Eine Kombo aus Reproduktionen der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.
Fahndungsbilder von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Bildrechte: dpa

NSU-Ermittlungen Unbekannte DNA wirft Fragen auf

Bei den NSU-Untersuchungen gibt es neue Rätsel. Auch nach viereinhalb Jahren intensiver Ermittlungen sind noch entscheidende Fragen unbeantwortet. Eine dreht sich um anonyme DNA-Spuren. Sie können den NSU-Mitgliedern Mundlos, Böhnhardt oder Zschäpe nicht zugeordnet werden.

von Matthias Reiche, MDR AKTUELL

Eine Kombo aus Reproduktionen der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.
Fahndungsbilder von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Bildrechte: dpa

Es geht um die sogenannten genetischen Fingerabdrücke. Hat man von denen ein sogenanntes Vollmuster, kann man eine Person identifizieren. Man kann auch bestimmen, ob ein Täter zum Tatort passt. Das macht die anonymen DNA-Spuren beim NSU-Fall auch für Clemens Binniger interessant. Er ist der Vorsitzende des zweiten Untersuchungsausschusses des Bundestags: "Uns ist aufgefallen, dass an keinem der 27 Tatorte, die dem NSU zugerechnet werden, DNA von Mundlos, Böhnhardt oder Zschäpe gefunden wurde, dafür aber anonyme DNA. Deshalb muss man der Frage nachgehen, ob diese DNA möglicherweise von Mittätern stammt."

Anonyme DNA stammt möglicherweise vom Täter

Wie viele anonyme Altspuren an den Tatorten sichergestellt wurden, ist bisher nicht beziffert. Einer der interessanten Fälle führt dabei nach Heilbronn, wo die Polizistin Michele Kiesewetter erschossen und ihr Kollege schwer verletzt wurde. An dessen Rücken fanden sich zwei DNA-Vollmuster-Spuren: "Alle Überprüfungen, die man bisher gemacht hat, ob diese DNA möglicherweise von anderen Kollegen stammt, die den Streifenwagen benutzt haben, von Sanitätern oder von welchen, die zuerst am Tatort waren oder aus dem privaten Umfeld, ergaben keine Treffer. Dann muss man sich ja die Frage stellen, ob sie möglicherweise vom Täter stammen."

Binninger fordert maximale Recherche

Gegenüber MDR AKTUELL bestätigt die Bundesanwaltschaft, dass es neben den Tatort- oder Altspuren auch 43 DNA-Neuspuren gibt, die bisher nicht zugeordnet werden können. Gefunden wurden sie im ausgebrannten Wohnmobil und an Gegenständen aus der Zwickauer Frühlingsstraße. In dem Wohnmobil sollen die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Selbstmord begangen haben.

Beate Zschäpe gab zu, nach dem Tod der beiden, die gemeinsame Wohnung in Brand gesteckt zu haben. Das erklärt möglicherweise, warum dort erstaunlich wenig Spuren des sogenannten Trios gefunden wurden. Was die fremde DNA an den Tatorten betrifft, hat dies für die Bundesanwaltschaft offensichtlich keine Priorität.

Da werde erst ermittelt, wenn man die Smoking Gun als das ultimative Beweismittel präsentiert, vermutet CDU-Politiker Clemens Binninger: "Das ist unsere Kritik. Anonyme DNA-Spuren an Tatorten und an Tatwaffen, die man sonst niemandem zuordnen kann, sind für uns schon beachtlich. Wir erwarten, dass da maximal recherchiert wird, um es auszuschließen. Man darf nicht einfach sagen, es spielt keine Rolle. Man darf nicht mit dem Mangel leben, dass die Haupttäter es geschafft haben sollen, an 27 Tatorten gar nichts zu hinterlassen."

Nur wenige NSU-Kontaktpersonen wurden überprüft

Deshalb will der zweite NSU-Untersuchungsausschuss nach der Sommerpause das Thema aufgreifen. Da wird auch die Bundesanwaltschaft noch einmal Stellung beziehen müssen. Außerdem wollen sich die Abgeordneten von einem BKA-Verantwortlichen im Detail erklären lassen, wie mit der DNA-Datenbank gearbeitet wird. Beispielsweise werden rund 100 Kontaktpersonen dem Umfeld des NSU zugerechnet. Bisher wurde jedoch nur bei nur 19 Personen geprüft, ob sie als Verursacher der anonymen DNA-Spuren in Frage kommen.

