Abgase strömen aus dem Auspuff eines Autos mit Dieselmotor.
In Deutschland ist eine Diskussion um die Grenzwerte von Feinstaub und Stickoxiden entbrannt. Bildrechte: dpa

Feinstaub-Belastung Lauterbach warnt vor Aussetzen des Grenzwertes

Mehr als 100 deutsche Lungenärzte bezweifeln die Gefährlichkeit von Feinstaub und Stickoxiden und fordern eine Überprüfung der Grenzwerte. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nennt das verantwortungslos und warnt davor, die Messung der Feinstaubgrenzwerte auszusetzen.

Abgase strömen aus dem Auspuff eines Autos mit Dieselmotor.
In Deutschland ist eine Diskussion um die Grenzwerte von Feinstaub und Stickoxiden entbrannt. Bildrechte: dpa

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält eine mögliche Aussetzung des Feinstaubgrenzwertes für verantwortungslos. Der Politiker sagte MDR AKTUELL: "Wir haben keine Studien, die derzeit die Gefährdung infrage stellen würden. Im Gegenteil – die neueren Studien zeigen, dass die Grenzwerte eher zu hoch als zu niedrig sind. Ich bitte hier gerade den Schutz von älteren Menschen und von Kindern zu beachten".

Lauterbach verwies zudem darauf, dass Feinstaub und Stickoxide weniger für die Lunge gefährlich seien, sondern eher im Zusammenhang mit Schlaganfällen und Demenz stünden. Er fügte hinzu, es sei ausgeschlossen, dass 100 deutsche Lungenärzte den europäischen Grenzwert beeinflussen könnten – "insbesondere, wenn es sich um eine Position handelt, die international von Wissenschaftlern nicht geteilt wird".

Mehr Aufklärung über Folgen

Lauterbach rief Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf, sich klarer dafür einzusetzen, dass die Gesundheitsrisiken nicht unterschätzt würden. "Wir sehen immer klarer, dass Feinstaubbelastungen bei Kindern zu Entwicklungsstörungen des Gehirns führen und bei älteren Menschen zu Demenz. Um dem zu begegnen, muss mehr aufgeklärt werden, dass der Einzelne sich auch schützen kann. Und da fehlt mir bisher die Stimme des Gesundheitsministers."

Grenzwert ohne wissenschaftliche Basis

Zuvor hatten mehr als 100 Lungenspezialisten den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide bezweifelt. In einer Stellungnahme heißt es, sie sähen keine wissenschaftliche Begründung, die die geltenden Obergrenzen rechtfertigen würden. Viele Studien, welche die Gefahren durch Luftverschmutzung zeigen sollten, hätten erhebliche Schwächen. Zudem seien Daten in der Vergangenheit einseitig interpretiert worden.

Auch der Wissenschaftler Alexander Kekulé kritisierte die in Deutschland geltenden Feinstaub-Grenzwerte. Der Chef des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle hatte MDR AKTUELL am Mittwoch gesagt: "Für unseren europäischen Grenzwert, der uns in Deutschland die ganzen Fahrverbote beschert, von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter, gibt es absolut keine wissenschaftliche Basis." Er habe im vergangenen Herbst dazu eine ausführliche Untersuchung gemacht.

Von Anfang an kein eindeutiger Wert

Wissenschaftler hatten den Wert in den 1990er-Jahren der EU-Kommission vorgeschlagen. Dazu sagte Kekulé: "Da sind extreme handwerkliche Fehler gemacht worden. Die Wissenschaftler, die damals diesen berühmten 40-Mikrogramm-Grenzwert bei der WHO vorgeschlagen haben, haben auch fairerweise in ihre ganzen Berichte reingeschrieben, dass sie sich extrem unsicher sind. Dass man eigentlich den Wert gar nicht genau festlegen kann. Und dann gab es einen provisorischen Vorschlag letztlich, den die EU-Kommission dann 1 zu 1 ins Gesetz geschrieben hat."

