäten verkleinern und alles in große Städte zentralisieren sondern auch wenn es etwas mehr Geld kostet Reserven vorhalten. Die zunehmende Privatisierung des Gesundheitswesens wird das natürlich nicht fördern. Dies gilt übrigens auch für andere Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche: Polizei, Schulen, Deutsche Bahn ...

12.08.2019 06:33 Carolus Nappus 7

@Wachtmeister Dimpfelmoser: Das Leseverstehen ist nicht so ihre Stärke? Auch an Lebenserfahrung mangelt es etwas?
Geht doch schon los, dass Sie von durchschnittlich 38 Wochen reden. Beim Durchschnitt ist es eben so, dass es da Abweichungen nach oben und unten gibt. Kann also niemand 38 Wochen vorher planen, dass genau in 38 Wochen dieses Kind zur Welt kommen wird. Bei manchen soll es gar 40 Wochen dauern. Und auch da weiß man es selten auf den Tag genau. Vielmehr ist es schöner brauch, dass die einfach mal 10 Tage eher oder später rauswollen.
Dann passiert es eben wie im Artikel beschrieben, dass an einem Tag 15 auf der Matte stehen und am nächsten nur drei.

11.08.2019 19:32 Manni an MDR (5) 6

Ist ja richtig. Haben Sie auch mal recherchiert, wieviele Kreißsäle geschlossen wurden? Dann ist die heutige angespannte Situation auch nicht verwunderlich.

11.08.2019 18:24 Manni an PENSIONÄR (4) 5

Das mit der Berufswahl scheint bei Ihnen schwerlich möglich zu sein. Ich hingegen habe mir einen wunderschönen Beruf gewählt.

In diesem Sinne ist es sachlich falsch, wenn der MDR schreibt "Viele sächsische Kreißsäle sind überfüllt" und im gleichem Atemzuge ausführt "Eine Überlastung der Station habe man nirgendwo festgestellt, es gebe noch Luft nach oben. "

[Lieber Manni,
die Aussage "Eine Überlastung der Station habe man nirgendwo festgestellt, es gebe noch Luft nach oben." ist auf den Helios-Sprecher Matthias Harenburg zurückzuführen. Laut unserer Recherchen ist die Situation in anderen Kliniken jedoch weitaus angespannter. Viele Grüße, Ihre MDR.de-Redaktion]

11.08.2019 17:10 PENSIONÄR 4

11.08.201916:06 Manni2 [bist grad schwanger, sei es dir verziehen], Augen auf bei der Berufswahl. Im Bericht geht’s um Uniklinikum in Leipzig. Nicht Dresden und schon mal gar nicht wieviel Geburten vor 40 Jahren Welt- Europa- oder Deutschlandweit lebend oder tot geboren wurden

11.08.2019 16:27 GRUEN UNSERE ZUKUNFT 3

wie wurde das bis 1990 gehändelt ^^ sind die HartzIV nicht ausgelastet und ständig am Babybasteln, liegt die "Produktionssteigerung" an Migranten oder entscheiden sich heute zu viele für chirurgische Entbindung von Föten?
In Bernburg (Saale) stand nach 1990 voll intaktes Bettenhaus, integrierter Kindergrippe und Kindergarten mit Spielplatz für im Klinikum beschäftigte, Jahrzehnte leer und ist nun zum 2 x Wohnunterkunft für besonders schutzbedürftige Migranten mit Kindern

11.08.2019 16:06 Manni 2

Auch hier vermittelt der MDR leider wieder ein falsches Bild.
Es ist zwar richtig, das "Steigende Geburtenzahlen" zu verzeichnen sind. Jedoch UNTERSCHLÄGT der MDR dabei, das in den Jahren 1976 bis 1988 pro Jahr die Anzahl der Lebendgeborenen bei rund 7.000 Kindern lag.
(Quelle: Stadtgesundheitsprofil Dresden 2012)

Es ging nach 1990 STEILE BERGAB mit den Geburtenraten, politisch gewollt. Die Zahl der Geburten erholt sich heute daher nur.

11.08.2019 13:21 Wachtmeister Dimpfelmoser 1

Auch diese Schwangerschaften haben aber doch im Schnitt 38 Wochen gedauert? Keine Zeit, sich darauf vorzubereiten? Kommt jetzt neuerdings alles völlig überraschend für die Verantwortlichen?