Klaus Dörre
Wirtschaftssoziologe Dörre: "Das ist nicht einmal ein Ärmchen." Bildrechte: dpa

Sozialforschung Einfluss AfD-naher Betriebsräte gering

Das neue Rot der Arbeiter sei Blau. Das behauptet seit Monaten zumindest die AfD mit Verweis auf ihr blaues Logo. Rund um die Partei haben sich diverse Arbeitnehmerorganisationen gegründet. Verschiedene Gruppen aus der neuen Rechten wollten bei den Betriebsratswahlen antreten und ihre Ideologie in die Unternehmen tragen. Was ist daraus geworden?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Klaus Dörre
Wirtschaftssoziologe Dörre: "Das ist nicht einmal ein Ärmchen." Bildrechte: dpa

Ende November auf einer Konferenz in Leipzig haben AfD, Pegida und Co. angekündigt, die Betriebsräte zu erobern. Man wolle im Frühjahr mit eigenen Kandidaten bei den Wahlen antreten. Inzwischen ist ausgezählt.

Nur 21 AfD-Kandidaten in den Betriebsräten

Von 180.000 Mandaten hätten AfD-nahe Bewerber 21 geholt, sagt der Jenaer Sozialforscher Klaus Dörre: "Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, dann ist das nicht einmal ein Ärmchen, das dabei herausgekommen ist. Es ist eine Handvoll Betriebe, wo es ihnen gelungen ist, tatsächlich zu punkten."

Zwei dieser Betriebe sind Porsche und BMW in Leipzig. Ein paar neue Betriebsräte dort werden von der rechtsalternativen Kleinstgewerkschaft Zentrum Automobil unterstützt. Sprecher Simon Kaupert sieht in der Betriebsratswahl einen Erfolg. Man habe ja nur vereinzelt Kandidaten gehabt.

Alternative Gewerkschaft vermittelt falsche Fakten

Kaupert prophezeit, dass seine Gewerkschaft in vier Jahren mehr Mandate holen werde: "Weil wir längst sehen, dass die etablierten Gewerkschaften überall auf dem Rückzug sind. Die Betriebsräte machen sich nicht mehr durch gute Arbeit beliebt, sondern fallen nur noch negativ auf. Dann kommen eben Zentrumsbetriebsräte, die eine viel bessere Arbeit vor Ort machen."

An den etablierten Gewerkschaften lässt Kaupert kein gutes Haar. Der Tarifvertrag der IG Metall bringe zwar sechs Prozent mehr Lohn. Netto blieben aber nur drei Prozent übrig. Die Rechnung ist allerdings falsch. Denn sechs Prozent mehr Brutto ergeben je nach Steuersatz rund fünf Prozent mehr vom Netto.

AfD-Wähler im Deutschen Gewerkschaftsbund

Auch Kauperts Behauptung, in den etablierten Gewerkschaften säßen nur linke Funktionäre, stimmt so nicht. Sozialforscher Dörre sagt, das politische Spektrum innerhalb des DGB sei breiter als angenommen: "Wir sind auf das Phänomen in einer Untersuchung gestoßen, bei der wir uns mit der Erneuerung von Gewerkschaften beschäftigt haben. Da kam raus, dass die gleichen Gewerkschafter, die aktiv an Streiks beteiligt sind, auch die Busse organisieren, die sie zur Pegida-Demonstration bringen."

Doerre sagt, 15 Prozent aller Gewerkschaftsmitglieder hätten zur Bundestagswahl AfD gewählt. Selbst innerhalb der vermeintlich linken IG Metall gäbe es einzelne Aktive mit völkischer Gesinnung. Die interessante Frage sei, wie die Gewerkschaften damit umgingen.

DGB: Spaltung der Belegschaft würde Unternehmern helfen

Logo des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB auf Hauptgebäude in Berlin
Hauptgebäude des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Berlin Bildrechte: IMAGO

Thüringens DGB-Chef Sandro Witt, einst Politiker der Linken, findet, man stehe grundsätzlich für Mitmenschlichkeit: "Die Gewerkschaften werden da in den nächsten Jahren den Kurs halten. Die IG Metall sagt ja ganz klar, wer im Betrieb hetzt, mit dem muss gesprochen werden. Die Tür ist offen. Dann muss man Mittel und Möglichkeiten finden, zueinander zu kommen. Wenn das nicht mehr möglich ist, wird sich derjenige von der Gewerkschaft trennen, weil er merkt, dass wir eine andere Position haben."

Dass Mitglieder in Größenordnungen zur AfD-nahen Alternative überlaufen, hält man im DGB für unwahrscheinlich. Die AfD vertrete vielfach neoliberale Positionen, die den Interessen der Arbeiter widersprächen. Zum anderen setzt der DGB darauf, dass Beschäftigte wissen: Eine Spaltung der Belegschaft würde vor allem einem helfen: dem Unternehmer.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Juli 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2018, 05:00 Uhr

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36 Kommentare

08.07.2018 09:27 Wieland der Schmied 36

@ 12 Maria-Theodofiles Imm „Gewerkschaften dienen den Mitarbeitern und nicht den politischen Ideoligien von Xenophoben.“ >
Sehr richtig! Ich vermute, Sie zielen mit dem zitierten Satz auf die AfD ab und ihre Gewerkschaftsvertreter von ALARM. Nun sind die zwölf zitierten Hanseln weiß Gott noch keine Bresche im verlotterten Gewerkschaftssystem, aber ein bescheidener Anfang schon. Wenn es schon keinen Wettbewerb in den großen Unternehmungen gibt, dann kommt er jetzt innerhalb des Gewerkschaftssektors, spätestens bei der nächsten Lohnrunde. Da ist dann Schluß mit lustig, so tun als hätte man etwas erreicht, am Ende nur lausige Nachkommastellen und geschachtelte Belobigungssätze.
AfD und ihre Gewerkschaft ALARM wird sich in das System hineinbohren und frischen Wind bringen wie überall.

