Eine Kellnerin arbeitet in einer Bar.
Besonders in der Gastronomie und im Einzelhandel werden Arbeitnehmer um ihren Mindestlohn betrogen. Bildrechte: dpa

Studie Millionen Arbeitnehmer um Mindestlohn geprellt

Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit prüft, ob die Firmen den Mindestlohn in voller Höhe auszahlen. Doch die Behörde ist personell unterbesetzt und hat viele andere Aufgaben zu erledigen. Viele Arbeitnehmer sind laut einer Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung die Leidtragenden.

Eine Kellnerin arbeitet in einer Bar.
Besonders in der Gastronomie und im Einzelhandel werden Arbeitnehmer um ihren Mindestlohn betrogen. Bildrechte: dpa

Um den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde zu umgehen, müssen Arbeitgeber nicht gerade erfinderisch sein. Sie können Arbeitnehmer unbezahlte Überstunden schieben lassen oder weisen Teilzeitstellen aus, die in Wirklichkeit Vollzeitstellen sind.

Wie häufig der Mindestlohn in Deutschland umgegangen wird, zeigt eine jüngste Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach erhielten 2016 über zwei Millionen Beschäftigte weniger als den allgemein gesetzlichen Mindestlohn, auch wenn er ihnen zustand. In der Analyse heißt es, die Zahlen seien noch eine vorsichtige Schätzung.

Über 6,5 Milliarden Euro nicht ausgezahlt

Betroffene Arbeitnehmer mussten demnach monatlich einen Lohnausfall von durchschnittlich 251 Euro hinnehmen. Auf alle betroffenen Beschäftigten hochgerechnet sparten 2016 die Arbeitgeber insgesamt 6,5 Milliarden Euro ein, weil sie sich nicht an die gesetzliche Mindestlohn-Vorgabe hielten. Für die Studie waren rund 15.000 Haushalte mit rund 29.000 Menschen interviewt worden, nicht alle von ihnen waren erwerbstätig. Sie wurden nach ihrem Bruttolohn befragt, nach der Zahl der tatsächlich gearbeiteten Arbeitsstunden und nach der vertraglich festgelegten Arbeitszeit.

Gesetzlicher Mindestlohn 2015 in Deutschland eingeführt, lag er zunächst bei 8,50 Euro brutto pro Stunde. Anfang 2017 wurde der Mindestlohn auf 8,84 Euro pro Stunde aufgestockt. Bei Nichtzahlungen kann der Zoll eine Verwarnung in Höhe von 5 bis 55 Euro verhängen, bei schwerwiegenden Fällen Bußgelder von bis zu 500.000 Euro.

Wer besonders betroffen ist

Eine junge Frau wird frisiert.
Frauen werden häufiger um Mindestlohn geprellt als Männer. Bildrechte: IMAGO

Die Studie zeigt zudem, dass Frauen stärker von der Mindestlohn-Umgehung betroffen sind als Männer und Arbeitnehmer im Osten stärker als im Westen. Mit 12,6 Prozent sei die Quote in Ostdeutschland "ausgesprochen hoch", heißt es in der Analyse. Das liege vor allem daran, dass es im Osten kleinere Betriebe ohne Mitarbeitervertretung und eine geringere Tarifbindung gebe. Unternehmen mit Tarifvertrag und Betriebsrat halten sich laut Untersuchung weitaus konsequenter an die Vorgaben. In solchen Betrieben gab es demnach nur bei 1,8 Prozent der Beschäftigen eine Mindestlohn-Unterschreitung, bei Bertrieben, in denen beides fehlt, lag die Quote bei 15,6 Prozent.

Fehlende Einnahmen für Sozialversicherung

Doch nicht nur die betroffenen Arbeitnehmer haben weniger Geld in der Tasche. Die Studie verweist darauf, dass damit den Sozialversicherungen Einnahmen von rund 2,8 Milliarden Euro entgingen und fordert mehr Kontrollen durch den Zoll, der die Einhaltung des Mindestlohns überprüfen muss.

