Zwei ältere Damen gehen mit einem Kinderwagen und einem Rollator einen Weg entlang.
Die Riester-Rente soll die Menschen in Deutschland im Alter zusätzlich absichern. Doch sehr viele Bürger nutzen die sogenannte dritte Säule der Altersvorsorge überhaupt nicht. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Private Altersvorsorge Was wird aus der Riester-Rente?

Immer weniger Deutsche schließen Riester-Renten ab. Die Große Koalition will die private Altersvorsorge jetzt reformieren. Weil auch ein staatlicher Renten-Fonds im Gespräch ist, steht die Versicherungswirtschaft unter Zugzwang.

von Alexander Laboda, MDR AKTUELL

Zwei ältere Damen gehen mit einem Kinderwagen und einem Rollator einen Weg entlang.
Die Riester-Rente soll die Menschen in Deutschland im Alter zusätzlich absichern. Doch sehr viele Bürger nutzen die sogenannte dritte Säule der Altersvorsorge überhaupt nicht. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

"Riester ist gescheitert" – zu dieser Einschätzung kam Horst Seehofer schon im April 2016. Der damalige bayerische Ministerpräsident und heutige Bundesinnenminister sprach damit aus, wovon viele Experten und Bürger bereits länger überzeugt sind: Die staatlich geförderte private Altersvorsorge, die alle Riester-Rente nennen, ist ein Fehlschlag. Zumindest in der jetzigen Form hat das "Riestern" ausgedient.

Riester-Rente ist unbeliebt

Walter Riester
Nach ihm wurde die Riester-Rente benannt: Der ehemalige Arbeitsminister Walter Riester (SPD). Bildrechte: IMAGO

Die Riester-Rente überzeugt viele Deutsche einfach nicht. Zum Ende vergangenen Jahres belief sich die Anzahl der insgesamt abgeschlossenen Riester-Verträge zwar auf gut 16 Millionen. Doch diese Zahl stagniert. 2017 kamen lediglich 23.000 neue Verträge hinzu. 2013 waren es noch 254.000, also mehr als zehn Mal so viele. Und noch eine Zahl ist aus Sicht von Politik und Versicherungswirtschaft alarmierend: Gut ein Fünftel der Verträge haben die Versicherten ruhend gestellt. Bei diesen Verträgen fließen keine Beiträge mehr. Experten empfehlen ein solches Vorgehen anstelle einer Kündigung, damit bereits gezahlte staatliche Zulagen nicht verloren gehen.

Die Ursachen für die fehlende Nachfrage sind bekannt. Provisionen und Verwaltungskosten sind bei den Riester-Verträgen hoch. Die Rendite ist hingegen gering und wird durch die momentan niedrigen Zinsen zusätzlich geschmälert. Stiftung Warentest hat bereits vor Jahren kritisiert, dass viele Geringverdiener über ihre Riester-Verträge gar nicht genug ansparen können, um tatsächlich für das Alter abgesichert zu sein – trotz der staatlichen Zulagen.

Sparer verstehen Riester-Produkte nicht

Außerdem haben viele Menschen das komplizierte Riester-System aus Zulagen, Freibeträgen und zusätzlichen Regelungen nie verstanden. Frühere Reformen, wie die Einführung der sogenannten Eigenheimrente ("Wohn-Riester") haben das System aufgebläht statt es zu vereinfachen. Sogar der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) spricht von "großer Komplexität und Unübersichtlichkeit". Der Vorsitzende der GDV-Geschäftsführung, Jörg von Fürstenwerth, schreibt in einem Meinungsbeitrag auf der Website des Verbandes: "Viele Kunden sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr."

Banksparplan, Baufinanzierung und Investmentfonds - alles Riester oder was? Der Staat unterstützt über die Riester-Rente seit 2002 mehrere Formen der freiwilligen privaten Altersvorsorge. Sparer können aussuchen, ob sie Rentenversicherungen, Bank- oder Fondsparpläne abschließen möchten.

Die Förderung erfolgt über Zuschüsse und Steuervergünstigungen. Die maximale staatliche Zulage beträgt aktuell 175 Euro. Für diese volle Förderung müssen Riester-Sparer vier Prozent ihres rentenversicherungspflichtigen Einkommens aus dem Vorjahr einzahlen. Hinzu kommt eine Kinderzulage. Sie beträgt 185 Euro für vor 2008 geborene Kinder beziehungsweise 300 Euro für später zur Welt gekommene Kinder. Beiträge zu Riester-Verträgen können außerdem bei der Steuererklärung als Sonderausgaben abgesetzt werden.