Unterscheidung zwischen Alt- und Neuspuren Bei den Ermittlungen wird zwischen Alt- und Neuspuren unterschieden. Zu den Altspuren gehören alle Spuren vor dem 4. November 2011, als der selbsternannte NSU aufgeflogen ist. Die Spuren wurden an 27 Tatorten gefunden und betreffen die zehn Morde. Die Zahl der anonymen Altspuren ist laut Generalbundesanwaltschaft nicht beziffert. Die Neuspuren sind nach dem 4. November gesichert worden. Sie stammen unter anderem aus dem Wohnmobil. 43 der Neuspuren können keinem der Tatortberechtigten oder dem NSU-Trio zugeordnet werden.

Zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2016, 05:00 Uhr

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21 Kommentare

29.06.2016 07:50 observer 21

"Es ist etwas faul im Staate D" müsste man frei nach Shakespeares "Hamlet" kritisch einschätzen. Da schleppt sich ein wie eine Show wirkender Strafprozess gegen Zschäpe & Co. in München hin, tritt fast auf der Stelle und verschlang schon über 50 Millionen Euro Steuergelder. Wir haben's ja so üppig.
Wer wirklich wissen will, was in Sachen NSU geheim passierte, sollte die Nase in die hervorragend recherchierten Bücher "Die schützende Hand; Anatomie eines Staatsverbrechens" und "Der Staat und die Mordserie des NSU" stecken oder, was auch sehr aufschlussreich ist, in die öffentlich zugänglichen Protokolle parlamentarischer NSU-Untersuchungsausschüsse. Literatur, die ich gründlich gelesen habe, und danach sieht man die Phrase von der "freiheilich-demokratischen Grundordnung" nüchterner.

28.06.2016 21:14 Bernd Escher 20

Wer hat das Drehbuch geschrieben?
Das NSU-Trio nur ein"Bauernopfer"?
Kommt die Wahrheit jemals ans
Tageslicht,nur die die Wahrheit kennen, ja,
kennen die Wahrheit,aber werden die
darüber ÖFFENTLICH!!! reden.Danke.

27.06.2016 22:54 Matthias Das Overbeck - Syndrom des NSU 19

Wieso erinnern mich die sogenannten NSU - Ermittlungen an Kommissare "Overbeck aus der ZDF - Serie "Wilsberg"? Weil diese so etwas von einem bestellten das Volk blendenden Dilettantismus haben?! Man fasst es nicht mehr und das erst Recht, wenn man weis, das es an den Tatorten keine (!) Spuren auf die Täter gibt und das jegliche Schmauch- und Projektilspuren aus physikalischen und technischen Gründen rechtlich nicht verwendbar sind (s. FBI Forensik 2000 - 2005). Ganz gleich wie, ob NSU selbst oder der NSU-Prozess beide sind eine rechtsstaatliche Katastrophe! Und als "Sahnehäubchen" gibt es noch die Info das der vorsitzende Richter Götzl für Fehlurteile (Fall Todt) bekannt ist.

27.06.2016 20:53 Jörg Mann 18

Die Ermittlergruppe Bosporus lässt grüßen!
Von wegen" NSU" dieses Staatsgebilde zum Verbot der NPD. Damit wurden schon mehrere Vervassungsschutzpräsidenten verboten aber keine NPD.
Und auch der Kiesewetter Mord ist ein Witz.
Ja wenn man die falschen V-Männer finanziert kommt so was raus.

27.06.2016 20:28 veltener 17

Das nennt man also Rechtsstaatlichkeit.
Mir wird übel,denn ich habe den Eindruck das hier selbst die DDR Rechtsstaatlicher war.

27.06.2016 18:59 Ichich 16

@Sabrina, die "zu Tode Gekommenen" haben mit der sog. "Döner-Mordserie" nichts zu tun. Interessant auch, daß der zehnte "Döner-Mord", in Döbeln 2011, so "kleinlaut" behandelt wird.

27.06.2016 16:49 Sabrina 15

Es sind ja alle, die was sagen könnten, zu Tode gekommen. Derzeit sieht es so aus, als seien sie gezielt beseitigt worden, damit die Sache nicht aufgeklärt werden kann.

27.06.2016 15:44 Wieland der Schmied 14

Ich komme mir vor wie in der Märchenstunde ohne Anfang und Ende als Endlosfortsetzung bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Mögliche Wendung: "Der Koch war der Täter!"

27.06.2016 15:18 Ichich 13

@Schmidt, nicht nur unentdeckt "im Untergrund", unentdeckt und ungesehen an den Tatorten, das ist entscheidend.

27.06.2016 14:53 Egon 12

M., B. und Z. Scheinen die genialsten Verbrecher gewesen zu sein, die die Welt je gesehen hat. 27 Tatorte, von niemandem gesehen worden, keine Fingerabdrücke und DNA hinterlassen. Die einzig logische Schlußfolgerung daraus ist wohl, daß sie nicht an den Tatorten waren, oder?!?! Und wenn sie nicht vor Ort waren, wie können sie die Taten begangen haben??? Etwa gar nicht?