Eine Schülerin meldet sich in einem Klassenzimmer
Politische Bildung wird in den Schulen in Mitteldeutschland in Gemeinschaftskunde beziehungsweise Sozialkunde behandelt. Bildrechte: dpa

Mitteldeutschland So wird politische Bildung an Schulen vermittelt

Nach den Ereignissen in Chemnitz hatte Bundesfamilienministerin Giffey ein Gesetz zur Demokratieförderung gefordert. Doch wie sieht es eigentlich aus mit der politischen Bildung an den Schulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen? Ein Überblick.

Eine Schülerin meldet sich in einem Klassenzimmer
Politische Bildung wird in den Schulen in Mitteldeutschland in Gemeinschaftskunde beziehungsweise Sozialkunde behandelt. Bildrechte: dpa

Nach den Demonstrationen in Chemnitz hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in einem Interview mit der Zeitung "Welt" ein Gesetz zur Förderung der Demokratie gefordert. Ein solches Gesetz müsse klarmachen, dass es auch Aufgabe des Staates sei, die demokratische Bildung junger Menschen auf allen Ebenen zu organisieren. In vielen Vereinen und Schulen werde überhaupt nicht mehr über Politik gesprochen, sagte Giffey.

31.08.2018, Sachsen, Chemnitz: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (l) beantwortet neben Martin Dulig (M), stellvertretender Ministerpräsident von Sachsen, und Barbara Ludwig (alle SPD, r), Bürgermeisterin von Chemnitz, vor dem Rathaus die Fragen der Journalisten.
Nach einem Besuch in Chemnitz hatte Bundesfamilienministerin Giffey ein Gesetz zur Förderung der Demokratie gefordert. Bildrechte: dpa

Unterstützung bekam sie bei ihrem Vorschlag vom Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter. Der Linken-Politiker, der auch Kultusminister in Thüringen ist, sagte der "Stuttgarter Zeitung", zur Schule gehöre ganz klar auch Demokratiebildung.

Aus seiner Sicht umfasse Demokratiebildung "auch die Förderung von Konfliktkompetenz, also der Fähigkeit, Verständnis für die Position des Gegenübers zu entwickeln".

Kritik an Giffeys Vorstoß kam dagegen vom Vorsitzenden des Sächsischen Lehrerverbands, Jens Weichelt. Er sprach von blindem Aktionismus. Demokratie könne nicht per Gesetz verordnet werden. Politische Bildung gehe über das Fach Gemeinschaftskunde hinaus. Auch viele Fachlehrer diskutierten mit den Schülern über das aktuelle Geschehen.

Nur wenige Unterrichtsstunden in Thüringen

Grundsätzlich steht in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen politische Bildung bereits auf dem Lehrplan – die Fächer, in denen der Stoff vermittelt wird, heißen allerdings unterschiedlich. Auch bei der reinen Stundenanzahl gibt es Unterschiede.

In einer Anfang 2018 erschienenen Studie verglichen Forscher der Universität Bielefeld die Stundenanzahl für Fächer, in denen politische Bildung in der Sekundarstufe I unterrichtet wird. Das Ergebnis: Politische Bildung spielt in Thüringen im bundesweiten Vergleich nur eine vergleichsweise kleine Rolle in den Unterrichtsplänen. Noch weniger Zeit wird dafür nur in bayrischen Schulen eingeplant.

Sachsen und Sachsen-Anhalt befinden sich der Studie zufolge im Mittelfeld. Am meisten Zeit für politische Bildung ist in den Unterrichtsplänen in Hessen und Schleswig-Holstein verankert.

Politische Bildung in Sachsen

In Sachsen befassen sich die Schüler derzeit ab der neunten Klasse mit politischer Bildung. Auf den Gymnasien sind für das Fach Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft in der neunten und zehnten Klasse jeweils zwei Wochenstunden vorgesehen. Themen sind etwa "Politische Partizipation" oder "Demokratie und Toleranz". In den Jahrgangstufen elf und zwölf können die Schüler Gemeinschaftskunde als Grundkurs wählen.

An den Oberschulen sieht es ähnlich aus: Ab der neunten Klasse stehen dort jeweils zwei Unterrichtsstunden Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung auf dem Wochenplan. Das Gleiche gilt theoretisch für die die zehnte Jahrgangsstufe, allerdings ist Gemeinschaftskunde hier nur ein Wahlpflichtfach und damit nicht verpflichtend.

Doch ab dem Schuljahr 2019/2020 wird sich hier einiges ändern: Im Zuge der Lehrplanumstellung an Sachsens Schulen wird Gemeinschaftskunde stärker gewichtet. Künftig haben die Schüler an den Gymnasien und den Oberschulen bereits in der siebten und achten Klasse jeweils eine Stunde pro Woche Gemeinschaftskunde.

Die Pläne des Kultusministeriums sind allerdings umstritten. Die Landessprecherin für das Fach Gemeinschaftskunde, Arita Löser, sprach bei MDR AKTUELL wegen der Abwahlmöglichkeit in der zehnten Klasse von einer Mogelpackung. Die Pläne seien konträr zu dem, was Lehrer, die Politik und die Öffentlichkeit forderten.

Kultusministeriumssprecher Dirk Reelfs sagte dazu, politische Bildung solle nicht nur im Fach Gemeinschaftskunde stattfinden. Löser wiederum ist der Meinung, dass das nicht geht, ohne erst im Fachunterricht die Voraussetzungen dafür zu schaffen. 

Politische Bildung in Thüringen

In Thüringen spielt politische Bildung in den Lehrplänen laut der Studie der Universität Bielefeld nur eine untergeordnete Rolle. Vermittelt wird sie im Fach Sozialkunde. Nach Angaben der Studie der Universität Bielefeld macht Sozialkunde in der Sekundarstufe I des Gymnasiums nur 1,02 Prozent des Unterrichts aus.

Etwas besser sieht es bei den Gemeinschaftsschulen, Gesamtschulen und Regelschulen aus: Dort sind es immerhin 1,54 Prozent. Die Autoren der Studie sprachen von einer "Vernachlässigungskultur" politischer Bildung in Thüringen.

Kultusminister Holter hatte damals angekündigt, mehr in politische Bildung investieren zu wollen. Er sagte aber auch, dass auch außerhalb des Politikunterrichts politische Bildung stattfinde, "das kann in Geschichte sein oder in Geographie". Beispielsweise solle mehr DDR-Geschichte im Unterricht vermittelt werden.

Politische Bildung in Sachsen-Anhalt

Auch in Sachsen-Anhalt wird politische Bildung im Fach Sozialkunde vermittelt. Dort sollen laut Lehrplan "schrittweise jene Kompetenzen erworben werden, die Heranwachsende zur Übernahme ihrer Bürgerrolle in Staat und Gesellschaft befähigen".

Das Bundesland lag bei der Studie der Universität Bielefeld im Mittelfeld. An den Gymnasien (Sekundarstufe I) macht der Unterrichtsanteil demnach gut zwei Prozent aus. An Gesamtschule und Sekundarschule nur geringfügig mehr.

Insgesamt startet das Fach Sozialkunde in Sachsen-Anhalt schon in der achten Klasse. Dafür kann es in der zehnten Klasse teilweise abgewählt werden – als Alternative können die Schüler Geographie belegen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. September 2018 | 13:09 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2018, 06:30 Uhr