Weniger als drei Prozent kontrolliert

Zollbeamte überprüfen in der Nähe des Grossmarktes in Stuttgart Fahrer von Kleintransportern.
Zollbeamte überprüfen im März 2015 in der Nähe des Grossmarktes in Stuttgart Fahrer von Kleintransportern. Bildrechte: dpa

Egal, ob die Kontrolleure Baustellen oder Pflegeheime, Luxushotels oder Callcenter inspizieren - die Aufpasser des Zolls kommen unangemeldet, in der Regel mit Dienstkleidung und bewaffnet, um sich bei möglichen Angriffen schützen zu können. Doch in der Realität scheitert dieses Szenario bislang häufig am fehlenden Personal. Im vorigen Jahr wurden laut Statistik gerade mal 2,6 Prozent der insgesamt knapp zwei Millionen Betriebe kontrolliert, die mindestens einen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten haben.

Kontrollbehörde hat zu wenig Personal

Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) verfügt derzeit über rund 7.200 Planstellen. Die Große Koalition plant bis 2022 die Kontrollbehörde noch einmal mit 1.400 Stellen aufzustocken. Nötig sind laut Studie der Böckler-Stiftung aber mindestens 10.000 Kontrolleure, damit die Überprüfung auch effizient ist. Doch schon jetzt findet die Behörde nicht genügend Personal, rund elf Prozent der Stellen sind derzeit bei der FKS unbesetzt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. März 2018 | 22:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2018, 12:05 Uhr

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38 Kommentare

26.03.2018 11:44 Eulenspiegel 38

Hallo Kritischer Bürger 27
„HÄTTE ich vorgehen können. Wäre erfolglos da die Kündigung auf Grundlage der geänderten Wettbewerbsanforderungen beinhaltete und daraus hervorgehend eine Umstrukturierung der ArbG vornehmen musste.“
Das haben sie sich aber so richtig übers Ohr hauen lassen. Das hat man ihnen alles erzählt damit sie einen Aufhebungsvertrag unterschreiben in dem steht das sie keine weiteren Ansprüche stellen. Ihr Chef war ja Vertragsbrüchig geworden weil er die Überstunden nicht bezahlte. Bei einem Vertrag verlichten sich beide Seiten zu einer Leistung. Und wenn die eine Seite wiederholt nicht liefert dann kann die andere Seite diesen Vertrag fristlos kündigen und die nicht erbrachte Leistung einklagen. Aber das genauere hätten sie mit den Kollegen Rechtsanwahl von der Gewerkschaft klären können ja wenn sie in der Gewerkschaft gewesen wären. Sie haben somit so ziemlich alles falsch gemacht was man falsch machen kann. Und dann über die Politik meckern.

25.03.2018 18:54 Kritischer Bürger 37

@SPD Aufklärungszentrale 33/34: "SAUBER" geschrieben, nur muss man zum Verstehen dieser Worte wohl gelernt haben zwischen den Zeilen lesen zu können. Man gut das ich es noch kann, andere würden ihren Worten so wie man sie hier verstehen kann (nur vom Lesen her) als Lob auffassen das es noch so viele Rentner gibt die ja absolut nicht aus Geldmangel NOCH arbeiten gehen sondern weil diese Mitmenschen daheim sich nicht so Einsam und unnütz vorkommen! Zeigt doch auch wie gesund man sich als ArbN durch die Jahre der Erwerbstätigkeit bringen konnte um nun erst im Alter NOCH EINMAL RICHTIG "DURCHSTARTEN" zu können! Den Sinn seines Lebens in Arbeit zu sehen denn Ruhestand schädigt Geist und Körper wohl nachhaltig!

25.03.2018 18:44 Kritischer Bürger 36

NUR so wie vorab kommentiert kann man zum Einen Zoll-Personal entlasten und zum Anderen die zahlreichen Unternehmen "unter Kontrolle haben" das solch ein Hintergehen, Unterwandern oder wie man es noch ausdrücken will, des Mindestlohnes im Falle des Falles ohne viel Aufwand unterbunden werden kann. Ein Buchhalter würde sicher zahlreiche Zoll-Beamte ersetzen können mit HIlfe der Computertechnik um es mal in die Kostenrechnung einzugliedern. Aber wie bei vielem wird dies wohl das Verhältnis Politik und Unternehmen anfangs sehr strapazieren und daher wohl auch im Sinne der Politik wohl kaum umgesetzt! Lieber verzichtet man zum Einen auf die entgangenen Steuern und zum Anderen lässt man die Bürger, welche diesen Arbeitsbedingungen samt Einkommen ausgesetzt sind, im Stich! Muss man sich da über das Wahlverhalten von Bürgern noch wundern. Ich denke NEIN!

