Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt
Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt Bildrechte: MDR/Gunter Neumann

Privatisierungen in Ostdeutschland Politikwissenschaftler fordert Aufarbeitung der Treuhand

Der Politikwissenschaftler Werner Patzelt ist für den Vorschlag von Sachsens Gleichstellungsministerin Petra Köpping, die Geschichte der Treuhand aufzuarbeiten. Die Treuhand habe die Ostdeutschen geprägt.

Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt
Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt Bildrechte: MDR/Gunter Neumann

Politikwissenschaftler Werner Patzelt hat dringend eine Aufarbeitung der Arbeit der Treuhand in den 1990er-Jahren gefordert. "Wenn wir die Gegenwart in den neuen Bundesländern verstehen wollen, müssen wir auch gründlich klären, welche Wirkungen von der Geschichte der Treuhand ausgehen", sagte Patzelt dem MDR im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Dokumentation "Bischofferode – Das Treuhand-Trauma". Erst nach ehrlicher Aufarbeitung einer problematischen Geschichte gäbe es die Chance, unverklemmt auch mit einer weiterhin schmerzenden Vergangenheit umzugehen und es wäre gut, wenn das immer mehr jener Ostdeutschen gelänge, die bis heute "Wendetraumata" empfinden.

Treuhand-Erfahrung hat Ostdeutsche geprägt

Patzelt, Professor an der TU Dresden, sieht die Folgen der Treuhandarbeit noch heute nachwirken. Sie seien eine der Ursachen, warum Ostdeutsche skeptisch auf die Deutsche Einheit schauen. "Ein Jahrhundertunternehmen wie die Abwicklung einer ganzen Volkswirtschaft unter privilegierten Chancen möglicher künftiger Konkurrenten, sich dauerhafte Stellungsvorteile zu verschaffen, verdient eine besonders umfassende und tiefgehende Dokumentation, Analyse sowie Bewertung", sagte der Wissenschaftler.

Die direkten oder indirekten, verstandenen oder missdeuteten Erfahrungen mit der Treuhand hätten bei vielen Ostdeutschen die Einschätzung des ethischen Werts des bundesdeutschen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems geprägt.

MDR berichtet über den Fall Bischofferode

Sachsens Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping (SPD), hatte jüngst vorgeschlagen, die Arbeit der Treuhand untersuchen zu lassen, jedoch mit ihrem Vorstoß zur Gründung einer "Wahrheitskommission" viel Kritik geerntet.

Die MDR-Dokumentation "Bischofferode – Das Treuhand-Trauma" rekonstruiert die Ereignisse um die Schließung der Kali-Grube in Bischofferode und untersucht dabei auch die Verantwortung der Treuhand (MDR, 5. Juli, 20:15 Uhr).

Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen | 05. Juli 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2018, 12:15 Uhr

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23 Kommentare

07.07.2018 10:37 Ullrich 23

Gleichzeitig beschreibst du in deinem Beitrag, warum es Firmen im Osten geschafft haben:
Bessere Rohstoffe, neue Maschinen, Stammbelegschaft.
Ohne den Zugang zu ersteren und dem notwendigen Arbeitsplatzabbau war dies aber nicht möglich und genau das habe ich beschrieben - ohne diese Veränderungen und dem damit einhergehendem Produktivitätsgewinn. Ergo 1989 war keine Wettbewerbsfähigkeit gegeben. Deine Worte.

07.07.2018 10:30 Ullrich 22

@Dorfbewohner
Zum Du - im Netz entspricht dies der Etikette.
Stimmt ich bin ein Bundesbürger seit dem 3. Oktober 1990.
Und ganz ehrlich - natürlich hat der Lohn etwas mit Produktivität zu tun - einfach einmal bei Marx und Engels nachlesen.
Und jetzt hat du sogar erkannt, dass - ich zitiere: "...Sehr, sehr viele alte Firmen haben mit neuem Namen, umstrukturiert und mit anderer Führung die Kurve hinbekommen...".
Die Basis für diesen Erfolg war die Treuhand, welche die Betriebe privatisiert hat.

07.07.2018 09:47 Dorfbewohner 21

“Ullrich 19

@Dorfbewohner
Oder anders ausgedrückt - nenn mir ein Unternehmen, was unter den Bedingungen der Währungsunion konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt war.
Das ist eine einfache Frage.”

Wenn Sie von ‘welt”-marktfahigen Produkten des damaligen Ostdeutschland Null Ahnung haben, sollten Sie sich erst mal kundig machen, bevor Sie andere belehren wollen!

Weiter muss nicht jedes Produkt eines Landes “weltmarktfähig” sein, Herr Wirtschaftsexperte.

