Corona-Krise Werden die Medikamente knapp?

Europa ist bei Medikamenten auf Asien angewiesen. Doch immer wieder kommt es zu Schwierigkeiten bei der Lieferung. Durch den Ausbruch der Corona-Pandemie könnte sich die Lage in ein paar Monaten verschärfen. Schon länger wird darüber diskutiert, die Produktion wieder nach Europa zurückzuholen. Aber geht das so einfach?

Schmerzmittel, Antibiotika oder Antidepressiva – bei einigen Medikamenten wird es eng. Bei manchen gibt es bereits Engpässe, doch bisher konnten die Apotheker Fehlendes noch durch ähnliche Präparate ersetzen. Ein Grund für die Schwierigkeiten: Die Produktion ist vor vielen Jahren nach China und Indien verlagert worden. Indien verhängt derzeit Exportverbote, um die eigene Bevölkerung in der Corona-Krise zu schützen, weil China kaum noch liefert.

So hat ein MDR-Reporter in zehn Leipziger Apotheken versucht das Medikament Novothyral zu bekommen. Es hilft gegen Schilddrüsen-Unterfunktion. Etwa acht Millionen Menschen leiden darunter. Doch nur in zwei Apotheken gab es das Medikament – ein echter Lieferengpass.

Doch Lieferengpässe gibt es nicht erst seit dem Auftreten des Corona-Virus. Blutdrucksenker, Migränemittel, Schilddrüsenhormone fehlen immer wieder. Das Problem: Die Wirkstoffe für viele gängige Arzneimittel werden fast komplett im Ausland produziert. Insbesondere geht es dabei um den riesigen Markt der sogenannten Generika – also Nachahmer-Produkte.

Eines der wenigen Werke, das noch in Deutschland solche Generika produziert, steht in Radebeul bei Dresden. Das Unternehmen "arevipharma" produziert Wirkstoffe für Herz-Kreislauf-Mittel, Medikamente gegen Allergien, Depressionen sowie Betäubungsmittel.

Günstigere Produktionen in China und Indien

Reagenzgläser mit der Beschriftung COVID-19
Welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die Ausfallzeiten in China haben wird, ist derzeit unklar. Bildrechte: imago images/photothek

Zwar sieht die Firma aktuell noch keine Probleme durch die Corona-Krise: "Wir haben für uns Ausgangssubstanzen bevorratet", sagt Geschäftsführer Dirk Jung. Des Weiteren sei die Rohstoff-Lieferung auch vertraglich gesichert. "Wie sich das jetzt allerdings durch die Ausfallzeiten in China über die nächsten Monate entwickelt, kann ich nicht voraussagen."

In Indien gibt es bereits seit Anfang März Probleme. So werden etwa für die Produktion von Antibiotika im Werk des Unternehmens "Penam Laboratories" die Grundstoffe knapp. Die Firma produziert pro Monat 150 Tonnen des Wirkstoffs für Antibiotika. Das weiße Pulver wird in 60 Länder exportiert – auch nach Europa, wo es dann in Tabletten gepresst wird. Doch die Vorräte in den Lagern des Werkes bei Neu Delhi reichen noch für maximal vier Wochen, erklärte das Unternehmen Anfang März.

Antibiotika könnten weltweit knapp werden

Denn der Nachschub aus China kommt nur noch schleppend. Dort werden die Ausgangstoffe billiger als in Indien produziert und andere Lieferanten gibt es nicht: "Der Corona-Virus im letzten Monat war verheerend für die Lieferkette", erklärt Penam-Chef P.N. Pandey.

Wenn sich die Dinge nicht normalisieren, wird es nur noch zwei bis drei Monate dauern, bis weltweit die Antibiotika knapp werden.

P.N. Pandey Chef des Pharma-Unternehmens

Doch nicht nur für den wichtigen Schutz gegen Bakterien droht ein Engpass. Für 13 Wirkstoffe hat die indische Regierung Anfang März einen Exportstopp verhängt: Darunter Antibiotika, Schmerzmittel, Vitamine. Sie sollen der eigenen Bevölkerung zur Verfügung stehen.

In Deutschland sieht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin-Produkte derzeit durch den Exportstopp keine Probleme für die Arzneimittelversorgung der hiesigen Patienten. Doch ein mulmiges Gefühl bleibt: Die meisten Hersteller von Wirkstoffen für Medikamente, die als versorgungsrelevant eingestuft werden, befinden sich in Indien, China und Italien.

Ein Ausweg: Produktion in Europa

Die Alternative besteht darin, die Produktion der Wirkstoffe zurück nach Europa zu verlagern. Damit könnte auch in Krisenzeiten die Versorgung der Patienten gesichert werden. "Das ist etwas durchaus Realistisches", sagt der Chef des Radebeuler Pharma-Unternehmens. "Es ist nur in meinen Augen nicht realistisch, das über Nacht zu realisieren." Es müssten die Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Letztendlich geht es einfach darum, was ist es unserer Gesellschaft wert eine weitestgehend autarke Grundversorgung mit Arzneimitteln in Europa realisieren zu können.

Dirk Jung Geschäftsführer "arevipharma"

Zudem dauert dies eine Weile. "Eine Produktionsanlage aufzubauen, dauert vom Beginn der ersten Arbeiten bis zur Abnahme durch die Behörden dieser Produktionsstätte bis zu fünf Jahre", erklärt die Expertin für den Pharmamarkt am Institut der Deutschen Wirtschaft, Jasmina Kirchhoff.

Medikamente würden dadurch teurer werden

Eine schnelle Lösung der bestehenden und drohenden Versorgungsprobleme ist so nicht möglich. Doch offenbar ist auch die Politik an langfristigen Umstrukturierungen in diesem Bereich interessiert: "Wir sollten als Europäische Union nicht in diesem Umfang wirtschaftlich und in unseren Lieferketten abhängig sein von China", erklärt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). "Das spüren wir ja schon länger, wenn es um Arzneimittel geht."

Inzwischen herrscht über die Parteigrenzen hinweg in Deutschland und einigen Ländern der EU Einigkeit, dass die Wirkstoffproduktion zurück nach Europa sollte. Nun sollen Standards zur Herstellung entwickelt und wirtschaftliche Anreize für die Unternehmen geschaffen werden.

Denn für die Unternehmen ist Planungssicherheit wichtig. "Natürlich könnten wir jetzt auch mit Hochdruck ein Verfahren für einen Wirkstoff entwickeln und in unsere Produktion einspielen", sagt der Radebeuler Chef Jung. Doch als Lückenbüßer für zwei oder drei Lieferungen, weil China oder Indien für ein paar Monate ausfallen, mache dies wirtschaftlich keinen Sinn. "Dann hat sich das Investment einfach nicht gelohnt." Wenn in Europa produziert wird, dann wird es defintiv teurer – auch das ist allen Beteiligten bekannt.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 17. März 2020 | 21:45 Uhr