25.03.2018 18:34 Kritischer Bürger 35

@Paul21 31: OBERFLÄCHLICH und im Sinne einer Prävention möglich, doch dann haben wir alle noch mehr insolvente Unternehmen als heute schon! Nein ich würde da eher meine Erwartungen dahingehend nachdruck verleihen: JEDES UNTERNEHMEN hat einen BUNDESSTAATLICHEN BUCHHALTER im Unternehmen einzustellen der jede Geldbewegung, jede Stunde der Arbeitstätigkeit der Belegschaft, jede Ausgabe und Einnahme kontrollieren muss und entsprechend seinem vorstehenden Ministerium DIREKT Bericht erstattet. Das ist KEIN EINGRIFF in die Autonomie eines Unternehmens AUCH IST es keine Behinderung des WETTBEWERBES. Dieser Buchhalter hat keinerlei Weisungsbefugnis und kann auch keinerlei Änderungen im Unternehmen anregen. Er WÄRE NUR ein entsprechender Berichterstatter, der über Unzulänglichkeiten der auch Gesetzestreue in einem Unternehmen selbst im Hotel & Gaststättengewerbe oder in jedem anderen Bereich ungeschönt seinem direkten Vorgesetzten (das betreffende Ministerium) zukommen lassen möchte!

25.03.2018 17:53 SPD Aufklärungszentrale 34

weiter:

Mindesthohn hin oder her, die Rentner brauchen sowieso nicht mehr so viel Geld, deshalb würde ich bei den Rentnern auch gleich eine Ausnahme vom Mindesthohn machen.

25.03.2018 17:50 SPD Aufklärungszentrale 33

ich sehe nichts falsches darin das die Rentner arbeiten gehen, erstens sitzen die nicht rum und langweilen sich und zweitens müssen ja auch mal wieder die Diäten erhöht werden.
was bringen die Rentner sonst noch für einen Nutzen für die Gesellschaft?
Und wenn es ganz hart kommt, legen die vielleicht noch ihren Lebensmittelpunkt nach Ungarn oder Spanien.
Die sollen sich mal schön hier noch bissl arbeiten und ihr Geld auch hier ausgeben.

25.03.2018 17:23 wirtz 32

Mehr als 1,4 Millionen Rentner haben einem Bericht zufolge auch im hohen Alter noch einen Job. Wie am Wochenende unter Berufung auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Grünen-Anfrage berichtete, gingen im Jahr 2016 rund 1,42 Millionen Rentner in Deutschland einer Beschäftigung nach. Im Jahr 2000 lag diese Zahl demnach noch bei 539.000.Und heute ist das Drecksgeldsparbuch leer geraubt und 900000 mehr müssen im Alter noch Arbeiten wo sich Verbrecher und Ihre Komplitzen doppelt füttern und die neuen Facharbeiter bekommen eh schon mehr unterm Strich und kranke Rentner müssen arbeiten gehen im D...............Nr1

25.03.2018 17:07 Paul21 31

Beim Zoll genügend Leute einstellen, die die Mindestlöhne prüfen und alle Unternehmer und Geschäftsführer die da tricksen und die Arbeitnehmer betrügen sofort 4 Wochen einsperren. Einfach mal machen!!! Wäre mal ein Vorschlag.

25.03.2018 17:03 Paul21 30

Und wo bleibt hier die Politik. Erst Gesetze beschließen die den Namen nicht verdienen, und an deren korrekter Umsetzung niemand interessiert ist, Haupsache die Diäten der politischen Kaste im Land stimmen. Dieses politische System der Diktatur des Kapitas ist nicht mehr zeitgemäß und gehört komplett auf den Prüfstand.

25.03.2018 16:13 Kritischer Bürger 29

Sozialkassenbetrug geht doch NUR zu Lasten der Bürger. Da schließt sich automatisch die Frage an: Was haben Bürger schon zu erwarten in einem Land wo Wohlstand basierend auf hohe Steuereinnahmen und wirtschaftlichen Boom doch gerade jetzt ggf. auch aus solchen Gründen mit Mindestlohn prellen AUCH MIT ERREICHT WIRD!