07.07.2018 13:57 Eulenspiegel 35

Also dies DGB Gewerkschaften leisten in der Regel gute Arbeit. Für manch Unternehmen viel zu gute. Denn sie habe immer wieder über Tausend Ecken versucht Scheingewerkschaften aufzubauen um den DGB zu schwächen. Sie versuchten die Arbeitnehmer mit einem tollen Freizeitangebot zu locken. Mit sehr mäßigem Erfolg. Und jetzt versucht es diese AfD. Um erfolgreich zu sein müsste sie bessere Tarifverträge aushandeln. Bessere Aufklärungsarbeit über Inhalte der Tarifverträge leisten. Und ein besseren Arbeitsrechtsschurz sichern. Und dann kommt noch der Kampf für neue Tarifverträge dort wo die Konzerne bisher noch nicht gewillt waren über Tarifverträge überhaupt zu verhandeln. Da kann ich eigentlich nur sagen:Liebe AfD, dann mach mal.

06.07.2018 23:14 Sabrina 34

Ztat:
"völkische Gesinnung"

Wer hat denn in der AfD "völkische Gesinnung"?
Und was ist das eigentlich?
Wer sich nicht den Sklavenhaltern der Globalistenszene als Erfüllungsgehilfe andient, sondern Politik zum Wohl des Landes will?

06.07.2018 21:57 Klaus 33

brutto: 2.000 € => 2.120 € => + 6 %
netto: 1.585 € => 1.664 € => + 5,04 %
Wo sehen Sie da 3,2 % ??

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06.07.2018 21:38 Simon60 32

@Klaus
Folgende Anmerkungen und das bitte als Rechenbeispiel verstehen. Ich habe das jetzt nicht anhand der Steuertabellen nachgeschaut.

Angenommen jemand verdient 2000 € unf zahlt dafür 15% Steuern, also 300€. Er bekommt jetzt 5% Lohnerhöhung also jetzt 2100€. Er muss dafür aber jetzt 16% Steuern zahlen. Dann zahlt er jetzt 336 € Steuern. Für die 100€ als 36€ mehr an Steuern. D.h. er bekommt real 64€ mehr. Das sind dann 3,2% mehr und eben nicht 5%.
So ist das zu rechnen und nicht anders.

06.07.2018 21:18 Klaus 31

@ { 06.07.2018 20:01 Sabine Sonntag }
Wenn sich da etwas ändern soll, müssen die Besorgten erst mal richtig rechnen lernen. Und wer das im Erwachsenenalter noch nicht kann, ja woher soll das dann kommen?
Ich sehe da eher schwarz.

06.07.2018 20:43 Ralf Geissler 30

@23 Simon60: Ich verstehe Ihren Ansatz. Aber Ihre Rechnung ist dennoch nicht korrekt. Mal abgesehen davon, dass Sie die Sozialabgaben mit berücksichtigen müssen (haben wir gemacht), die ironischerweise den Effekt der Kalten Progression lindern, da sie ja mit steigendem Gehalt prozentual gleich bleiben und ab einem gewissen Einkommen sogar ganz entfallen. Man muss es sich aber gar nicht so schwer machen. Es gibt im Internet diverse Brutto-Netto-Rechner. Suchen Sie mal nach Auswirkungen Gehaltserhöhung auf Nettogehalt. Und dann probieren Sie ein bisschen rum mit Einkommen, Steuerklassen etc. Wenn man Zahlen mag, kann man das stundenlang machen :-) Und man wird man bei 6 Prozent mehr Brutto sehr viel Netto-Plus von rund 5 Prozent finden. Schönes Wochenende!

06.07.2018 20:39 Ullrich 29

@Simon60
Da sind viele Fehler in deiner Ausführung!
Der höchste Steuersatz in Deutschland beträgt 42%, liegt das Einkommen über 250.000 Euro bei Singles kommen 3% dazu.
Der Solidaritätsschlag von 5,5% bezieht sich auf die Einkommensteuer! Kleines Beispiel dazu:
Wenn ich 1000 Euro Einkommensteuer bezahlen muss, beträgt der Soli Zuschlag 55 Euro!
Ein Steuersatz über 50% ist damit also mathematisch ausgeschlossen!

06.07.2018 20:01 Sabine Sonntag 28

In vier Jahren wird auch das anders sein....

06.07.2018 19:20 Klaus 27

Nachtrag: Mein Gehalt mit den Zusatzzahlungen ist natürlich noch etwas höher und wenn ich die Mieteinnahmen berücksichtige, bin ich wieder bei 5,24 %. Also auch bei den recht hohen Einkommen ist man mit 5 % gut dabei.
Und noch ein Tipp beim Rechnen, man sollte auch die Beitragsbemessungsgrenzen berücksichtigen. Als Besserverdiener zahlt man zwar deutlich mehr Steuern, aber im Verhältnis zum Einkommen weniger Sozialbeiträge. Und die Steuerkurve bei Gehaltserhöhungen ist nicht linear. Meine Berechnungen sind übrigens sämtlich ohne Kirchensteuer gerechnet.
Ich kann nur sagen, der obige Bericht ist gut recherchiert und mit 5 % ist man gut dabei.
Mit 3 % liegt man eindeutig falsch.