Interview "Medikamente für unter einen Euro pro Packung geht nicht"

Die wichtigsten Medikamente sollen wieder in Europa hergestellt werden. Doch dabei müssen auch die Pharma-Unternehmen mitspielen. Was diese wollen, erklärt Verbandschef Hubertus Cranz im Interview.

Ein Mann
Der Chef des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller: Hubertus Cranz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Produktion von den wichtigsten Wirkstoffen zur Produktion der Medikamente gegen die häufigsten Krankheiten soll wieder in Europa erfolgen. Darüber sind sich die Politiker einig. "Unser Anliegen ist immer schon gewesen die Produktion in Europa zu stärken", sagt der Chef des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH), Hubertus Cranz. Momentan konzentriert sich die pharmazeutische Industrie in Europa vor allem auf die Produktion von innovativen und damit eher hochpreisigen Medikamenten. Die Herstellung von versorgungsrelevanten Arzneimitteln und damit auch vielen Generika ist aus Kostengründen nach Asien ausgelagert – noch. Denn die Umstrukturierung soll erfolgen und bis Ende diesen Jahres ein EU-Plan erstellt werden. Doch was wollen die Pharmahersteller? Im Interview spricht BAH-Hauptgeschäftsführer Hubertus Cranz über die Regeln des Pharma-Marktes, Produktionsbedingungen in Europa, Asien und Deutschland sowie die steigenden Kosten für Medikamente "Made in Europe".   

Frage: Passen die Voraussetzungen, dass die Medikamente wieder in Europa und Deutschland hergestellt werden?

Hubertus Cranz: "Es ist die Politik, die uns hier unterstützen muss. Wir brauchen dafür insgesamt bessere Rahmenbedingungen. Wir brauchen ein positives Investitionsklima. Grundsätzlich sind Firmen interessiert, auch in Deutschland und der EU herzustellen."

Welche Unterstützung aus der Politik stellen sie sich vor?

"Wenn eine Firma Interesse daran hat, muss die Genehmigung für eine neue Produktionsanlage in einem vernünftigen Zeitrahmen möglich sein. Denn wenn etwa administrative Auflagen zu weit gehen, dann ist das ein ganz wichtiger Grund für Firmen eben nicht in Europa zu investieren."

Wie kann sichergestellt werden, dass alle versorgungsrelevanten Wirkstoffe in Europa produziert werden? Braucht es dafür politische Vorgaben?

"Grundsätzlich sehen wir ja schon, dass der Markt ausreichende Koordinationsmöglichkeiten in sich birgt. Wir sehen nicht die Notwendigkeit einer zentralen Steuerung bei der Produktion von bestimmten Wirkstoffen. Sollte es Defizite geben und wir haben solche gesehen, dann muss man überlegen, ob ganz gezielt Unterstützungsmaßnahmen notwendig sind. Aber eine großangelegte Planwirtschaft für den gesamten pharmazeutischen Bereich erachten wir nicht als den richtigen Weg."

Aber der Markt hat doch erst dafür gesorgt, dass alles nach Asien gegangen ist und nun diese Abhängigkeit besteht…

"Aber das sind Marktmechanismen, die man auch nicht anderweitig angegangen ist. Logischerweise schaut man danach, wo man die Produkte produzieren kann, wenn der Kostendruck so stark ist – um wettbewerbsfähig zu sein. Wenn man bei der Gesamtmarktkonstellation darauf schaut, dass ein generisches Arzneimittel natürlich einen bestimmten Preis haben muss und man nicht davon ausgehen kann, dass viele Produkte für unter einen Euro pro Packung auf den Markt gebracht werden können. Wenn das erstmal als Grundvoraussetzung angesehen wird, dann ist auch schon viel gewonnen."

Dies muss also über die Ausschreibungen geregelt werden?

