Faktencheck Die Bahn betreibt noch immer Stellwerke aus Kaisers Zeiten

Schon der Titel schraubt die Erwartungen hoch: Mit dem "Masterplan Schienenverkehr" will Bundesverkehrsminister Scheuer die Bahn leistungsfähiger und zuverlässiger machen. Weite Teile der Infrastruktur sind veraltet, zum Teil massiv. So sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst: "Wir haben im Moment noch Stellwerke aus der Kaiserzeit." Stimmt das, nutzt die Bahn tatsächlich noch Stellwerke, die älter als 100 Jahre sind?

Das historische Stellwerk an der Einfahrt zum Bahnhof Malchin
In Deutschland gibt immernoch Stellwerke die in den 1910er Jahren gebaut wurden. Bildrechte: dpa

Im Osten der Bahnhofshalle von Hoyerswerda liegt das Stellwerk W1. Ein lang gestreckter roter Klinkerbau, teilweise verputzt, mit Erker auf der Gleisseite. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 1873 errichtet, als Kaiser Wilhelm I. das Deutsche Reich regierte. Und die Technik ist auch schon über 100 Jahre alt: Keine leuchtenden Knöpfe oder Computerbildschirme, sondern massive Hebel aus Stahl, die die Weichen und Fahrsignale steuern.

Solche Stellwerke sind im Netz der Deutschen Bahn gar nicht selten, sagt der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst, der dazu eine Kleine Anfrage im Parlament gestellt hatte: "Man kann es für Mitteldeutschland beziffern, das sind ungefähr 7,5 Prozent, also 67 mechanische Stellwerke, die vor 1910 errichtet worden sind und heute noch in Betrieb sind. Und das ist schon erstaunlich, wenn man sich die heutige Eisenbahntechnik betrachtet."

Stellwerke aus den 1910er-Jahren

Auf Anfrage von MDR AKTUELL erklärt die Deutschen Bahn, es gebe solche Stellwerke aus der Zeit des Kaiserreichs auch noch in Nordhausen oder im sachsen-anhaltischen Angern. Also überwiegend auf Regionalstrecken. Schaut man in den aktuellen Infrastrukturbericht der Bahn, bekommt man die bundesweiten Zahlen: Insgesamt gibt es 2.557 Stellwerke. Ein Viertel davon funktioniert rein mechanisch. Und diese mechanischen Anlagen sind im Schnitt 77 Jahre alt.

Axel Schuppe, Geschäftsführer des Verbands der Bahnindustrie Deutschland, kurz VDB, nennt ein prominentes Beispiel: "Wenn Sie mal auf den Knoten Falkenberg schauen. Das ist da, wo sich drei Eisenbahnstrecken kreuzen. Das ist so ein Stellwerksknoten, wo die eingesetzte Stellwerkstechnik zu einem sehr großen Anteil aus den 1910er-Jahren stammt."

Investitionsstau bei Stellwerken

Das Bahnnetz gleicht damit einem historischen Flickenteppich, in dem betagte Mechanik neben elektrischen und inzwischen auch digitalen Techniken existiert. Das ist problematisch, meint FDP-Verkehrsexperte Torsten Herbst, weil es die Wartung schwierig mache. Auch mit Blick auf das Personal, denn man könne nicht einfach jemanden von einem mechanischen Stellwerk auf ein elektronisches umsetzen. Herbst sagt, dass darum eine Standardisierung wichtig sei. Dadurch könne man auch die Wartungskosten senken.

Die Bahn tauscht die alten Anlagen zwar nach und nach aus, auch weil elektronische oder digitale Stellwerke ein viel größeres Gebiet steuern können. Aber die Modernisierung dauert. Axel Schuppe sagt, dass hinsichtlich des Investitionsvolumens in Stellwerke in den letzten Jahren nicht so viel passiert sei. In den Siebzigerjahren habe es noch mal eine Modernisierungs-Hochzeit gegeben aber heute schleppe man einen riesigen Investitionsstau hinter sich her.

Der VDB fordert deshalb, die veralteten Anlagen bis 2029 komplett zu ersetzen. Mit dem "Masterplan Schienenverkehr" ist man diesem Ziel ein Stück näher. Damit können Stellwerke aus Kaisers Zeiten bald vom Gleis ins Museum wandern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Juli 2020 | 05:24 Uhr

13 Kommentare

ossi1231 vor 4 Wochen

Da könnte die durchgängige Punktförmige Zugbeeinflussung (PZB) helfen ... "Das aktuelle deutsche System PZB 90 basiert auf dem 1934 eingeführten Indusi-System in Dreifrequenz-Resonanzbauart." ... das es in der DDR nicht flächendeckend verwirklicht mag an Kapazitäten gelegen haben, aber 30 Jahre nach der sg. Wende immer noch erhebliche Lücken ...

Rein vor 5 Wochen

Nein Länderbahn Eisenbahn Epoche.
Auch aus Reichsbahnzeiten sind viele Stellwerke noch in Betrieb. Ob West oder Ost und diese Technik ist nicht tot zu kriegen. Nur zu teuer und der Mensch, hier die Fahrdienstleiter manchmal leider das größte Problem. Ob das allerdings am Computer besser wird, mag ich bezweifeln. Streckenbeobachtung geht jedenfalls nicht mehr.

Herba89 vor 5 Wochen

Als Fahrdienstleiter der DB kann ich sagen das die mechanischen Stellwerke immer noch tadellos funktionieren und man erheblich weniger Störungen hat als bei modernen Stellwerksformen. Modernisierung muss sein, ja. Aber die Stellwerke hinzustellen also ob sie schlecht wären ist schlicht und einfach falsch