Illustration: Wohnungseinbruch - Ein Einbrecher hantiert im Schein einer Taschenlampe mit einem Brecheisen.
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Fragen & Antworten Das verrät die Kriminalstatistik

Dresden wies 2017 deutlich mehr Straftaten aus als noch in den Vorjahren. In der jüngsten Polizeilichen Kriminalistatistik (PKS 2017) liegt die sächsische Landeshauptstadt auf Platz fünf der Städte mit den meisten Straftaten. Doch fast wäre Dresden die fünft-sicherste Stadt in der Statistik geworden, hätte es nicht einen Sondereffekt gegeben. Die aktuellen Zahlen von 2017 zeigen einmal mehr, dass Erhebungen nicht leicht zu lesen sind. Das hat mehrere Gründe:

Illustration: Wohnungseinbruch - Ein Einbrecher hantiert im Schein einer Taschenlampe mit einem Brecheisen.
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Frankfurt am Main hat im vorigen Jahren mit rund 14.864 Fällen die meisten Straftaten in Deutschland verzeichnet. Das geht aus der jüngsten Bundeskriminalstatistik (PKS 2017) hervor, die Bundesinnenminister Horst Seehofer am Dienstag in Berlin vorstellte.

Auf Platz fünf der "Kriminalitätshochburgen" in Deutschland liegt diesmal Dresden – nach Hannover (Platz 2), Berlin (Platz 3) und Dortmund (Platz 4). Doch die sächsische Landeshauptstadt ist auf den fünften Platz in der Bundesstatistik durch einen Sondereffekt gerutscht. Die Insolvenz des Finanzdienstleisters Infinus ließ die Zahl der Straftaten in der Polizeidirektion Dresden in die Höhe treiben. Denn von dem mutmaßlichen Infinus-Bandenbetrug sind Zehntausende Anleger betroffen. Da Infinus seinen Firmensitz in Dresden hatte, werden allein 23.626 Anleger-Fälle statistisch der Polizeidirektion Dresden zugeschrieben.

Wie kommen Verzerrungen zustande?

Horst Kretzschmar, neuer Polizeipräsident Dresden
Dresdner Polizeipräsident Horst Kretzschmar: "Gehörige Schieflage" Bildrechte: MDR/Karsten Wolf

Der Dresdner Polizeipräsident Horst Kretzschmar beklagte im März 2018, der Infinus-Fall bringe die Kriminalstatistik der Dresdner Polizei gehörig in die Schieflage. Der Dresdner Polizeisprecher Thomas Geithner sagte MDR AKTUELL, ohne eine zusätzliche Einordnung der Zahlen ergebe sich im Städtevergleich "ein völlig verzerrtes Bild".

In der Tat registriert Dresden durch den Infinus-Fall einen Anstieg der Straftaten um rund ein Drittel (33,7 Prozent), verglichen zum Vorjahr. Sachsens Landeshauptstadt führt damit auch die Kriminalstatistik der ostdeutschen Städte an. Würde die Infinus-Pleite nicht in die Statistik einfließen, wäre Dresden ein Vorzeigemodell. Dann könnte die Stadt auf einen Rückgang der Straftaten um fast sechs Prozent stolz sein, verglichen zu 2016.

Wozu gibt es die Polizeiliche Kriminalstatistik?

Der Dresdner Fall zeigt ganz klar: Um die Kriminalitätsentwicklung zu beurteilen, reichen die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik allein nicht aus. Doch warum gibt es dann die sogenannte PKS des Bundeskriminalamtes (BKA) überhaupt, die die Daten der 16 Landeskriminalämter vereint?

In den Richtlinien des BKA heißt es nüchtern, die Statistik diene zur "Beobachtung der Kriminalität und einzelner Deliktsarten". Man wolle damit Erkenntnisse zur "vorbeugenden und verfolgenden Verbrechensbekämpfung" erlangen. Das mag stimmen, doch oft wird mit den Zahlen Politik gemacht, angefangen vom Bundesinnenminister, der damit neue Videokameras in der Öffentlichkeit rechtfertigen will bis hin zu Polizeigewerkschaften, die mehr Personal fordern.

Wer sind "nichtdeutsche Strafverdächtige"?

In den vergangenen beiden Jahren wurde die Veröffentlichung der PKS auch in der Debatte um Flüchtlinge genutzt. Wiederholt ging es um die Frage, ob Flüchtlinge krimineller als Deutsche seien. Dabei wurde stets auf die Zahlen der PKS. Zwar wird in der bundesweiten Kriminalstatistik die Kategorie "Nicht-deutsche Tatverdächtige" aufgeführt, doch zählen dazu nicht nur Flüchtlinge und Asylsuchende, sondern auch Durchreisende – angefangen von Austauschstudenten, Fernfahrern oder Touristen bis hin zu Angehörigen international organisierter Banden. Wie groß diese Bevölkerungsgruppe bundesweit ist, lässt sich gesamtstatistisch nicht erfassen und damit auch nicht in Relation zur einheimischen Bevölkerung bringen.

Das Bundeskriminalamt betonte deshalb immer wieder, dass die PKS "keine vergleichende Bewertung der Kriminalitätsbelastung von Deutschen und Nichtdeutschen zulässt."    

Was fließt in die Statistik ein?