Erst seit 2009 kann das angesparte Kapital auch für den Bau oder Kauf einer Immobilie genutzt werden. Auch die Tilgung von Krediten oder die Einzahlung auf Bausparverträge können gefördert werden ("Wohn-Riester"). Wer bereits einen anderen Riester-Vertrag hat, kann das dort angesparte Geld für den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung einsetzen.

Quelle: dpa/Bams/bmu

Der Gesetzgeber hat bereits auf die Krise reagiert. Zum 1. Januar dieses Jahres wurde die Grundzulage bei der Riester-Rente von 154 auf 175 Euro pro Jahr erhöht. Außerdem werden Riester-Renten künftig nicht mehr voll bei der Grundsicherung im Alter oder einer Erwerbsminderung angerechnet. Gleichwohl plant die Bundesregierung noch eine grundlegende Reform: Sie will zügig ein "attraktives standardisiertes Riester-Produkt" entwickeln. Anders formuliert: Riester soll radikal vereinfacht und günstiger werden.

Geschlossene Riesterverträge nach Vertragsart im Jahr 2017
Versicherungen Banksparpläne Investmentfonds "Wohn-Riester"
10.867 726 3.233 1.767

Reformpläne setzen Versicherungsbranche unter Druck

Dies gefährdet allerdings die Gewinne der Versicherungswirtschaft. Bei einem schlanken und einfachen Produkt sind der bürokratische Aufwand und der Beratungsbedarf gering. Hohe Verwaltungskosten und Provisionen lassen sich nicht rechtfertigen.

Dennoch hat die Branche bereits angekündigt, eigene Ideen für eine neue Riester-Rente zu entwickeln. Der GDV etwa will noch bis Ende Juni ein Konzept vorstellen. Zu diskutieren sei, "welche zusätzlichen Vorsorgeanreize Standard- beziehungsweise Basisprodukte in der privaten Altersvorsorge schaffen können", heißt es in einer Stellungnahme. Aus Branchensicht gelte es, "insgesamt mehr Menschen" zu erreichen.

Idee für "Deutschland-Rente"

Grund für den Elan der Versicherungsunternehmen dürfte die Sorge sein, den lukrativen Markt gänzlich zu verlieren. Denn es steht bereits eine weiterer Vorschlag im Raum, der auf eine teilweise Verstaatlichung der privaten Altersvorsorge setzt:  die "Deutschland-Rente". Das Land Hessen hat diese Idee in den Bundesrat eingebracht und bereits Unterstützung von Verbraucherschützern erhalten.

Bei der Deutschland-Rente sollen alle Arbeitnehmer in Deutschland, die noch keine private Altersvorsorge haben, in einen staatlich organisierten Anlage-Fonds einzahlen. Die Beiträge würden über den Arbeitgeber eingezogen. Wer dies nicht möchte, müsste explizit seinen Austritt erklären. Die operative Verwaltung soll per Ausschreibung in die Hände von Banken und professionellen Fondmanagern gelegt werden. Bei den Investitionen würden dann "ökologische und ethische Mindeststandards" gelten. Gesetzlich soll ausgeschlossen werden, dass der Staat auf die Gelder zugreifen kann.

Welches Konzept setzt sich durch?

Der Fonds soll auch den Wettbewerb in der Branche anheizen. Versicherungsunternehmen dürften den Bürgern weiterhin andere Angebote machen. Die Unternehmen sind erwartungsgemäß wenig begeistert. Sie bemängelten bereits, dass der Vorschlag an "wesentlichen Zielgruppen vorbei" gehe. Selbstständige oder Arbeitnehmer "außerhalb stabiler Beschäftigungsverhältnisse" würden nicht erreicht. Außerdem sei das Konzept "wettbewerbsrechtlich fragwürdig".

In den kommenden Monaten müssen die Versicherungsanbieter nun eigene Konzepte auf den Tisch legen. Danach wird sich entscheiden, wie es mit der Riester-Rente weitergeht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 23. April 2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2018, 11:38 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

26 Kommentare

24.04.2018 19:39 Wo geht es hin? 26

Was wird aus der RR? Vollkommen egal. Maschmayer und Konsorten sind damit reich geworden, die Einzahler eben ärmer. So läuft Kapitalismus. Und es wird wieder etwas Neues geben, wieder werden ein paar dadurch noch reicher und es wird wieder genug Deppen geben, die denen den Geldbeutel füllen. Selber schuld, wenn man das Gehirnskastel ausschaltet oder eben gar nicht erst auf Touren bekommt...

24.04.2018 17:11 gerd 25

@22 Peter Das der Steuersatz nach Einkommen gestaffelt ist wissen Sie aber auch das heisst
Sie können als Rentner plötzlich wieder Einkommensteuer bezahlen wen Sie die Altersfreigrenze überschreiten und der fängt nach meinem Wissen mit 12% EK Steuer auf die gesamten Einkünfte an .Im übrigen mache ich nicht für mich eine Rentenversicherung damit meine Erben etwas davon haben sondern Wähle da wohl andere Modelle .

