Transportbox für eine Niere bei einer Nierentransplantation.
Transportbox für eine Nierentransplantation. Bildrechte: IMAGO

Debatte um Spahn-Vorschlag Ethikratsvorsitzender gegen Widerspruchslösung bei Organspende

Die geplante Neuregelung der Organspende hat gemischte Reaktionen ausgelöst. Der Chef des Ethikrats lehnt die vorgesehene Widerspruchslösung als Eingriff in das Selbstverfügungsrecht ab. Auch in der Unionsfraktion gibt es Kritik am Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Spahn. Rückendeckung kommt dagegen von der Bundesärztekammer.

Transportbox für eine Niere bei einer Nierentransplantation.
Transportbox für eine Nierentransplantation. Bildrechte: IMAGO

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, hat die Pläne zur Neuregelung der Organspende kritisiert. Dabrock sagte im Deutschlandfunk, die geplante Widerspruchslösung sei ein tiefer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper. Man könne Schweigen nicht einfach als Zustimmung auslegen. Wer sich erst mit dem Thema beschäftigen oder keine Hilfe leisten wolle, sei dann in der Beweislast.

Dabrock hatte in einer ersten Reaktion die Widerspruchsregelung als "Organabgabepflicht" bezeichnet. Das Transplantationssystem habe durch jüngste Skandale stark an Vertrauen eingebüßt und noch nicht wiedererlangt. Zugleich betonte der Theologie-Professor, er sei grundsätzlich für die Organtransplantation und die Erhöhung der Spendezahlen.

Spahn will gesellschaftliche Debatte

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) möchte, dass künftig jeder Bürger automatisch Organspender ist, sofern er selbst oder Angehörige nicht ausdrücklich widersprechen. Er will zu dieser auch in vielen anderen Ländern üblichen Widerspruchsregelung aber zunächst keinen Gesetzentwurf vorlegen, sondern erst eine breite gesellschaftliche Debatte führen.

Ärzte-Präsident begrüßt Vorstoß

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, begrüßte Spahns Vorstoß zur Widerspruchlösung bei der Organspende. Montgomery sprach in der "Passauer Neuen Presse" von einer sinnvollen Idee. Allerdings halte er diese Lösung für rechtlich sehr schwierig umzusetzen.

Daher unterstütze Montgomery Spahns Aufruf zu einer breiten Debatte in der Gesellschaft über das Thema. Ein fraktionsübergreifender Gesetzentwurf mit offener Debatte und Abstimmung im Bundestag sei "absolut der richtige Weg".

Skepsis auch innerhalb der Union

Das Widerspruchsmodell sorgt auch in der Union für Kritik. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Karin Maag, warnte in einem Interview mit Stuttgarter Zeitungen, der Vorstoß könnte zusätzliche Ängste schüren. Zudem mache man den eigenen Gesetzentwurf mit einer Debatte kaputt, die viel zu früh komme. Der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger sieht enorme Vorbehalte in der Bevölkerung und wenig Nutzen.

Spahn selbst räumte ein, dass die Widerspruchslösung "ein starker Eingriff in die Freiheit" sei. Er verteidigte sie im ARD-"Morgenmagazin" dennoch. Alle bisherigen Versuche, die Zahl der Organspender zu erhöhen, seien erfolglos geblieben. Spahn sagte:

Drei Menschen sterben jeden Tag, weil das Organ, das sie sehnsüchtig erwartet haben, nicht kam.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

84 Prozent der Deutschen stünden der Organspende positiv gegenüber, sagte Spahn. Doch viel weniger hätten einen Organspendeausweis. Die "abstrakte Bereitschaft" zur Organspende helfe den 10.000 Menschen, die in Deutschland derzeit auf ein Spenderorgan warteten, nicht weiter.

Organspende Rund 10.000 Menschen in Deutschland warten auf eine Organspende. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben der Stiftung Eurotransplant allerdings nur etwa 800 Spender. Und das Missverhältnis wird immer drastischer: Von 2016 auf 2017 sank die Zahl der Spender um acht Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. September 2018 | 08:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2018, 16:39 Uhr