JVA Leipzig
Der Terrorverdächtige al-Bakr erhängte sich in seiner Zelle in der JVA Leipzig. Zuvor wurde ihm 32 Stunden kein Dolmetscher zur Seite gestellt. Bildrechte: dpa

Präventionsprogramm Gegen Radikalisierung hinter Gittern

Sachsen streckt die Hand in Richtung radikale Muslime aus: Mit einem Präventionsprogramm soll ab sofort versucht werden, ein Abdriften dieser Menschen in die extremistische Gewalt zu verhindern. Neben Maßnahmen zur Früherkennung werden aber auch Aussteigerprogramme angeboten - in Flüchtlingsunterkünften, muslimischen Gemeinden und auch in Gefängnissen. Geld dafür ist da, Personal nicht.

von Sebastian Hesse, MDR AKTUELL

JVA Leipzig
Der Terrorverdächtige al-Bakr erhängte sich in seiner Zelle in der JVA Leipzig. Zuvor wurde ihm 32 Stunden kein Dolmetscher zur Seite gestellt. Bildrechte: dpa

Es war eine Konsequenz aus dem Selbstmord des inhaftierten Islamisten al-Bakr in der Leipziger Justizvollzugsanstalt: Sachsens Gefängnisse brauchen mehr Dolmetscher, um Inhaftierte aus dem muslimischen Kulturkreis einschätzen zu können. Um Suizide wie im Fall al-Bakr zu verhindern, aber auch um Radikalisierungen frühzeitig zu erkennen.

Denn die, so der zuständigen Fachminister, vollziehen sich nicht selten erst in Haft. Sebastian Gemkow konnte häufig beobachten, "… dass eine solche Radikalisierung im Justizvollzug überhaupt erst beginnen kann. Deshalb möchten wir sehr schnell diese Gefangenen erkennen und dann mit geeigneten Maßnahmen dem entgegenwirken, dass diese Personen sich radikalisieren."

Kommunikation als Terrorabwehr

Um die Gefährdeten aber rechtzeitig zu erkennen, müssen Sprachkundige ans Werk. Es ist ohnehin äußerst schwierig auszumachen, ob ein Gefangener extrem gewaltbereit und auf dem Weg zum Terrorismus ist: "Da sind die Bediensteten aufgerufen, in den Hafträumen zu schauen, ob sie bestimmte Gegenstände finden, die darauf hindeuten, dass es hier um einen Gefangenen geht, der sich radikalisiert. Auch sein Verhalten zu beobachten: Zieht er sich zurück? Spricht er mit niemandem mehr? Und dann einfach ganz sensibel zu schauen: Ist das jemand, der hier gefährdet ist, sich zu radikalisieren?"

Eine der größten Hürden bleibt: Wie kommunizieren? Dem inhaftierten Terrorverdächtigen al-Bakr etwa konnte 32 Stunden lang kein Dolmetscher zur Seite gestellt werden. Vielleicht auch deshalb ist seine Suizid-Gefährdung nicht rechtzeitig erkannt worden. Doch es ist leichter gesagt als getan, Sprachkundige in ausreichender Zahl zu rekrutieren, sagt Justizminister Gemkow: "Wir haben die entsprechenden Stellen in den Haushaltsverhandlungen für die Dolmetscher bekommen. Wir sind dabei, sie jetzt zu besetzen. Aber das ist eben kein ganz einfacher Prozess."

Gemkow will nicht "irgendeinen Dolmetscher"

Denn es gilt, sehr viel mehr Dinge dabei zu beachten, als vermutlich auch der "Bundesverband der Dolmetscher" auf dem Schirm hatte, als er nach al-Bakrs Selbstmord feste Stellen für Gefängnis-Dolmetscher forderte. "Wir sind im Gespräch mit einem Spezialisten für Orientalistik," sagt Gemkow, "der sich seit vielen Jahrzehnten mit diesem Thema befasst hat und genau sagt, welcher Gefangene mit welchem Dolmetscher sprechen kann, der auch selber im Bereich der Ausbildung tätig ist."

