Ost-West-Differenz Ostdeutsche arbeiten länger für weniger Geld

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Auch 30 Jahre nach der Deutschen Einheit klafft noch immer eine große Lücke zwischen den Gehältern in Ost und West. Das ergibt sich aus einer Analyse des Statistischen Bundesamtes im Auftrag der Linksfraktion. Ostdeutsche arbeiten deutlich länger im Jahresdurchschnitt, bekommen aber trotzdem nur durchschnittlich 85 Prozent des durchschnittlichen bundesdeutschen Jahreseinkommens. Schnell ändern wird sich daran nichts.

Nach der weiteren Verschärfung des Maßnahmenkatalogs zur Eindämmung der Coronavirus-Infektion in Berlin durch den Senat ist der Pariser Platz am Brandenburger Tor fast menschenleer.
Zwischen den Gehältern in Ost und West klafft noch immer eine Lücke. Bildrechte: dpa

"Weniger produzieren mehr", hieß es in der DDR. Nun könnte schon seit Jahren die Losung für ostdeutsche Arbeitnehmer lauten: "Länger arbeiten für weniger Geld". Eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtes im Auftrag der Linksfraktion hat gerade für die mitteldeutschen Länder ergeben, dass Arbeitnehmer hier im Jahresdurchschnitt bis zu anderthalb Wochen mehr arbeiten, dafür aber bis zu 17 Prozent weniger verdienen.

Und so haben Beschäftigte in den neuen Ländern im Jahr zwischen 5.000 und 6.000 Euro weniger im Portemonnaie als ihre Kollegen in den alten Ländern.

Linkspartei: Gehaltsunterschiede Ost/West sorgen für Verdruss

Für den Fraktionsvorsitzenden der Linken, Dietmar Bartsch, ist das ein unhaltbarer Zustand. Das habe im 30. Jahr der deutschen Einheit nichts mehr mit dem Leistungsgedanken zu tun und führe zu Verdruss bei den Menschen in den neuen Ländern. Eine weitere Folge sei, dass die Menschen im Alter dann auch nur Armutsrenten ausgezahlt bekämen.

Die ostdeutschen Ministerpräsidenten müssen sich in aller Deutlichkeit bei der Kanzlerin dafür einsetzen, dass es Veränderungen gibt.

Dietmar Bartsch Linke-Fraktionsvorsitzender

Bartsch forderte außerdem Arbeitsminister Hubertus Heil auf, den Mindestlohn in dieser Legislaturperiode noch anzuheben.

DIW sieht kaum Chancen für schnelle Veränderungen

Peter Hahn, Leiter der Abteilung Staat beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin bezweifelt allerdings, dass es kurzfristig Chancen auf eine Veränderung dieser Unterschiede im Einkommensniveau geben kann. Für ihn ist einer der wichtigsten Gründe für die unterschiedlichen Löhne in Ost und West, dass unterschiedliche Branchen in Ost und West angesiedelt sind. Zudem gebe es auch Unterschiede bei den Betriebsgrößen.

Hahn sagte, große Unternehmen würden höhere Löhne als kleine Betriebe zahlen. Und die großen Betriebe seien nicht so sehr im Osten vertreten wie in Westdeutschland.

Kaum Veränderungen innerhalb von fünf Jahren

Dass es sich eher um ein strukturelles Problem handelt, zeigen auch die Daten. Im Fünf-Jahres-Vergleich hat sich an den Abständen der ostdeutschen Einkommen zum bundesdeutschen Durchschnitt kaum etwas verändert. Sachsen und Thüringen konnten etwas aufholen, aber Sachsen-Anhalt fiel sogar noch weiter zurück, von 86,7 Prozent auf 83 Prozent des bundesdeutschen durchschnittlichen Jahreseinkommens.

Dabei ist nach Aussage von Peter Hahn noch ein anderes Phänomen bemerkenswert: Besonders Männer seien in Ostdeutschland von unterdurchschnittlichen Löhnen betroffen, während viele Frauen gut verdienen würden. In Westdeutschland sei das genau umgekehrt, so Hahn, weil dort Frauen häufiger in Teilzeit arbeiteten.

Hahn zufolge sind in Ostdeutschland Männer vorwiegend im verarbeitenden Gewerbe tätig, Frauen eher im öffentlichen Dienst, wo es schon eine Angleichung an das Westniveau bei den Gehältern gegeben habe.

Ostdeutschland braucht mehr große Ansiedlungen

An der Gehaltschere zwischen Ost und West, so Hahn, könnten auf Dauer nur Neuansiedlungen wie zum Beispiel Tesla in Grünheide bei Berlin etwas ändern. Es käme darauf an, wie sich die neuen Industrien um Leipzig und Berlin entwickeln. Wenn sich dort neue Cluster ansiedeln, könnte sich auch das Potential für höhere Gehälter entwickeln.

Aber gerade für die ländlichen Regionen, so Hahn, wird sich beim Lohnniveau nicht viel ändern. Das sei auch kein rein ostdeutsches Problem. Auch ein ländlich geprägtes westdeutsches Bundesland wie Schleswig-Holstein liegt nur bei 91 Prozent des durchschnittlichen bundesdeutschen Bruttoeinkommens.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. August 2020 | 05:00 Uhr

74 Kommentare

Wessi vor 13 Wochen

@ Gruen ....aber den Unterschied zwischen Kommentar und Bericht kennen Sie schon? Tim Herden berichtet Fakten.Und man kann es nicht häufig genug berichten!Die "ollen Kamellen" sind, leider, topaktuell. Es gibt sicherlich mehrere Gründe, m.E. auch die geringe Bereitschaft im Osten in Gewerkschaften zu gehen.

Bernd1951 vor 13 Wochen

@Peter
"klappt´s auch mit der Lohnangleichung, siehe Öffentlicher Dienst"
Nur bei der Altersversorgung im ÖD auch VBL genannt, klafft noch eine Lücke. Und die gehört m. E. auch zur Lohnangleichung dazu.
Und als weiteres Beispiel:
Quelle Webseite der GEW
Infoblatt Das kleine ABC des TVöD
Beschäftigten im Tarifgebiet West, die das 40. Lebensjahr vollendet haben und mehr als 15 Jahre im Dienst sind, kann nur aus wichtigem
Grund gekündigt werden (→ Unkündbarkeit).

Peter vor 13 Wochen

Tja Sonnenseite, in einigen ostdeutschen Großstädten, wo man gut verdient und wo es Zuwanderung gibt, sind die Mieten schon angestiegen.
In anderen Gegenden haben die Vermieter eher mit Abwanderung und Leerstand zu kämpfen. Mieterhöhungen sind da nicht drin.
Mit "wollen" hat das wenig zu tun. Wohl eher mit Angebot und Nachfrage.