Einsatzfahrzeuge stehen auf einer Hauptstraße nahe der Synagoge. Bei Schüssen sind zwei Menschen getötet worden.
Einsatzfahrzeuge der Polizei stehen auf einer Hauptstraße nahe der Synagoge in Halle. Bei Schüssen sind dort am Mittwoch zwei Menschen getötet worden. Bildrechte: dpa

Schüsse von Halle Warum der MDR das Video des Angreifers nicht vollständig zeigt

Fälle wie der Amoklauf in Christchurch haben gezeigt, wie schwer es ist, die Verbreitung von brutalen und gewaltverherrlichenden Videos im Internet zu kontrollieren oder gar zu stoppen. Der Angreifer von Halle hat seine Tat am Mittwoch ebenfalls gefilmt und ins Internet gestellt. Die MDR-Redaktionen haben sich entschieden, diese Bilder nicht in Gänze zu zeigen. Warum, erklären wir hier.

Einsatzfahrzeuge stehen auf einer Hauptstraße nahe der Synagoge. Bei Schüssen sind zwei Menschen getötet worden.
Einsatzfahrzeuge der Polizei stehen auf einer Hauptstraße nahe der Synagoge in Halle. Bei Schüssen sind dort am Mittwoch zwei Menschen getötet worden. Bildrechte: dpa

Viele Medien wurden im März 2019 kritisiert, weil sie den Facebook-Livestream des Attentäters in einer Moschee in Christchurch/Neuseeland veröffentlicht hatten. Der Mann hatte im März die Tötung von über 50 Menschen live ins Internet übertragen.

Auch im Fall des Angriffs auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle am Mittwoch hat der mutmaßliche Täter Sequenzen des Anschlags auf der Plattform Twitch verbreitet. Das Video wurde mittlerweile gesperrt, liegt der ARD aber vor.

Täter leugnet Holocaust

Auf dem Video spricht der Attentäter auf Englisch, allerdings mit deutschem Akzent. Er behauptet, den Holocaust habe es nicht gegeben. Zu seinem Motiv für den Anschlag sagt er, Feminismus führe zu weniger Geburten, deswegen gebe es Masseneinwanderung - und hinter all diesen Problemen stecke "der Jude".

Presse ist kein Werkzeug von Verbrechern

Der MDR hat sich bewusst gegen die komplette Veröffentlichung des Videos entschieden. Wir orientieren uns damit am Deutschen Pressekodex. Unter Ziffer 11.2 der medienethischen Richtlinie heißt es: "Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen."

Authentische Bewertung notwendig

Aus diesem Grund haben wir uns auch im ARD Brennpunkt "Schüsse vor der Synagoge in Halle" dafür entschieden, nur wenige, sekundenlange Ausschnitte des Videos zu zeigen. MDR-Chefredakteur Torsten Peuker erklärt dazu: "Grundsätzlich fühlen wir uns der Regel verpflichtet, Tätermaterial nicht zu verwenden. Wenn wir dies tun, dann nur als Beleg mit journalistischem Mehrwert und dann selbstverständlich auch nur mit einer Einordnung und hoher Sensibilität, den Tätern nicht die gesuchte Bühne zu bieten."

Genau das sei die Grundlage für die Entscheidung gewesen, das Material in der Kürze zu zeigen. "Zum einen als Beleg, dass unsere Kollegen die darin enthaltenen Aussagen authentisch bewerten können. Besagte Inhalte spielten dann ja auch eine Rolle im Interview mit dem Terrorismus-Experten Michael Stempfle", sagt Peuker. "Zum anderen waren in dem vollgepackten Auto sprengkörperähnliche Gegenstände zu sehen, die einen Hinweis auf die Ziele des Täters geben könnten." Der Moderator, Gunnar Breske, kommentierte die Bilder mit den Worten: "Aus anderen Taten wissen wir, dass Attentäter versuchen, durch diese Aufnahmen Prominenz zu erlangen." In den Ausschnitten war der Täter unkenntlich gemacht worden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Oktober 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 13:38 Uhr