Pflegende Angehörige Pflegeunterstützungsgeld wird kaum in Anspruch genommen

MDR-Volontärin Hanna Lohoff
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Wenn eine Person akut pflegebedürftig wird, müssen Angehörige schnell reagieren, um etwa ein Pflegeheim oder einen ambulanten Dienst zu organisieren. In so einem Fall können Berufstätige das sogenannte Pflegeunterstützungsgeld beantragen. Die Bundesregierung hatte im letzten Jahr mit 20.000 Anträgen gerechnet. Tatsächlich sind aber nur 9.000 Anträge eingegangen.

Eine Fau legt ihren Hand auf die eines Mannes
Das Pflegeunterstützungsgeld wird für bis zu zehn Tage von den Krankenkassen ausbezahlt. Bildrechte: Colourbox.de

Wer einen Angehörigen pflegt, kämpft sich nicht selten durch einen Berg der Bürokratie. Wem welches Geld zusteht, wissen selbst diejenigen häufig nicht, die bereits seit Jahren in dieser Situation stecken. Die Bürokratie und die fehlende Aufklärung könnten zwei Gründe sein, weshalb das Pflegeunterstützungsgeld so wenig genutzt werde, vermutet Christian Pälmke von der Interessensvertretung pflegender Angehöriger "wir pflegen".

Wenig Pflegende beantragen die Leistung

Schlaganfälle oder Oberschenkelhalsbrüche kämen häufig von heute auf morgen, sagt Pälmke. "Und so eine Situation ist natürlich emotional wahnsinnig belastend. Da bin ich emotional tief drin und muss überhaupt erstmal das Ganze verarbeiten, mein Leben nochmal neu sortieren und ordnen", erklärt Pälmke. Entscheidend sei da die Frage, wie einfach es in so einer Situation sei, an das Pflegeunterstützungsgeld zu kommen.

Pälmke bedauert, dass im letzten Jahr so wenige Pflegende die Unterstützung in Anspruch genommen hätten. Verwundert über diese geringe Zahl sei er aber nicht: "Es gibt Schwierigkeiten im Antragsverfahren." Pälmke zufolge ist der bürokratische Aufwand sehr hoch. Man müsse einen Antrag bei der Pflegekasse stellen und eine ärztliche Bescheinigung beilegen. Dann noch mit dem Arbeitgeber Absprachen zu treffen, sei häufig einfach zu viel.

Pflegeunterstützungsgeld Das Pflegeunterstützungsgeld ersetzt einen Teil des Lohns von berufstätigen Angehörigen akuter Pflegefälle. Das Geld soll die kurzfristige Organisation der Pflege erleichtern. Es wird von der Pflegekasse der pflegebedürftigen Person für bis zu zehn Tage ausgezahlt. Um die Leistung beantragen zu können, muss die Pflegesituation akut und unvorhersehbar eingetreten sein und die betroffene Person als pflegebedürftig gelten. Seit 2015 ist der Anspruch gesetzlich im Pflegezeitgesetz verankert.

Unterstützungsgeld kaum bekannt

Das große Problem sieht Pälmke von "wir pflegen!" noch immer in der mangelnden Bekanntheit der Leistung. Das räumt auch Hannelore Strobel ein. Sie ist Sprecherin der AOK. Die AOK ist eine der Pflegekassen, die das Pflegeunterstützungsgeld auszahlt. Berufstätige würden im Ernstfall eher zu anderen Methoden greifen, sagt Strobel.

Der Antrag sei an sich nicht kompliziert auszufüllen, wenn man ihn gefunden habe und davon wisse. "Aber viele haben vielleicht eher die Idee: 'Dann lass ich mich jetzt von meinem Hausarzt krankschreiben' – und das funktioniert ja in einem Teil der Fälle zumindest auch ganz gut", sagt Strobel. Die AOK will in Zukunft in Beratungsgesprächen, per Post und auf der eigenen Website mehr auf die Möglichkeit dieser kurzfristigen Unterstützung hinweisen.

Leistung passt nicht zu Bedürfnissen

Für Brigitte Braun aus Sachsen lag das Hindernis nicht bei der Bekanntheit. Sie pflegt ihren Mann und arbeitet. Aber nur noch halbtags, weil sie beides sonst nicht stemmen könnte. Im kurzfristigen Notfall stünde ihr das Pflegeunterstützungsgeld zu. Aber: "Ich hab den Antrag noch nie gestellt, weil er mal wieder, wie so vieles andere, an der Praxis vorbeigeht", sagt Braun. Das Pflegeunterstützungsgeld ist nämlich in der Regel eine einmalige Zahlung. Nur in Ausnahmefällen gibt es nach dem ersten Antrag noch einmal Geld.

Stattdessen wünscht sich Brigitte Braun eine Lösung, mit der sie ihr Berufsleben und die Pflege zu Hause besser vereinbaren könne. Eine adäquate Regelung wäre dabei eine wie jene für Kinder. Braun schlägt vor, dass man sich wie bei den eigenen Kindern krankschreiben lassen kann – zehn Tage jedes Jahr und, wenn man alles allein stemmen muss, eben 20 Tage.

Aufgrund von Corona ist es indes noch bis Ende September möglich, das Pflegeunterstützungsgeld ohne ärztliche Bescheinigung und für insgesamt 20 Tage zu bekommen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. August 2020 | 05:00 Uhr

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