Es dürfe eben nicht nur darum gehen "diese Stellen mit irgendeinem Dolmetscher zu besetzen. Es müssen am Ende die richtigen sein, damit uns letztendlich all das gelingt, was wir im Vollzug erreichen wollen." Nämlich: Möglichst viele Strafgefangene vom Pfad der Gewalt abzubringen.

Gute Erfahrungen mit politischen Extremisten

Dass das funktionieren kann, so Gemkow, hat die Arbeit mit sächsischen Rechts- und Links-Extremisten gezeigt: "Uns fehlt natürlich die Langzeitbeobachtung nach der Haftentlassung. Aber es ist jedenfalls im vergangenen Jahr, zum Beispiel, gelungen, 70 Personen, hauptsächlich aus dem politisch-extremistischen Spektrum, in diese Programme hineinzubringen. Allein dass man diese Personen motivieren konnte, dabei mitzumachen, ist schon der erste große Erfolg." Und der soll nun auch im Bereich Islamismus erzielt werden.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 29.03.2017 | 6:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2017, 08:17 Uhr

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8 Kommentare

29.03.2017 15:42 annerose will 8

Aussteigerprogramme gegen eine Weltanschauung / Wertvorstellung / Ideologie ? Ich glaube, den Damen und Herren Politikern ist die Dimension der islamistischen Gefahr immer noch nicht klar. Es sind ganz andere Mittel erforderlich um dieser zu begegnen. Man braucht nur aus dem arabischen Raum geflohenen Christen oder Konvertiten vom Islam (prominente Vertreter sind z.B. Sabatina James oder Hamed Abdel Saleh) Gehör zu schenken, was die Ziele dieser Weltanschauung sind.

29.03.2017 15:10 Historiker 7

Ein nicht ungefährlicher Job. Vielleicht trifft man einen Gefährdeten draußen einmal wieder.

29.03.2017 12:15 Hor Es Te 6

Reichen die mehr als 20 Milliarden Euronen deutscher Steuergelder für die Asylbewerber ( ob illegale oder legale ) pro Jahr nicht schon aus?Übrigens nicht vergessen : eine Milliarde Euro sind tausend ( 1 000 ) Millionen Euro!Jetzt soll auch noch zusätzlich Geld,Steuergeld für Kriminelle,eventuelle Terroristen in Größenordnungen von den Arbeitgebern,Arbeitnehmern,Rentnern abgezogen erpreßt werden?Denn wer zahlt sonst noch in die Kassen des Herrn Schäubele ein?Es ist Zeit für ungarische Politik hier in Deutschland.

29.03.2017 11:02 Olivier 5

2 Millionen Kinder in Deutschland leben in Armut, aber Geld für Terroristen und solche die es werden wollen ist da!
Asyl für Schütz bedürftige ja, für Kriminelle und Gefährder nein!

29.03.2017 10:31 Fragender Rentner 4

Zitat von Oben: Sachsen streckt die Hand in Richtung radikale Muslime aus

Haben sich die Gefangenen früher auch immer in den Gefängnissen so radikalisieren können?

Oder woran kann es sonst noch liegen?

29.03.2017 09:53 Casper 3

Es ist einfach nur noch lächerlich. Für demokratiefeindliches und verfassungswidriges Verhalten wird man in diesem Staat auch noch mit Präventions- und/oder Aussteigerprogrammen 'belohnt'. Egal aus welcher Ecke. Zahlen darf dann den Schwachsinn aber der, der sich regelkonform verhält. Was für eine irre Welt.

29.03.2017 09:46 Wachtmeister Dimpfelmoser 2

Hinter Gittern gegen Radikalisierung vorgehen zu wollen ist ungefähr so erfolgversprechend wie am Tresen der Eckkneipe gegen den Alkoholkonsum. Na ja, wenigstens beruhigend zu wissen, dass es nicht am Geld fehlt für das neue FDJ-Studienjahr. Das sieht bei der Infrastruktur und der Unterstützung von Studenten schon anders aus.

29.03.2017 08:49 D.o.M. 1

Und dabei gäbe es eine so einfache Lösung. Und die hat zwei Triebwerke. Der Gesetzgeber und vor allem der Gesetzesausführer müsste es nur wollen.