Scheuer begrüßt Vorstoß, EU verteidigt Grenzwerte

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer nannte den Vorstoß der Lungenärzte eine wichtige Initiative, um Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen. "Wir brauchen eine ganzheitliche Sichtweise", sagte der CSU-Politiker am Donnerstagmorgen im ARD-Morgenmagazin. "Wenn über 100 Wissenschaftler sich zusammenschließen, ist das schon einmal ein Signal."

Das Bundesumweltministerium verteidigte dagegen die bestehenden Grenzwerte. Ein Sprecher sagte, es sei wissenschaftlich unumstritten, dass Schadstoffe in der Luft Krankheiten förderten und die Lebenszeit verkürzten.

Auch EU-Umweltkommissar Karmenu Vella verteidigte die geltenden europäischen Grenzwerte. Den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte er, Hunderttausende Menschen in den Städten Europas hätten aufgrund der schlechten Luftqualität mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Das sei Tatsache. Es sei deshalb dringen notwendig, die Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität zu beschleunigen, um die Gesundheit der Bürger zu schützen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Januar 2019 | 05:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2019, 05:00 Uhr

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118 Kommentare

26.01.2019 06:06 Querdenker 118

Ergänzung zu meinem Beitrag 36:

Zitat: „Mehr als 100 deutsche Lungenärzte bezweifeln ...“

siehe „lobbycontrol Initiative von Lungenärzten stammt auch von einem früheren Daimler-Mitarbeiter“

Zitat: „Das sind die Autoren und Initiatoren der Initiative von „Lungenärzten“: Dieter Köhler, Martin Hetzel (beide Lungenärzte), Matthias Klingner (Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme) und Thomas Koch (Karlsruher Institut für Technologie, früher über 10 Jahre Daimler AG).“

Das „Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme“ ist auch sehr wirtschaftsnah.

Diese Fahrverbote sind ein Problem für die Hersteller der „Schrottautos“. Vor Gericht haben sie damit noch mal schlechtere Karten und die Motivation der Autobesitzer steigt vor Gericht zu gehen.

siehe „mdr VW muss Schadenersatz für Schummel-Diesel zahlen“
siehe „tagesschau Autofahrer erringen Sieg gegen Daimler“

25.01.2019 18:50 Emil 117

Dem Beitrag 70 kann ich nur zustimmen. Der Grenzwert soll ja in den Staaten 2,5 mal höher sein als hier. Die haben dort offensichtlich überhaupt keine Ahnung. Übrigens, wer von "emissionsfreien" Antrieben schwärmt, der soll sich mal beim Elektroantrieb mit Herstellung, Entsorgung und LÖSCHEN (im Brandfall) von Batterien beschäftigen.

25.01.2019 16:23 Micha 116

@Denkschnecke (113): Sie haben meine volle Zustimmung. Prof. Dr. Köhler unterstellt einen linearen Zusammenhang zwischen Schadstoffgehalt der Luft und der Todesrate. Nun ist so ein linearer Zusammenhang in der Natur aber höchst selten anzutreffen. Genau das lässt auch mich an seiner Argumentation zweifeln.

25.01.2019 16:00 Fragender Rentner 115

Was würde es für Meßergebnisse ergeben, wenn man es in Auspuffhöhe der Autos macht?

25.01.2019 15:35 auch die CDU-Mittelstandsvereinigung lehnt Grenzwerte ab. 114

"Die MIT lehnt Fahrverbote für Dieselfahrzeuge als ungeeignete und unverhältnismäßige Einschränkungen der Rechte von Fahrzeugbesitzern ab.In einem Antrag zur Sitzung des MIT-Bundesvorstands am 4. Februar werden Bundesregierung, Unions-Bundestagsfraktion und die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament aufgefordert, „dafür zu sorgen, dass die derzeit geltenden Grenzwerte für die Emission von Stickoxiden im Straßenverkehr ausgesetzt werden. Die Wissenschaftler stützen dies.Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle an COPD und Lungenkrebs täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und NOx, auch bei sorgfältiger Anamnese, NIE (!). "Bei der hohen Mortalität müsste das Phänomen zumindest als assoziativer Faktor bei den Lungenerkrankungen irgendwo auffallen.“ Erklärten die Wissenschaftler

