Europa Wichtige Medikamente: Raus aus der Abhängigkeit von Asien

Die wichtigsten Medikamente sollen künftig wieder in Deutschland und Europa produziert werden. Doch Experten befürchten, dass weniger lukrative Wirkstoffe auf der Strecke bleiben und es gibt ein weiteres, besonderes Problem: Die Startmaterialien für die Wirkstoffe werden vor allem in China produziert.

Ein Mann in Schutzkleidung hantiert mit Medikamenten
Die Gesundheitsminister der EU-Länder sind sich einig: Die wichtigsten Medikamente zur Versorgung der häufigsten Krankheiten sollen künftig in Europa produziert werden. Bildrechte: imago images/Greatstock

China und Indien sind die wichtigsten Lieferanten für Wirkstoffe sehr vieler lebenswichtiger Medikamente. Für Deutschland und Europa ist diese Abhängigkeit schon seit längerem ein Problem und die Corona-Pandemie hat die Konsequenzen noch einmal verschärft. Deshalb soll die Produktion hier wieder aufgebaut werden – darüber sind sich die Politiker einig: Bis Ende dieses Jahres soll es eine EU-weite Pharma-Strategie geben. Doch damit die Versorgung der Patienten in Europa auch künftig gesichert werden kann, sind viele Hürden zu nehmen.

Es geht um die Wirkstoffe für Antibiotika, Heparin oder Midazolam – um nur einige Beispiele zu nennen. Letzteres ist eine Substanz für ein Betäubungsmittel. Dieses ist derzeit auch in der Bewältigung der Corona-Pandemie wichtig – und die Stoffe zur Bekämpfung von SARS-CoV-2 sind gerade weltweit knapp.

Engpass bei Medikamenten für die Intensivmedizin

Damit Midazolam für die Intensivmedizin in Deutschland noch ausreichend vorhanden sein kann, musste sein Wirkstoff kürzlich erst einmal beschafft werden. Mitte April war das fast unmöglich. "Wir haben es mit Hilfe der Industrie, den Händlern und dem Bundesgesundheitsministerium geschafft, einen Hersteller in Indien und einen Hersteller in Israel zu finden", sagt Ralph Heimke-Brinck. Er ist der Leiter der Arzneimittelherstellung in der Krankenhaus-Apotheke des Universitätsklinikums Erlangen.

Großer Behälter
Midazolam ist für Betäubungsmittel in der Intensivmedizin wichtig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dort können Medikamente aus Wirkstoffen selbst produziert werden – unter den gleichen Bedingungen wie in der Pharmaindustrie, nur eben kleiner. Nachdem das Gesundheitsministerium den Wirkstoff für Midazolam eingekauft hatte, wurde er an das Uniklinikum Erlangen geliefert und von dort an elf weitere Schwerpunkt-Herstellungs-Krankenhausapotheken verteilt. Dort wird das Betäubungsmittel für Patienten auf der Intensivstation fertig produziert und kann von weiteren Kliniken abgerufen werden. Der Vorrat soll für 3000 Erkrankte reichen.

Allein in der Intensivmedizin würden knapp über 20 Wirkstoffe als versorgungskritisch angesehen, deren Produktion sich nicht einfach hochfahren lasse, erklärt Professor Frank Dörje, Chef der Krankenhausapotheke des Uniklinikums Erlangen. Es geht um kreislaufstabilisierende Medikamente wie etwa Adrenalin und Propofol oder eben Midazolam, mit denen Patienten in einen Tiefschlaf versetzt werden, aber auch gerinnungshemmende Mittel wie Heparine.

Abhängigkeit von Asien auch bei der Behandlung von Volkskrankheiten

Doch es geht um sehr viel mehr Substanzen als nur für die Intensivmedizin. Medikamente gegen Krebs, Schmerzen, Bluthochdruck oder Antibiotika und viele weitere. Sie alle sind als versorgungsrelevant eingestuft und deren Wirkstoffe werden seit vielen Jahren vor allem in China und Indien hergestellt. Die Produktionskosten sind dort schlichtweg deutlich niedriger.

