Kinderschutz Kinder in Not: Wer sieht noch hin in der Corona-Krise?

Schulen und Kitas sind geschlossen, Hilfsprojekte wie die Arche in Stendal auch. Vernachlässigungen bei Kindern werden oft von Pädagogen bemerkt. Experten sehen mit Sorge, dass dieser Schutzmechanismus weggebrochen ist.

Wand der Arche in Stendal
Die Wand der Arche in Stendal ist ein Zeugnis aus früheren Zeiten. Derzeit gibt es keine Kinder in der Einrichtung, weil sie geschlossen ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weil Betreuungseinrichtungen und Schulen geschlossen sind, spielt sich das Leben der Kinder nun weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab, in der Verborgenheit ihres Umfeldes. Der Verband der Kinder- und Jugendärzte schlägt deshalb Alarm. Die Experten befürchten, dass häusliche Gewalt und Vernachlässigung stark zunehmen werden, erklärt Sigrid Peter, die Vizepräsidentin des Verbandes.

"In den Einrichtungen wie Kindertageseinrichtungen oder auch Schulen wird fast nebenbei Kinderschutz betrieben“, erklärt sie „exakt“. Denn Erzieher und Pädagogen könnten die Kinder vor Ort über lange Zeiträume beobachten und gegebenenfalls Veränderungen bemerken.

Das Personal könne dann auch auf Grundlage geschulten Wissens darauf eingehen, so die Expertin. "Das ist völlig weggebrochen, weil die Kinder da nicht mehr hin dürfen“, warnt Sigrid Peter.

Und deswegen fürchten wir schon eine hohe Zunahme von häuslicher Gewalt, auch von Vernachlässigung.

Sigrid Peter, Vizepräsidentin des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte exakt

Kinderschutzbund zählt weit weniger Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung an die Jugendämter

Die Zahl der bei den Jugendämter gemeldeten Kindeswohlgefährdungen hat  abgenommen. Laut Deutschem Kinderschutzbund sei sogar ein drastischer“ Rückgang zu verzeichnen. Eine Erklärung könnte sein, dass Pädagogen und Erzieher die Kinder gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. "Vor dem Shutdown kamen etwa 60 Prozent dieser Meldungen von Schulen, Kitas und aus Kinderarztpraxen", sagte DKSB-Präsident Heinz Hilgers der "Rheinischen Post". Es habe den Anschein, es sei ruhiger geworden. Das könne aber die "Ruhe vor dem Sturm" sein.

Leiter der Arche in Stendal berichtet von Hilferufen der Kinder

"Exakt" trifft Mario Tiesies, den Leiter der Arche in Stendal. Die Arche liegt mitten in einer Plattenbau-Siedlung. Dort wohnen hauptsächlich Menschen, die von Sozialleistungen leben. Das Armutsrisiko im Viertel liegt bei 80 Prozent. Fast 13 Prozent der Kinder schaffen keinen Schulabschluss.

Ein Mann mit Basecap und Brille
Mario Tiesies, Leiter der Arche in Stendal, möchte seine Einrichtung möglichst schnell wieder öffnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Arche werden Kinder in normalen Zeiten kostenlos mit Mittagessen versorgt. Sie konnten erzählen, Freundschaften knüpfen und ihnen wurde zugehört. Seit die Arche wegen der Coronaschutzmaßnahmen geschlossen ist, können nur die Kinder Kontakt zu Mario Tiesies halten, die ein Smartphone besitzen. Das ist nicht einmal ein Drittel der Sechs- bis Zwölfjjährigen. Aus den kleinen WhatsApp-Nachrichten kann der Leiter der Stendaler Arche nicht wirklich erkennen, wie es den Kindern geht. Aber manche Mitteilungen würde er schon als "Hilferufe" bezeichnen. "Ich glaube, dass da manche schon am Limit sind mit dem Aushalten, mit den Geschwistern untereinander, mit den Eltern", erklärt er "exakt". Und Mario Tiesies geht davon aus, dass die Situation nach der Corona-Krise sich weiter verschlechtern und noch mehr Kinder in die Arche kommen werden.

Ich glaube, dass da manche schon am Limit sind.

Mario Tiesies, Leiter der Arche in Stendal exakt

Schulen und Kitas geben benachteiligten Kindern Struktur – das fehlt jetzt

Ein Mann mit Brille
Kitaleiter Christoph Wittwer fordert mehr Präventivarbeit beim Kinderschutz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir wissen von vielen Kindern nicht, wie es ihnen gerade geht", räumt auch Kitaleiter Christoph Wittwer gegenüber "exakt" ein. Er ist der Chef der "Kita um die Welt", in der rund 200 Kinder angemeldet sind. Die Einrichtung im Leipziger Stadtteil Grünau läuft aktuell im Notbetrieb. Hauptsächlich werden nun noch Kinder betreut, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Doch um manches Kind, das nun zuhause bleiben muss, machen sie sich Sorgen, sagt Erzieherin Susann Streit. Einige Eltern hätten mit Geld- und Suchtproblemen zu kämpfen. Sich jetzt auch alleine um das eigene Kind kümmern zu müssen, könne zu Überforderungshandlungen führen, erklärt Kitaleiter Wittwer. Und dabei ginge es nicht immer um Gewalt, betont Kindererzieherin Susann Streit. "Manchmal denke ich auch an Eltern, die zuhause selbst psychisch labil sind, wo dann die Kinder viel auffangen müssen oder die Elternrolle übernehmen müssen", schildert sie "exakt".

Eine junge Frau mit Brille
Kindererzieherin Susann Streit befürchtet, dass manche Kinder nun Elternrollen übernehmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kitaleiter Christoph Wittwer berichtet, dass schon einige Kinder auf Anweisung des Jugendamtes in die Notfallbetreuung aufgenommen werden mussten. Fälle, in denen zu Hause das Kindeswohl gefährdet sei. Das sei der falsche Weg, kritisiert er. Wichtiger sei, präventiv eingreifen zu können. Dass Kitas für einen Großteil der Kinder nun für unbestimmte Zeit unzugänglich seien, hält er für untragbar. Man müsse Betreuungsmodelle auch in der Coronakrise finden. "Wir müssen jetzt wirklich mal ernsthaft diskutieren, wie wir die Kitabetreuung organisieren. Sei es über Teilzeitmodelle oder andere Modelle. Aber es muss langsam vorwärts gehen!", fordert der Kitaleiter.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 22. April 2020 | 20:15 Uhr