Erstklässler mit ihren Schultüten auf dem Weg zur Einschulung in die 1. Klasse.
Nicht alle Erstklässler haben dieselben Chancen auf eine höhere Bildung. Bildrechte: dpa

PISA-Sonderauswertung Chancen für bildungsferne Kinder an Schulen steigen

Ob ein Schüler in der Schule erfolgreich ist, hängt in Deutschland stark von der sozialen Herkunft ab: Schüler aus einem sozial schwachen Umfeld haben es in der Schule schwer. Doch ein gutes Lernumfeld kann zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen. Eine neue Sonderauswertung der PISA-Studie zeigt nun, dass Deutschland da auf einem guten Weg ist.

von Jana Münkel, Hauptstadtstudio Berlin für MDR AKTUELL

Erstklässler mit ihren Schultüten auf dem Weg zur Einschulung in die 1. Klasse.
Nicht alle Erstklässler haben dieselben Chancen auf eine höhere Bildung. Bildrechte: dpa

Dass Deutschland bei der Bildungsgerechtigkeit zu den Schlusslichtern gehört, ist nichts Neues. Die PISA-Studie 2015 hat gezeigt: In kaum einem anderen OECD-Land ist der Bildungsweg eines Schülers mit schlechteren Startbedingungen bereits so vorbestimmt.

Kommt er aus einem sozial schwachen Umfeld, ist die Wahrscheinlichkeit, einen höheren Bildungsweg einzuschlagen, deutlich niedriger. Doch die Chancen für bildungsferne Kinder bessern sich.

Sebastian Gallander, Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung, vergleicht den Bildungsweg deutscher Schüler mit einer Gipfelbesteigung. "Manche Kinder fangen viel weiter unten an als ihre Mitschüler." Doch auch Kinder, die weiter unten beginnen, könnten den Gipfel unter bestimmten Voraussetzungen erreichen, erklärt Gallander.

Schüler aus bildungsfernem Umfeld im Fokus

Wie die Kinder diesen Gipfel erreichen können, damit beschäftigt sich eine neue Studie. Um die Daten zur Bildungsgerechtigkeit genauer zu analysieren, hat die Vodafone-Stiftung Deutschland eine PISA-Sonderauswertung bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse wurden am Montag in Berlin vorgestellt.

In der Studie stehen die Leistungen der 15-jährigen Schüler aus einem bildungsfernen Umfeld im Fokus. Es werden also nur die Daten der Schüler in die Sonderauswertung mit einbezogen, die in ihrem Land sozioökonomisch zum unteren Viertel gehören. Neben dem Einkommen und dem Bildungsstand der Eltern spielt hier zum Beispiel die Anzahl der Bücher im Haushalt eine Rolle.

"Resilienz" als Erfolgsfaktor

Wenn ein Schüler trotz eines eher bildungsfernen Elternhauses gute schulische Leistungen erbringt, gilt er als "resilient". "Die Resilienz könnte man mit dem Wort 'Nachhaltigkeit' vergleichen", erläutert OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. "Das hat viel mit Balance und psychischer Widerstandsfähigkeit zu tun. Es wird angestrebt, dass ein Kind den Teufelskreis durchbrechen und trotz schlechter Startvoraussetzungen in der Schule mithalten kann."

Die PISA-Sonderauswertung zeigt: Zwischen 2006 und 2015 ist der Anteil resilienter Schüler von 25% auf 32,3% gestiegen. Immer mehr Schüler mit schwierigen Startvoraussetzungen sind also in der Schule erfolgreich. Diese positive Entwicklung geht in Deutschland so schnell wie in kaum einem anderen OECD-Land.

Was ist die OECD? Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eine internationale Organisation. Die OECD will "eine Politik befördern, die das Leben der Menschen weltweit in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht verbessert". Sie hat 35 Mitgliedsstaaten, von denen die meisten ein hohes Pro-Kopf-Einkommen haben. Die Organisation wurde 1960 gegründet und ging aus der Vorgängerorganisation "Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit" hervor. Der Hauptsitz der OECD ist in Paris.

Alle drei Jahre führt die OECD die PISA-Studie durch (Programme for International Student Assessment). PISA ist die weltweit größte Schulleistungsstudie unter 15-Jährigen Schülern. Erfasst werden Kompetenzen wie Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.