Aber es kommt auch immer wieder zu Lieferengpässen, wenn die Herstellung stockt oder ganz ausfällt oder - wie in Zeiten von Corona - die Nachfrage nach bestimmten Substanzen weltweit steigt.  So hat Indien Anfang März eine Exportverbotsliste von 26 Arzneimitteln und Wirkstoffen in Kraft gesetzt. Darunter Paracetamol und mehrere Antibiotika. Sie sollen  zur Versorgung der heimischen Bevölkerung bereitstehen.

Das ist für Europa natürlich eine prekäre Situation.

Frank Dörje Chef der Krankenhausapotheke am Uniklinikum Erlangen

Deshalb soll trotz der Kostenvorteile nun die Abhängigkeit von Asien verringert werden. Darüber waren sich die Gesundheitsminister der EU-Länder auf einer Videokonferenz Mitte Mai einig. Die Rückholung von Arzneimittelwirkstoffen wurde als zentrales Element einer EU-Pharmastrategie erachtet. Die Europäische Kommission sei dazu auch mit der Pharmaindustrie im Gespräch, so eine Sprecherin gegenüber dem ARD-Magazin "FAKT". Die Kommission arbeite auch auf bilateraler Ebene mit der jeweiligen EU-Ratspräsidentschaft zusammen. Momentan hat Deutschland diese inne. Es gehe darum, gemeinsam die Kräfte zu bündeln um etwa "die Verringerung von Engpässen und die Diversifizierung der Lieferanten von pharmazeutischen Wirkstoffen" zu erreichen.

Gesundheitsminister Spahn: Sicherheit ist wichtiger als Preis

Jens Spahn
Gesundheitsminister Jens Spahn sagt: "Sicherheit geht vor." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um das Thema weiter auf der Agenda zu halten. "Das ist nicht kurzfristig zu machen, das ist offenkundig. Der Aufbau von Produktionen wird sicherlich eher Monate und Jahre brauchen", sagte Spahn Anfang März in Brüssel. Dabei könnte es sein, dass etwa für Generika auch mehr bezahlt werden müsste, aber "die Sicherheit geht hier vor ökonomischer Effizienz".

Um Produktionsstätten wieder aufzubauen, brauche es finanzielle Anreize für die Unternehmen. Außerdem will sich der Minister für den Aufbau neuer Lieferketten, mehr Transparenz über Lieferengpässe, mehr Qualitätskontrollen und eine europäische Zusammenarbeit  beim Ausbau der Wirkstoffproduktion für besonders wichtige Arzneimittel in der Europäischen Union, einsetzen, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage von "FAKT".

Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller erklärt dazu: Letztlich sei es eine Entscheidung der Unternehmen, wo produziert werde. Der Hauptgeschäftsführer Hubertus Cranz sieht aber die Aufgabe des Verbandes auch darin, dass Gesamtklima zu verbessern, damit sich Firmen für den Standort Europa entscheiden: "Man kann es drehen und wenden, wie man möchte. Letztlich hängt sehr viel vom Klima eines Standortes ab. Und wenn das Klima positiv ist, dann fallen auch Firmenentscheidungen in Richtung eines Heimatstandortes, weil letztlich die Produktion vor Ort immer etwas einfacher ist als in einem ferngelegenen Land." Es gehe um kurze Wege und eine leichtere Kommunikation.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 29. Juli 2020 | 20:15 Uhr

7 Kommentare

Ekkehard Kohfeld vor 8 Wochen

Und als nächstes kommt,wenn man alle Arbeitsplätze (Produktionen) ins Ausland verfrachtet hat und hier niemand mehr einen Job,wem will man die Wahren und wenn sie noch so billig sind noch verkaufen,Eigentor vom feinsten.🤭🤭🤭

Ekkehard Kohfeld vor 8 Wochen

Richtig es geht nur darum die Gewinne zu steigern und nicht langsam sondern ganz schnell reich zu werden,man bekommt den Hals nicht voll obwohl man das Geld gar nicht mehr ausgeben kann was man verdient (ab gezockt) hat .😱😱😱

Anni22 vor 8 Wochen

Ich glaube nicht, dass man sich die Produktion in Deutschland nicht leisten kann, nur die Gewinnspanne ist natürlich etwas geringer. Aber das Problem kennen wir aus vielen Bereichen. Nun muss man sehen hohe Gewinne oder Liefersicherheit, beides wird nicht gehen.

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