"Es muss zu vernünftigen Verfahren in Deutschland kommen. Gerade in Deutschland spielen natürlich die Verfahren im Zusammenhang mit gesetzlichen Krankenversicherungen und Erstattungsregeln eine besondere Rolle. Dabei sollte man auch berücksichtigen, ob etwa ein Hersteller auch ausreichende Produktionskapazitäten hat. Zudem kann man durchaus überlegen, ob man gewisse Qualitätsanforderungen berücksichtigt. Das ist aus unserer Sicht ein Hauptansatzpunkt."

Es werden nicht nur die Medikamente in Asien hergestellt. Für die Wirkstoffsynthese sind die sogenannten Start-oder Ausgangsmaterialien und die werden noch viel seltener als die versorgungsrelevanten Wirkstoffe in Europa hergestellt. Insbesondere China spielt hier eine Schlüsselrolle. Wie kann verhindert werden, dass wir nicht an diesem Punkt wieder in eine neue Abhängigkeit geraten?

"Die Herausforderung ist natürlich auf eine vernünftige Gesamtkonstellation zu kommen. Der Anspruch, dass wir alles, was mit Arzneimitteln und Wirkstoffen zu tun hat, wieder nach Europa bringen, ist schlicht und ergreifend unrealistisch. Die internationale Verzahnung ist zu weit vorangeschritten und gerade Deutschland profitiert natürlich von einer globalisierten Welt. Wenn man das zurückführen würde, müsste man auch mit Gegenmaßnahmen rechnen – etwa bei einigen Produkten, die wir gern exportieren."

Was wäre eine Lösung dafür?

"Dass man sich die Lieferketten genau ansieht und schaut, wo man im Detail etwas korrigieren muss. Aber dass es insgesamt bei einer Vernetzung von internationalen Warenströmen bleibt, steht aus unserer Sicht nicht im Zweifel. Es sollte vielleicht insgesamt dazu kommen, dass wir genauer darauf achten, wen wir als Lieferanten haben und dass auch ausreichende Kapazitäten da sind. Und dass wir eine Vertrauensbasis auf globaler Ebene schaffen."

Die bisherige EU-Strategie sieht vor, dass auch die Produktion von Startmaterialien nach Europa zurück zu holen…

"Wichtig ist für uns insgesamt, dass immer die Lieferfähigkeit gegeben ist. Wenn das der Fall ist, gibt es für uns grundsätzlich kein Argument, den Lieferanten aus Asien nicht mehr zu berücksichtigen. Sollte dann im Einzelfall das Vertrauen nicht mehr da sein, kann man immer noch sagen: Okay, wir müssen verlagern. Aber ich glaube, es wäre nicht der richtige Ansatz von vornherein zu sagen, alles an chemischer Werkstoffproduktion zurück nach Europa zu bringen. Das schaffen wir schlicht und ergreifend nicht und es wäre auch nicht im Sinne einer vernünftigen Gesundheits- und langfristigen Arzneimittelpolitik."

Wenn das alles berücksichtigt wird, werden dann die Kosten explodieren?

"Also ich glaube, dass wird sich eher moderat bewegen. Wirkstoffpreise sind zwar ein relevanter Punkt, aber es gibt natürlich viele andere Kostenfaktoren. Vor dem Hintergrund muss eine Verlagerung nicht zu einer Kostenexplosion führen. Wir würden das nicht erwarten."

Aber höhere Preise wird es dennoch geben?

"Man muss schon sagen, dass die Rückverlagerung einen Preis haben wird. Man kann nicht davon ausgehen, dass das zum gleichen Preis möglich ist. Aber es besteht ja der Wunsch, dass man die Abhängigkeit verringert und wie viele Bevölkerungsbefragungen auch zeigen, sind die Bürger bereit auch dafür mehr zu bezahlen."

Geht es dann allein zu Lasten der Bürger?

"Ich denke, dass muss sich dann in den sozialrechtlichen Steuerungsinstrumenten widerspiegeln und in einer veränderten Politik bezüglich der Rabattverträge sowie bei den sogenannten Preismoratorien."

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 21. Juli 2020 | 21:45 Uhr

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