Die PISA-Sonderauswertung befasst sich in diesem Fall mit dem Schulerfolg sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler. Hierfür wurden die PISA-Ergebnisse unter diesem Aspekt noch einmal genauer beleuchtet. Die Studie hat die OECD mit der Förderung der Vodafone Stiftung Deutschland erstellt. Quelle: OECD

Der Bildungserfolg benachteiligter Schüler wird laut der Studie durch verschiedene Aspekte begünstigt. Die soziale Mischung spielt hier eine wichtige Rolle. "Benachteiligte Schüler profitieren vom gemeinsamen Unterricht mit bessergestellten Schülern", erläutert Andreas Schleicher. Doch auch ein positives Schulklima ist wichtig: Eine motivierte Schulleitung und ein stabiles Lehrerkollegium können zu einem Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Lehrern beitragen. Auch Ganztagsangebote begünstigen die Bildungschancen benachteiligter Schüler.

Technische Ausstattung ist nur zweitrangig

Wie gut eine Klasse technisch ausgestattet ist, spielt dagegen keine so große Rolle für die Bildungsgerechtigkeit. Wenn eine Klasse viele Tablets zur Verfügung habe, heiße das nicht automatisch, dass hier benachteiligte Schüler mehr Chancen hätten. "Es kommt auf die Nutzung an. Wenn die Tablets das Gemeinschaftsgefühl stärken, dann wirken sie sich positiv aus", erklärt Andreas Schleicher.

Handlungsempfehlungen für Politik

"Unser Ziel ist es, mit dieser Studie auch Handlungsempfehlungen für die Politik zu formulieren", so der Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung Gallander. Das Lernen ende nicht mit der Zeugnisübergabe. In der heutigen Arbeitswelt müssten die Absolventen flexibel bleiben. Gallander hofft deshalb auf eine intensivere Zusammenarbeit von Bund und Ländern im Bildungsbereich.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 29. Januar 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Januar 2018, 17:24 Uhr

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8 Kommentare

30.01.2018 16:04 Fragender Rentner 8

@Atze 5
Dieser Begriff , " bildungsferne Kinder " ist eine Diskriminierung. Menschenverachtend. Wer hat das Recht, Jemanden als bildungsfern einzustufen?
Was erlauben sich diese Leute.

Wenn du das schreibst oder fragst, gibt es da auch bildungsnahe Schüler?

30.01.2018 16:00 Fragender Rentner 7

Deutschland ist auf guten Weg?

Wow.

Wir schaffen das.

30.01.2018 13:46 Rico 6

@Nr.4 Peter Als jemand der noch ein "ordentliches" Abi gemacht hat, sollten sie Beitrag Nr.1 eigentlich verstehen......

29.01.2018 23:42 Atze 5

Dieser Begriff , " bildungsferne Kinder " ist eine Diskriminierung. Menschenverachtend. Wer hat das Recht, Jemanden als bildungsfern einzustufen?
Was erlauben sich diese Leute.

29.01.2018 23:12 Peter 4

@1 Schneemann: Wer es nie erlebt hat, kann es auch nicht verstehen.
Ich stamme aus einer "stinknormalen" Arbeiterfamilie. Bücher gab es bei uns zum Beispiel nicht. Meine Eltern haben mir immer gesagt: Du musst Abitur machen, dann wird es Dir besser gehen.
Als ich dann auf die EOS gekommen bin, habe ich mit Mitschülern gelernt, die zum Teil aus Akademikerfamilien stammten. Der Kontakt und das gemeinsame Lernen haben mich völlig verändert. Ich habe gelernt, gelernt und nochmals gelernt.
Ich habe mein Abitur gemacht, ich habe studiert. Heute bin ich selbst Akademiker.
Eine Entwicklung, die es in der DDR gab. Heute ist das nicht anders.

29.01.2018 19:01 Rico 3

"Schüler aus einem sozial schwachen Umfeld haben es in der Schule schwer." Wer erfasst das, bzw. woher kommen die Daten, welches Umfeld der jeweilige Schüler hat???

29.01.2018 18:23 ein schon länger in Deutschland lebender 2

und morgen erzählen die uns das es bessere Chancen gibt wenn mindestens 50 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben.

na gute Nacht

29.01.2018 16:32 Schneemann 1

"Doch ein gutes Lernumfeld kann zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen. "

Echt jetzt? Wirklich? Wie viel Blödheit müssen wir noch ertragen?