Kampf dem toten Winkel Weitwinkel-Rückspiegel für Lkw und Abbiege-Assistenten

Derzeit wird heftig über eine technische Nachrüstung von Lkw und Bussen diskutiert, um tödliche Unfälle mit Fußgängern und Radfahrerern beim Rechtsabbiegen zu verhindern. Weitwinkel-Spiegel sind bereits im Einsatz. Viele neuere Lkw haben zudem elektronische Abbiegeassistenten. Welche technischen Hilfsmittel im Kampf gegen den toten Winkel gibt es?

Ein Fahrradfahrer im sogenannten toten Winkel ist in einem Außenspiegel eines Lkw zu sehen - aufgenommen während einer Pressevorführung auf einer Lkw-Teststrecke bei München.
Zusätzliche Nahbereichs- und Weitwinkelspiegel an einem Lkw. Bildrechte: dpa

Das Problem: Toter Winkel bei Lkw und Bussen

Jedes Jahr sterben viele Fußgänger und Zweiradfahrer in Deutschland, weil sie von Lkw- oder Busfahrern übersehen werden. Meist geht es um Unfälle beim Rechtsabbiegen an Kreuzungen, wenn sich ein Fahrradfahrer oder Fußgänger im sogenannten toten Winkel vom Lastwagen oder Bus befindet. Das ist der Bereich am Fahrzeug, der nicht von den normalen Rückspiegeln erfasst wird.


Weitwinkel-Spiegel

Zusätzliche Weitwinkel-Rückspiegel decken einen Großteil des toten Winkels ab und sind bei modernen Lastwagen und Bussen Standard. Sie bieten in der Regel neben dem konventionellen Spiegel einen zweiten Spiegel, in dem ein größerer Ausschnitt des Verkehrs gezeigt wird. Diese Weitwinkelspiegel sind an Außen-, bei Pkw teilweise auch an Innenspiegeln zu finden. Teils werden sie in den normalen Rückspiegel als Weitwinkelfenster integriert, meist jedoch zusätzlich installiert.

Seit 2005 sind EU-weit für neue Lkw zusätzliche Weitwinkelspiegel vorgeschrieben. Seit Januar 2007 müssen alle neuen Lkw mit zusätzlichen Weitwinkel- und sogenannten Nahbereichsspiegeln ausgerüstet sein. Seit März 2009 gilt eine Nachrüstpflicht für alle seit 2000 zugelassenen Kraftfahrzeuge ab 3,5 Tonnen. Vorschriftsmäßig ausgestattete Lkw sollen also mindestens sechs Spiegel haben - und dennoch bleibt in der Praxis ein toter Winkel.

Die Aufrüstung mit Spiegeln funktioniert nur bedingt. Die Spiegel müssen perfekt justiert sein. Außerdem ist es schwierig, neben der Fahrzeugsteuerung noch sechs oder mehr Spiegel im Blick zu behalten. Ferner verzerren Weitwinkelspiegel die realen Entfernungen.


Kamera-Monitor-Systeme

Eine Option sind Seiten- und Heckkameras. Anbieter werben mit einem 360-Grad-Rundblick um den Lkw oder Bus. Dabei übertragen eine oder mehrere Kameras Bilder von schwer einsehbaren Bereichen auf einen Monitor im Führerhaus. Ergänzend können Abstandssensoren ähnlich dem Parkassistenten installiert werden. Sie geben ein optisches oder akustisches Signal, wenn sich ein Objekt im kritischen Bereich befindet.

Jedoch muss auch beim Kamera-System der Fahrer immer einen Monitor mit mehreren Fenstern im Blick behalten. Zum normalen Verkehr und den Rückspiegeln kommen also noch die Monitorbilder dazu und dann womöglich noch Sensorsignale. Da stoßen viele an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit.


Automatische Abbiege-Assistenz-Systeme

Die Autobauer setzen daher auf automatische Fahrassistenzsysteme. Als erster Lkw-Hersteller hat Mercedes 2012 einen Radar-Abbiegeassistenten vorgestellt. Mittlerweile bieten auch andere Anbieter ähnliche Systeme an.

Die Technik basiert auf Radarsensoren auf der Beifahrerseite. Die Sensoren messen den Abstand und die Geschwindigkeit von Fahrzeugen neben dem Lkw und errechnen die Kollisionswahrscheinlichkeit. Das System kann die komplette Länge des Lkw überwachen, inklusive Auflieger oder Anhänger – plus zwei Meter vor und einen Meter hinter dem Truck. Auf der Beifahrerseite wird eine 3,75 Meter breite Zone überwacht, das entspricht etwa einer Autobahnfahrspur.

Das Seitenradar eines Abbiegeassistenten an einem Lkw
Seitenradar an einem modernen Lkw. Der Abbiegeassistent erkennt seitliche Hindernisse und bremst im Falle einer Gefahr den Lastwagen. Bildrechte: dpa

Entdeckt das Radar ein Objekt, wird der Fahrer in mehreren Gefahrenstufen gewarnt. Wenn sich ein Radfahrer oder Fußgänger in der Gefahrenzone aufhält, leuchten in der A-Säule auf der Beifahrerseite LED-Leuchtsignale gelb auf. Erkennt das System eine Kollisionsgefahr, etwa bei gesetztem Blinker oder Lenkeinschlag, blinkt die LED-Leuchte mit höherer Leuchtkraft rot und es ertönt ein Warnton über einen Lautsprecher der Radioanlage.

Die Unfallforscher des Gesamtverbands der Versicherer gehen davon aus, dass mit einem solchen Abbiege-Assistenten die Zahl der Unfälle zwischen Lkw und Fußgängern oder Radfahrern halbiert werden könnte. Weitere Vorteile: Hat der Fahrer beim Abbiegen nicht weit genug ausgeholt und der hintere Teil des Trucks droht eine Ampel oder parkende Autos zu rammen, wird ebenfalls gewarnt. Auch beim Spurwechsel kann der Assistent helfen.


Kombination mit Notbrems-Assistent

Es gibt für Pkw, Lkw und Busse auch Radar-Notbrems-Assistenten. Der Bremsassistenz erkennt langsam vorausfahrende oder stehende Fahrzeuge etwa an einem Stauende und leitet eine Notbremsung ein. Dieses Notbremssystem wird auch zum Schutz von Fußgängern genutzt. Es kann auch mit dem Abbiege-Assistenz-System kombiniert werden und den Lkw beim Abbiegen stoppen.

Matthias Rittinger von der Versuchsabteilung von Mercedes Benz steht mit seinem Fahrrad neben einem LKW.
Praxis-Test bei Mercedes mit einem Abbiege-Assistenz-System. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 08. Juni 2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2018, 14:45 Uhr

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