Aber plabbern Sie ruhig das nach, was Ihnen Ihre Wissensgeber erzählt haben, die wissen schon, warum sie dies tun.

06.07.2018 23:26 Dorfbewohner 20

“Ullrich 18

Du vergisst eine Sache - den Lohnumtausch 1:1. Mit diesem Fakt trifft meine Aussage dann auf (fast) alle Unternehmen der DDR zu! Kein Produktionsbetrieb war in der Lage die Produktivität in wenigen Monaten so zu steigern…”

Nicht alles durcheinander bringen, Lohn und Produktivität…

Wieso war kein Betrieb in der Lage, seine Produktivität in kürzester Zeit enorm zu steigern, mit jetzt besseren Maschinen, Rohstoffen, dem Vorteil bewährter Stammbelegschaft und vor allem, mit nun neuer Chance?

Sehr, sehr viele alte Firmen haben mit neuem Namen, umstrukturiert und mit anderer Führung die Kurve hinbekommen oder meinen Sie, dass alle Firmen im Ostens Westgermanen gehören?

Lieber Gott, dabei dachte ich eigentlich, dass sich auch Bundis nach 30 Jahren endlich mal alle im Land auskennen würden…

Zuletzt noch so nebenbei, untereinander unbekannte Menschen ‘quatschen’ sich nicht gleich mit ‘Du’ an, die Erziehung, die Erziehung...

06.07.2018 21:59 Ullrich 19

@Dorfbewohner
Oder anders ausgedrückt - nenn mir ein Unternehmen, was unter den Bedingungen der Währungsunion konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt war.
Das ist eine einfache Frage.

06.07.2018 21:47 Ullrich 18

@Dorfbewohner
Du vergisst eine Sache - den Lohnumtausch 1:1. Mit diesem Fakt trifft meine Aussage dann auf (fast) alle Unternehmen der DDR zu! Kein Produktionsbetrieb war in der Lage die Produktivität in wenigen Monaten so zu steigern! Da hatten es Unternehmen im restlichen Ostblock deutlich besser!

06.07.2018 20:13 Dorfbewohner 17

“Ullrich 16

Dieses Dokument zeigt sehr deutlich was in der DDR ohne Ende passiert wäre...
...Gleichzeitig wird die Wettbewerbsfähigkeit/Produktivität der Wirtschaft deutlich in Frage gestellt. Die Treuhand durfte diesen Scherbenhaufen dann in die Marktwirtschaft überführen.”

Es wird ja von niemandem bestritten, was darin über die wirtschaftliche Situation der DDR berichtet wird aber Ihre Schlussfolgerungen, dies auf alle, aber auch alle Betriebe und Unternehmen zu beziehen und dann zu schlussfolgern, “Die Treuhand durfte diesen Scherbenhaufen dann in die Marktwirtschaft überführen.” ist eben grundsätzlich falsch!

Mit dieser Einstellung ohne Differenzierung waren für das Plattmacher eben alle Türen und Tore ‘sperrangelweit’ geöffnet worden. Und das wusste man auch(Spitzenprodukte dieser Unternehmen wurden ja explizit über Jahrzehnte abgekauft)!

Und denken wir mal wieder an die Suhler Kleinkrafträder, darum reißt man sich heute noch oder...

06.07.2018 16:13 Ullrich 16

Dieses Dokument zeigt sehr deutlich was in der DDR ohne Ende passiert wäre.
Abbau von Arbeitsplätzen in der Verwaltung und Behörden, Preissteigerungen und trotz all dem eine drohende Zahlungsunfähigkeit und eine stark steigend Auslandsverschuldung.
Gleichzeitig wird die Wettbewerbsfähigkeit/Produktivität der Wirtschaft deutlich in Frage gestellt. Die Treuhand durfte diesen Scherbenhaufen dann in die Marktwirtschaft überführen.

06.07.2018 11:41 Ullrich 15

Ich empfehle hier einmal nach folgendem Bericht zu googeln und diesen auch zu lesen!
"SED-Politbürovorlage: Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlußfolgerungen, 30. Oktober 1989"

05.07.2018 22:34 Ullrich 14

@juli
Den wirtschaftlichen Niedergang in den 90ern in den von ihnen angesprochenen Ländern haben sie bedacht. Gleichzeitig war das Lohnniveau in diesem Staaten auf welchem Niveau? Mit diesem Niveau hätten auch größere Teile der DDR Wirtschaft wahrscheinlich überlebt! Nur das will immer keiner hören, das wenn die Produktivität ca 1/4 beträgt, dies auch für die Löhne gelten muss!

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