Kommentar Vertane Chance bei der Organspende

Der Bundestag hat am Donnerstag über die Neuregelung der Organspende abgestimmt. Statt der Widerspruchslösung, die uns zunächst bis zu einem Einspruch alle zu Organspendern gemacht hätte, muss man sich nun in ein Register als Organspender eintragen lassen. Verloren haben die Betroffenen.

Tim Herden
Tim Herden arbeitet als Hauptstadtkorrespondent für den MDR in Berlin Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Vor einigen Jahren kam ein Studiogast in unser Berliner Büro. Bei sich hatte er ein größeres Behältnis. Meinen erstaunten Blick kommentierte er mit den Worten: "Das ist mein Herz." Er beruhigte mich, dass die elektronischen Geräte seinen Herzschlag nicht stören würden. Noch heute, Jahre später, trägt er sein künstliches Herz bei sich, auch wenn er es jetzt in einer Art kleinen Umhängetasche neugierigen Blicken entzieht. Wie lange er noch auf ein Spenderherz warten muss, ist ungewiss. Ihm geht es wie insgesamt 8000 Menschen in unserem Land, die auf ein Spenderorgan warten.

Bürokratie statt Nächstenliebe

Umso unverständlicher für mich, dass sich der Bundestag heute wieder nicht zur sogenannten Widerspruchslösung durchringen konnte. Sie hätte uns alle im Falle unseres Todes zu potentiellen Organspendern gemacht, wenn wir nicht bewusst dagegen Einspruch erhoben hätten und uns in einem Register hätten vermerken lassen.

Stattdessen wird ein neues bürokratisches Monster aufgebaut. Beim Erhalt vom Personalausweis oder Pass soll man angesprochen werden, ob man Organspender sein will. Das Ja oder Nein wird dann in ein Organspenderregister eingetragen. Bei der Sensibilität des deutschen Beamten ist wohl kaum mit mehr Zuspruch für eine eventuelle Organspende im Todesfall zu rechnen. Zudem sollen Hausärzte mehr als bisher für Organspenden werben. Wahrscheinlich legen sie einfach noch eine unbeachtete Broschüre mehr in ihren Praxen aus. Schon in der Vergangenheit hat das kaum geholfen, mehr potentielle Spender zu finden.

Nachweislich ist in Ländern mit der Widerspruchslösung wie Österreich die Zahl der Organspender deutlich höher als in Deutschland. Wir halten uns zwar gern für ein christliches Abendland, aber mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe selbst im Tode sieht es schlecht aus. Umso erstaunlicher auch für mich, dass die Kirchen in Deutschland für die Zustimmungslösung geworben haben. Dagegen gilt die Widerspruchlösung in tief katholischen Ländern wie Spanien oder Italien. Offenbar wollen die Menschen dort selbst im Jenseits noch Gutes tun.

Gegen Missbrauch hilft die Widerspruchslösung

Sicher kann ich die Angst verstehen vor Missbrauch. Ich weiß noch, wie mir der Film "Fleisch" als Jugendlicher einen Schrecken einjagte, in dem Ärzte auf Organjagd gingen. Auch die Skandale um den Missbrauch vor wenigen Jahren haben der Bereitschaft zur Organspende geschadet. Aber der Mangel an Spenderorganen macht das System für genau diesen Missbrauch anfälliger. Umso wichtiger wäre es gewesen, wenn sich heute die Anhänger der Widerspruchslösung durchgesetzt hätten, auch um mehr Betroffenen schneller helfen zu können. Diese Chance wurde vertan.   

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Januar 2020 | 12:30 Uhr

32 Kommentare

CrizzleMyNizzle vor 36 Wochen

Ihnen wird ständig was weggnommen ohne das Sie widersprechen können. Beste Beispiele sind Steuern und Rentenbeträge.
Eine Impflicht existiert im Übrigen.
Ihr Beispiel mit dem Basi ist schlicht albern.

Na ein Glück dass nur wir Deutschen ein Problem damit haben, in anderen europäischen Ländern sieht man das Thema nicht so steif.

Spinnenweberin vor 36 Wochen

besser jeder entscheidet selbst - wer garantiert das nur das Herz und nicht zusätzlich Augen oder Sehnen oder sogar ganze Regionen entnommen und verkauft werden, wenn Kliniken Wirtschaftsunternehmen auf Gewinnmaximierung sind - wir geben nichts und nehmen nichts

Strafrechts-Profit-eur vor 36 Wochen

Straftäter sind hierzulande auch Personen die zum Holocaust eine andere Auffassung haben, als die politisch gewünschte.

Homosexuelle sind nach & 175 verfolgt worden.

Es ist mutunter recht willkürlich, was gerade Straftat ist und hat mitunter überhaupt gar nichts mit dem zu tun, was gemeinhin als kriminell gilt.

Übrigens ist das Ausschlachten von Menschen ohne deren vorherige informierte Einwilligung kriminell. Wie man aber sieht, ist es in vielen Ländern von der Politik erlaubt worden - nicht auf Basis von Sachwissen, sondern auf Basis eines Glaubens und von Naivität.