Erstaufnahme-Einrichtung Auf engstem Raum in der Corona-Krise

In einer Unterkunft für Flüchtlinge müssen die Menschen dicht an dicht leben. Dazu mangelt es an elementaren Dingen zum Einhalten der Hygiene. Die Bewohner fürchten um ihre Gesundheit und ihr Leben.

Die Betten stehen dicht nebeneinander. Dazwischen ist kaum ein Meter Platz. Fünf Menschen sind auf etwa 25 Quadratmetern untergebracht – mitten in der Corona-Krise. Doch nicht nur das, die Zustände in der Erstaufnahme-Einrichtung im sächsischen Dölzig sind auch unhygienisch, kritisieren die Bewohner. Sie fürchten um ihre Gesundheit und ihr Leben, wenn Covid-19  dort ausbricht.

Denn während in Deutschland die Bevölkerung dazu angehalten ist, soziale Kontakte wegen des hochansteckenden Virus zu meiden, leben in der Einrichtung 400 Menschen auf engstem Raum. Deshalb haben 70 Migranten einen Brief an die Heimleitung verfasst, in dem sie mehr Hygiene und Schutz gegen das Corona-Virus fordern. Denn, so sagt ein Bewohner: "Wenn hier einer Corona bekommt, dann bekommen es alle – noch am gleichen Tag."

Angst vor Ausbruch von Covid-19

Ein Mann während eines Interviews.
Nur einer von 70 Unterzeichnern des Briefes ist bereit vor die Kamera zu treten: Mohsen Farzizadeh. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nur einer der Unterzeichner ist bereit vor die Kamera von MDR-exakt zu treten, um die Zustände zu beschreiben. Die Angst vor Repressionen ist groß. Mohsen Farzizadeh stammt aus dem Iran und hat dort als Lehrer gearbeitet. Vor einigen Monaten ist er nach Deutschland geflohen.

Über die Zustände im Heim ist er geschockt. "Es ist keine Seife dort", sagt Mohsen Farzizadeh. "Dort wo sich die Menschen die Hände waschen." Er belegt es anhand mehrerer Videos, die der 38-Jährige MDR-exakt zeigt. "Auf der Toilette ist kein Papier." In das Heim dürfen die MDR-Reporter nicht. Selbst in einem benachbarten Parkhaus darf nicht gedreht werden. Es sei Privatbesitz, sagen die Wachleute aus dem Heim. Das Interview muss woanders aufgezeichnet werden.

Fehlende Seife und schmutzige Toiletten

Waschbecken in einer Unterkunft.
Auf den Videos zeigt Mohsen Farzizadeh: An den Waschbecken fehlt Seife. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir benötigen Desinfektionsmittel", sagt Mohsen Farzizadeh, als ein anderer Ort gefunden ist. Doch obwohl er dies der Heimleitung vor ein paar Tagen mitgeteilt habe, fehle es bereits seit Wochen in der Erstaufnahme-Einrichtung. Auch das Essen hätten die Bewohner gemeinsam im Speiseraum einnehmen müssen – dicht an dicht. "Erst seit fünf, sechs Tagen dürfen wir das Essen mit auf´s Zimmer nehmen", sagt der Iraner. Er beschwere sich nicht über das Essen oder andere Sachen, aber er sagt: "es geht um mein Leben". Wie solle er sich vor dem Corona-Virus schützen können?

In der Unterkunft hat sich Mohsen Farzizadeh bereits früher Infektionen geholt, berichtet er. Es gebe zwei Toiletten. Dort verrichteten alle ihr Geschäft – doch niemand mache sauber. "Wenn ich dann fünf Minuten putze, bevor ich mein Geschäft verrichten kann, dann sind dort immer noch Viren und Bakterien", sagt der Mann. "Das ist ein Problem. Und wir haben keine Seife, mitten in Deutschland, im Herzen Europas."

Wachmänner stören Interview mit Geflüchteten

Polizeiauto auf Straße, Männer in gelben Warnwesten auf dem Fußweg.
Die Sicherheitsleute haben die Arbeit der MDR-Journalisten mehrfach gestört. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für die Flüchtlings-Einrichtungen ist in Sachsen die Landesdirektion zuständig. Die Behörde sieht auf Anfrage von MDR-exakt keine Defizite bei der Hygiene: Im Verkaufskiosk sei ausreichend Seife vorhanden, Desinfektionsmittel an mehreren Stellen in der Unterkunft verfügbar. Zwei Mal am Tag reinige man die Toiletten, Toilettenpapier werde an der Rezeption verteilt. Um das Ansteckungsrisiko zu minimieren dürften die Bewohner ihre Mahlzeit auf dem Zimmer einnehmen.

Als die MDR-Reporter Mohsen Farzizadeh nach dem Interview am Eingang zum Heim absetzen, stören die Sicherheitsleute erneut die Arbeit der Journalisten. Diesmal kommt es zu einer Auseinandersetzung. Auch bei diesem Vorfall sieht die Landesdirektion keine Probleme.

Nicht einmal 24 Stunden nach dem Interview wird Mohsen Farzizadeh in ein anderes Flüchtlingsheim verlegt. Er fühlt sich abgestraft: Weil er Kritik geübt hat. Doch eine Lösung für eine ordentliche Unterbringung der Geflüchteten in der Corona-Krise gibt es immer noch nicht.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 01. April 2020 | 20:15 Uhr