24.04.2018 16:42 Fragender Rentner 24

Was würde geschehen, wenn sie die RR wieder abwickeln?

Bekommen wir dann die 4% Rentenkürzung wieder gut geschrieben?

Denn für jedes Jahr (auf 4 Jahre gestaffelt) wurde uns damals die Rentenerhöhung um 1% gemindert?

24.04.2018 14:43 Querdenker 23

Entscheidend ist, ob die private Vorsorge auf Harz4 im Alter angerechnet wird. Ansonsten ist das vor allem ein Sparmodell für den Staat.

Rot-Grün hatte 2001 die Rentenreform gemacht und beschloss eine Rentenkürzung für zukünftige Rentner. Die Riester Rente diente damals als „Kompensation“ für den Staat. Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Rentner von morgen bekommen eine zukünftige Rentenkürzung und sollen außerdem noch privat vorsorgen. Also eine Art doppelte Kürzung der Gelder.

Die Riester Rente ist besser als ihr Ruf. Selbst die Stiftung Warentest musste am Ende anerkennen, dass die Riester Rente doch nicht so schlecht ist. Das Problem ist die damals vollständige Anrechnung auf die Grundsicherung und heute ganz aktuell teilweise. Und das Bürger von der Riester Rente ausgeschlossen sind.

Ich bin für eine „Volksrente“ bzw. „Garantierente“ (z.B. Schweden) bei der es darum geht, Altersarmut so gut wie auszuschließen.

24.04.2018 10:01 Peter 22

@21 gerd: Dass Andreas zur Zeit die Beiträge zur Riester-Rente von der Steuer absetzen kann, wissen Sie sicherlich. Und dass diese Ersparnis wegen seines jetzigen Steuersatzes wahrscheinlich höher ist als die Steuer, die er als Rentner zahlen muss, wissen Sie wahrscheinlich auch.
Und dass Andreas im Todesfall noch vorhandene Guthaben aus seiner Riester-Rente seiner Ehefrau bzw. seinen Kindern übertragen kann, wissen Sie sicherlich auch.

23.04.2018 21:56 gerd 21

17 @ Andreas P Ich gönne ihnen diesen tollen Gewinn
das Sie den aber versteuern müssen wissen Sie aber hoffentlich und das das Sie alt werden müssen hoffentlich auch.

23.04.2018 21:34 part 20

Lobbyismus für die Versicherungswirtschaft und ein Rechtfertigungsgrund die normale Rente Absenken zu können durch Erhöhung des Renteneintrittsalters und Absenkung der Beitragsbemessung. Leider darf manche Legislative das tun wofür andere vor dem Staatsanwalt landen.

23.04.2018 21:04 Peter 19

An alle Diejenigen, welche Riester in Bausch und Bogen verurteilen, eine kleine Rechnung:
Eine Familie mit 2 Kindern verdient im Jahr 40.000 Euro. 4% davon, 1.600 €, zahlen die Eltern in ihren Vertrag ein. 350 € bekommen die Eltern und bis zu 600 € für die Kinder bekommen sie jährlich vom Staat dazu.
Unabhängig davon, ob derzeit eine zusätzliche Rendite erzielbar ist, die Familie macht doch angesichts der Hilfen vom Staat einen guten Schnitt.

23.04.2018 20:50 Peter 18

@16: "Warum werden ausgezahlte Riesterverträge 100% versteuert?"
Was, ich muss es so sagen, was für eine däm... Frage.
Weil die Beiträge während der Einzahlungsphase steuermindernd abgesetzt werden können.

23.04.2018 20:32 Andreas P. 17

Also ich freue mich über meinen Riestervertrag, ich habe ca 6000 € eingezahlt und laut Onlinebanking hat er heute einen Rückkaufswert von mehr als 11000 €. Ich habe nicht auf die schlechten Riesterprodukte der Versicherungen gesetzt, sondern einen Fondgebunden Vertrag genommen, so wie es damals schon die richtigen Experten empfohlen haben.
Das was ich heute im Fehrnsehen gesehen habe, war mal wieder ein gutes Stück Lobbyarbeiter für die Spekulanten, von wegen den Einlagenschutz abschaffen. Mit der Rente (Vorsorge) sollte man so wenig wie möglich spekulieren.
Und warum ich für die Beiträge, für die ich bereits heute Lohnsteuer gezahlt habe, als Rentner noch einmal Steuern zahlen muss, dass soll mir ein Politiker doch bitte einmal logisch erklären. Die Gewinne alleine wäre ja noch nachvollziehbar.