Ackergifte gefährden bedrohte Arten Pestizide im Naturschutzgebiet - ganz legal

Viele Bundesländer gestatten den Einsatz von Pestiziden in Naturschutzgebieten – nach "guter fachlicher Praxis". Doch dafür gibt es keine genaue, gesetzliche Regelung. Das hat fatale Folgen für Insekten, Tiere und Ökosysteme.

"Wir konnten uns vor Schmetterlingen kaum retten", sagt Sybilla Keitel. Das war vor 20 Jahren, als sie mit ihrer Familie in die Uckermark gezogen ist. Die dortige Seenlandschaft gilt als Zufluchtsort für bedrohte Arten wie Fischotter, Rebhühner oder Falter. Doch das Naturschutzgebiet ist in akuter Gefahr.

Heute gibt es dort keine bunten Schmetterlinge mehr. Spazierengehen macht Kopfschmerzen und jetzt, im Frühjahr, spritzt der Landwirt die Felder in der Nähe des Hauses von Sybilla Keitel und ihrem Mann Gert Müller.

Das ist hier ein Naturschutzgebiet. Aber der Landwirt spritzt Ackergifte und tötet Insekten, Falter, Vögel.

Sybilla Keitel Anwohnerin

An sonnigen Tagen stehe sogar eine Giftwolke über dem Feld. Die Anwohner dokumentieren das seit Jahren - immer wieder. Der Imker stellt seinen Bienen inzwischen sogar Trinkwasser hin. Denn trinken sie aus den Pfützen vom Feld, würden sie sich vergiften. In den Lachen fand ein Labor Reste mehrerer Pestizide: Metolachlor, Simazin, Glyphosat – bis zu 120-fach über dem Grenzwert.

Ein Frosch schwimmt über die Wasseroberfläche.
Der Lebensraum vieler geschützer Arten ist bedroht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei liegen diese Äcker bei Stabeshöhe in der Uckermark in einem EU-Schutzgebiet – ein sogenanntes Flora-Fauna Habitat (FFH). "Solche FFH-Gebiete sind im Schutzniveau gleichrangig mit klassischen Naturschutzgebieten", sagt Stefan Möckel, Umweltjurist am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). "Jegliche Verschlechterung des Lebensraums für die dort geschützten Arten ist verboten."

Der Landwirt Stefan Fürstenau erklärt gegenüber dem ARD-Magazin FAKT, ihm sei der Pestizideinsatz hier trotzdem gestattet. Das Land Brandenburg erlaube den Einsatz im Schutzgebiet. Der Hintergrund: Mit den FFH-Gebieten wollte Europa 1992 Großes erreichen. Das gemeinsame Natur-Erbe des Kontinents sollte für künftige Generationen bewahrt werden. Deutschland meldete damals 4600 Gebiete und verpflichtet sich, jedes davon als neues deutsches Schutzgebiet auszuweisen - auf 15,4 Prozent der Landesfläche.

Landwirte dürfen spritzen, wann immer es nötig erscheint

Dies geschah auch in der Uckermark. Seit Dezember 2018 ist das FFH-Gebiet auch Naturschutzgebiet nach deutschem Recht mit neuer Verordnung. Die verbietet in Paragraf 4 jeglichen Einsatz von Pestiziden. Doch Paragraf 5 regelt die Ausnahmen. Gestattet ist die landwirtschaftliche Nutzung gemäß "guter fachlicher Praxis".

Ein roter Traktor bespüht Bäume.
An manchen Tagen stehe eine Giftwolke über dem Feld, sagen die Anwohner (Symbolbild). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch diese "gute, fachliche Praxis ist überhaupt nicht gesetzlich hinterlegt", sagt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament und Bio-Landwirt. Es gebe weder Regeln für Verbotenes noch Erlaubtes. Der Landwirt dürfe spritzen, wann immer er es für den Ertrag für notwendig erachtet. "Es kümmert ihn nicht, ob da der Kiebitz brütet."

"Insektenforscher, Bienenexperten, Botaniker haben nachgewiesen, dass selbst in Schutzgebieten das Insekten- und Vogelsterben voranschreitet. Der Artenschutz wie er heute praktiziert wird, wirkt nicht. Das gefährdet auch unser Überleben", sagt Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Der Wissenschaftler ist auch Co-Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrates. Eine Ursache des Artensterbens sei der lasche Umgang mit Pestiziden.

Giftspritzen in Schutzgebieten immer häufiger erlaubt

Trotzdem erlauben die Behörden immer häufiger das Giftspritzen in Naturschutzgebieten. Die Uckermark ist kein Einzelfall. FAKT hat alle Umweltministerien der 16 Bundesländer angefragt. Nur drei Länder schickten verwertbare Zahlen. Das Ergebnis: In 384 Gebieten erlauben die Behörden die Landwirtschaft "nach guter fachlicher Praxis". Hochgerechnet könnte das in jedem dritten Schutzgebiet deutschlandweit der Fall sein.

Eine Uferzone mit Wald und Schilf.
Die Uckermark ist ein Zufluchtsort für bedrohte Arten, doch nun ist sie selbst bedroht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn es um die Umsetzung des Artenschutzes auf der eigenen Fläche geht, wird das Ganze relativiert.", sagt Settele. "Wir lassen Maßnahmen zu, die dem Ganzen abträglich sind. Wenn ich ernsthaft Insekten schützen will, muss ich die Insektizide zurückfahren."

Das hat jetzt juristische Folgen. Die EU-Kommission rügte Deutschland für die schlechte Umsetzung der FFH-Richtlinie. Es drohen empfindliche Strafen: 11,8 Millionen Euro sowie 860.000 Euro Zwangsgeld pro Tag der Überschreitung.  

"Der Ausweg aus dem Dilemma kann nur sein: Deutschland verbietet komplett den Pestizideinsatz in Naturschutzgebieten", sagt der Umweltjurist Stefan Möckel. Die Landwirte sollten dann eine Entschädigung erhalten.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 30. April 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2019, 16:12 Uhr

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3 Kommentare

02.05.2019 14:15 Skywalker 3

Das Pestizide in einem Naturschutzgebiet nichts verloren haben, versteht sich eigentlich von selbst. Als Anwohner dort würde ich mich definitiv nicht vergiften lassen und notfalls zur Selbsthilfe greifen...

01.05.2019 10:08 Karl-Michael Zimmermann 2

Die EU droht mit hohen Strafen? Entschuldigung, wer zahlt die Strafen? Wir, die Bürger, die den ganzen Mist mit unseren Steuern finanzieren. Die Subventionen, das "Wiederherstellen", die "Renaturierung", die "Begradigung der Flüsse". Kein Landwirt wird zur Kasse gebeten, kein Politiker muss das aus seinem eigenen Geldbeutel (den wir ja auch fleißig mit unseren Steuergeldern füllen) zahlen. Dann gibt es eben noch einen "Fachausschuss", in dem man seine guten Freunde unterbringen kann, der dann zu dem Ergebnis kommt "Ist doch alles supergut, ne?"

01.05.2019 10:06 Fragender Rentner 1

Da haben sie wieder mal ein "sehr gutes Gesetz" geschaffen !!!

Im §4 wird es verboten oder eingeschränkt und im §5 wird es gleich wieder erlaubt !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Nach dem Motto, Herr sie wissen nicht was sie tuen.