Doch was enthält die bundesweite Polizeiliche Kriminalstatistik überhaupt? Sie zeigt die absoluten Zahlen aller erfassten Strafverdächtigen und Kriminalfälle auf. Zu den Straftaten zählen unter anderem Mord, Vergewaltigung, Raubdelikte, Wohnungseinbrüche sowie Taschendiebstahl. Ausgenommen sind Verkehrs- und Staatsschutzdelikte, ebenso Zoll- und Steuerstraftaten. Zudem werden in der Statistik die Straftaten nach Alter, Geschlecht und Nationalität aufgeschlüsselt.

Dunkelziffer bleibt außen vor

Dass die Zahlen der Kriminalstatistik nur einen Teil der Wirklichkeit widerspiegeln, liegt in der Natur der Dinge. Die Statistik kann nur die Straftaten aufführen, die auch angezeigt worden sind. Die Dunkelziffer der Straftaten liegt aber deutlich höher. 2010 und 2013 erforschte die Polizeifachhochschule Rothenburg das sogenannte Dunkelfeld.

Durch Fragebögen fanden die Wissenschaftler heraus, dass bei Sachbeschädigungen an einem Kraftfahrzeug in der Regel nur die Hälfte der Fälle der Polizei überhaupt gemeldet werden. Was, wenn die Zahl der Sachbeschädigungen in der Statistik aber plötzlich steigt? Hat sich die Sicherheitslage dann verschlechtert? Ziehen Banden umher, die versuchen, Autos zu knacken? Oder haben sich einfach deutlich mehr Opfer entschieden, eine Strafzeige zu stellen?

Aufgebrochene Seitenscheibe eines PKW.
Aufgebrochener Pkw nahe Flughafen Tegel - ein Bild von 2015. Bildrechte: IMAGO

Wann zeigen Opfer an?

Ob jemand eine Anzeige stellt, hängt von vielen Faktoren ab. Wird der Schaden vom Opfer als zu geringfügig eingestuft, kommt es selten zu einer Anzeige. Auch die Frage, ob eine Versicherung für den Schaden aufkommen würde, ist dabei entscheidend. Selbst die Beziehung zwischen Täter und Opfer wirkt sich auf das Anzeigeverhalten aus. Kennt ein Opfer den Täter, könnte es mit der Anzeige zögern – aus Angst, vom Täter unter Druck gesetzt zu werden. Bei Vergewaltigungen spielt die Frage der Scham oft die entscheidende Rolle, ob ein Opfer Anzeige erstattet.

Anzeige erstatten können nicht nur Opfer. Die Polizei kann von sich aus ermitteln und durch Verkehrskontrollen Drogenbesitzer überführen, wenn sie denn das Personal hat. Eine hohe Polizeipräsenz führt zweifellos zu mehr aufgedeckten Straftaten, die dann auch in der Polizeilichen Kriminalstatistik Einzug halten würden.

Wann wird eine Straftat erfasst?

Infinus
Bild von 2014: Eine Immobilie der insolventen Infinus-Gruppe in Dresden. Bildrechte: dpa

Doch noch einmal zurück zur Infinus-Pleite, ohne die Dresden in der jüngsten Polizeilichen Kriminalstatistik 2017 rein statistisch die fünft-sicherste Stadt in Deutschland geworden wäre – nach München, Nürnberg, Stuttgart und Essen.

Warum spielt die Insolvenz des Finanzunternehmens von 2014 erst in der jüngsten Statistik eine Rolle? Weil die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik nur jene Straftaten registriert, bei denen die Polizei ihre Ermittlungen auch abgeschlossen hat. Die Akten werden dann an die Staatsanwaltschaft oder das Gericht gehen. Im Fall von Infinius wurden die polizeilichen Ermittlungen erst 2017 abgeschlossen. Das zeigt: Alte Fälle können besonders bei Wirtschaftskriminalität zu einem drastischen Anstieg der Zahlen in der jüngsten Statistik führen.

Welche Fälle fehlen in der Statistik?

Im Umkehrschluss heißt das auch, dass die Kriminalstatistik keine unerledigten Fälle führt. Bis März gab es 63.067 Vorfälle, an denen die sächsischen Polizeidienststellen noch ermitteln. In der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik spielen sie keine Rolle, sie würden die Zahlen aber noch einmal deutlich nach oben schnellen lassen. Bekannt wurde die Zahl durch eine Anfrage des Linken-Abgeordneten Enrico Stange beim sächsischen Justizministerium.

Nur knapp ein Drittel der Tatverdächtigen wird verurteilt

In der Polizeilichen Kriminalstatistik wird immer auch eine Aufklärungsquote aufgeführt. Auch sie muss in einem gewissen Kontext eingeordnet werden, schließlich erfasst die PKS nicht die Täter, sondern Tatverdächtige. Es spielt damit keine Rolle, ob sich der ermittelte Verdächtige letztlich auch als der tatsächlich Schuldige herausstellt oder nicht. Studien besagen, dass nur ungefähr 30 Prozent aller Tatverdächtigen auch verurteilt werden. Selbst bei einem Freispruch wird die einzelne Straftat in der Kriminalstatistik als aufgeklärt aufgeführt.

Bundeskriminalamt geht auf Nummer sicher

Sonderfälle wie in Dresden, verändertes Anzeigenverhalten, neue Gesetzgebung – all das sind Indikatoren, die zeigen, dass die Zahlen der PKS nicht für sich allein stehen können. Seit Jahren sichert sich deshalb das Bundeskrimininalamt bei der Veröffentlichung der Statistik mit einem bestimmten Satz ab.

Die PKS bietet kein getreues Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit, sondern eine je nach Deliktsart mehr oder weniger starke Annäherung an die Realität.

Aus der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2015 und 2015

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 08. Mai 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2018, 18:55 Uhr