25.01.2019 15:29 Denkschnecke 113

Wenn Prof. Köhler äußert: "Würde die Luftverschmutzung ein solches Risiko darstellen, müssten alle Raucher nach wenigen Monaten sterben", dann ist er vielleicht ein renommierter Pneumologe, aber kein begabter Epidemiologe. Mit eienr solchen Argumentation könnte man auch alle Grenzwerte für berufsbedingte Strahlenbelastung abschaffen. Wenn Tumorpatienten mal eben mit dem hundertfachen der berufsbedingt erlaubten Jahresdosis (20 Mikrosievert) bestrahlt werden und trotzdem nicht an der Strahlung sterben (sondern meist an ihrer Erkrankung), dann kann Strahlung auch nicht besonders schädlich sein, oder wie? Ist das Unwissenschaftlichkeit oder Zynismus?

25.01.2019 14:59 wenn 112

vor allem rot-grün mit dem Dieselfahrverbot erhebliche Rechtskreiseinschränkungen von Dieselfahrzeug-Besitzern vornimmt, obwohl die für das Fahrverbot herangezogenen Grenzwerte usw. von Wissenschaftlern höchst umstritten sind, fragt man sich zwangsläufig, welcher Partei diese Besitzer " alter Diesel" bei der nächsten Wahl ihre Stimme geben werden?
Ich gehe davon aus, dass sie ihr scharfes Schwert in der Wahlkabine ziehen werden.

25.01.2019 14:52 man muss sich ernsthaft fragen, 111

weshalb eine relativ kleine Gruppe von Klima-Nationalisten sich berufen fühlt, die Aussagen von kompetenten Medizin-Wissenschaftlern, also mit abgeschlossenem Medizin-Studium (!) die sich auch über viele Jahre danach permanent beruflich mit der Kardiologie und Pneumologie auseinandergesetzt haben, anzuzweifeln.
Hierbei sollten insbesondere die Grünen ins Auge fassen, bei einigen ihrer Mitglieder und Mandatsträger einen Partikelfilter zwischen die Stimmbänder implantieren zu lassen, damit nicht so viel Emissionen aus ihren Mündern kommen. s scheint vor allem ein politischer Streit zu sein, der sich im Falle des Diesel-Fahrverbots nicht auf wissenschaftl. Erkenntnisse stützt

25.01.2019 14:34 warum auch...., wenns die Grünen undandere Vereine gibt 110

warum sollte man auch die Wissenschaftler, die ja nun einmal die Fachleute für Lungen- und Herzerkrankungen sind, überhaupt noch fragen, wenn ein kleiner, übermotivierter Verein, der seine Daseinsberechtigung allein aus einer Dauer-Klageschleife zu begründen scheint, dies schon tut? Das übernehmen zukünftig die Grünen und die DUH. Keine Fachkompetenz, aber über alles urteilen. Dann reicht bestimmt auch die Glaskugel. Nach dem Motto " Pfff Wissenschaft ist überschätzt" scheint hier eine verblendete Ideologie die Wissenschaft abzuschaffen und das politische Steuer übernehmen zu wollen. Zurück ins Mittelalter oder noch weiter zurück. Sorry, aber diese Klientel kann ich nicht ernst nehmen.

25.01.2019 14:04 Volksmund 109

Prof. Dr. med. Dieter Köhler (70), Ex-Präsident der DGP: „Wir sehen täglich in unseren Praxen und Kliniken Todesfälle an Lungenkrebs und andere Lungenerkrankungen. Auch bei sorgfältigster Anamnese, die zur gezielten Diagnose nötig ist: Tote durch Feinstaub und NOx sehen wir nie.“ BILD: „Schon 107 Mediziner haben seinen Aufruf unterschrieben, es werden täglich mehr.“
Professor Köhler: „Der Rauch einer Zigarette ist um das Mehrfache giftiger als unsere Luft. Raucher (eine Schachtel/Tag) erreichen in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher in seinem Leben einatmen würde. Und fast die NOx-Menge. Würde die Luftverschmutzung ein solches Risiko darstellen, müssten alle Raucher nach wenigen Monaten sterben, was aber offensichtlich nicht der Fall ist.“