Schweine im Kastenstand Tierquälerei: 43 Jahre geltendes Recht ausgehebelt

Zuchtsauen verbringen einen Großteil ihres Lebens in zu engen Käfigen, oft sogar enger als erlaubt. Nach dem Magdeburger Urteil sollte sich das ändern. Doch das Agrarministerium will dies nun für 15 weitere Jahre zulassen – und sogar aufweichen.

Kastenstand
Eine Sau im Kastenstand. Bildrechte: MDR/ Jo-Anne McArthur / We Animals

Deutschland ist der größte Erzeuger von Schweinefleisch in Europa und steht weltweit an dritter Stelle hinter China und der USA. Knapp 26 Millionen Schweine werden hierzulande gehalten.

Die Produktion von Schweinefleisch unterteilt sich dabei in mehrere Abschnitte. Einer davon ist die Zeugung des Nachwuchses. Die Zuchtsauen verbringen dabei bis zu 40 Prozent ihrer Zeit im sogenannten Kastenstand, also auf engstem Raum. Auf zu engem Raum, sagen Tierschützer. Denn die Tiere können sich in diesen Boxen geradeso hinlegen – oft nicht einmal das.

Für die meist künstliche Befruchtung werden die knapp 1,8 Millionen Zuchtsauen in Kastenstände gebracht. Auch anschließend dürfen die Schweine – nach der bisherigen Regelung – bis zu vier Wochen dort verbleiben. Für die restliche Dauer der Trächtigkeit von etwa 115 Tage leben die Zuchtsauen in Gruppen und in größeren Anlagen. Kurz vor der Geburt ihrer Ferkel kommt die Muttersau erneut in eine Art Kastenstand, der sogenannten Abferkelbucht. Dort darf sie bis zu 35 Tage fixiert werden. So soll verhindert werden, dass die Sau den Nachwuchs versehentlich erdrückt. Anschließend kommt das Tier zurück ins Deckzentrum.

Der Start zum Ruf nach Veränderung: Das Magdeburger Urteil

Bei Europas größtem Ferkelerzeuger in der Nähe von Magdeburg sind 2015 schwere Missstände aufgedeckt worden. Bei einer Durchsuchung sind vor allem viel zu enge Kastenstände entdeckt worden. Daraufhin ist dem Unternehmer Adrianus Straathof aufgrund des massiven Rechtsverstoßes die Tierhalteerlaubnis entzogen worden. Das Unternehmen hatte dagegen geklagt. Aus dessen Sicht sei es kein Rechtsverstoß, da die Tiere ihre Beine doch ausstrecken konnten – wenn auch in die nebenliegende Box eines anderen Schweines.

In einer wegweisenden Entscheidung bestätigte daraufhin das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg die seit 1992 gültige Rechtslage, dass es jedem Schwein möglich sein müsse "ungehindert in Seitenlage mit ausgestreckten Gliedmaßen zu ruhen (ohne dabei an ein Hindernis zu stoßen)". Das Urteil wurde im November 2016 vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt und damit rechtskräftig.

Was sollte sich daraufhin ändern?

Nach dem Magdeburger Urteil hatte das Bundeslandwirtschaftsministerium von Julia Klöckner (CDU) einen Referentenentwurf erarbeitet, mit dem die Haltung der Muttersauen in Kastenständen neu geregelt werden soll. In diesem Entwurf wird eingeräumt, dass Kastenstände, wie vom Gericht gefordert, "kaum anzutreffen sind". Praxisüblich seien derzeit noch kleinere Kastenstände "mit einer Breite von 65 Zentimeter (Jungsauen) oder 70 Zentimeter (Sauen) und einer Länge von 200 Zentimetern". Dabei ist eine Sau im Schnitt 90 Zentimeter hoch, wie Wissenschaftlern untersucht haben. Mindestens so breit müsste dann eigentlich auch der Kastenstand sein.

Tierschutz contra Kosten

Doch das Umzusetzen, wäre für die Schweinehalter teuer. Das Ministerium rechnet für die rund 21.100 Betriebe mit Kosten von insgesamt 1,1 Milliarden. Offenbar zu teuer aus Sicht der Behörde. Deshalb sieht der Entwurf eine Übergangsfrist für Bestandsbetriebe mit maximal 15 Jahren vor. Die Behörden könnten sie sogar zur "Vermeidung einer unbilligen Härte" auf 17 Jahre verlängern.

Eine Muttersau liegt neben Ferkeln in einem Stall.
In dieser Abferkelbucht kann die Muttersau liegen und die Gliedmaßen ausstrecken. Bildrechte: dpa

Ebenfalls erst nach dieser langen Übergangsfrist soll die Zeit im Kastenstand auf insgesamt 13 Tage – fünf Tage im Deckzentrum und 8 Tage nach dem Abferkeln – begrenzt werden. Außerdem sollen diese Boxen für größere Sauen etwas größer werden, allerdings nicht so groß, dass sie sich hinlegen können. Denn genau dieser Satz soll, laut dem Entwurf, aus der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung gestrichen werden.  

"Die deutlich kürzere Zeit im Kastenstand bringt das Plus an Tierschutz", heißt es aus dem Ministerium. Am 14. Februar sollte im Plenum des Bundesrates über die Novellierung der Verordnung entschieden werden. Doch gleich zum Beginn der Sitzung wurde das Thema von der Tagesordnung gestrichen – und auf vorerst unbestimmte Zeit verschoben. Der Grund ist offenbar die massive Kritik an dem Entwurf aus dem Agrarministerium.

Kritik an der geplanten Änderung der Verordnung

Entgegen aller Verordnungen - eine hochschwangere Sau in einem viel zu engen Kastenstand.
Entgegen aller Verordnungen - eine hochschwangere Sau in einem viel zu engen Kastenstand. Bildrechte: Animal Rights Watch

So hat etwa der Agrarausschuss des Bundesrates auf 43 Seiten Änderungsanträge zum Verordnungsentwurf vorgelegt. Hinzu kamen weitere Anträge aus Bayern, Niedersachsen und Brandenburg. Auch aus anderen Bundesländern kommt Kritik an den Plänen des Ministeriums: "Nachdem was mir aus den Ausschüssen des Bundesrates vorliegt, wird es eine Übergangsfrist von 15 Jahren geben, in der explizit festgelegt wird, dass sich die Sau nicht ausstrecken können muss", sagt Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt, Claudia Dalbert (Grüne). Was zusammen mit dem seit 1992 geltenden Passus der Nutztierverordnung bedeuten würde, dass für 43 Jahre geltendes Recht nicht funktioniere. "Das ist absurd. Ich habe da null Verständnis für."

Der Deutsche Tierschutzbund befürchtet sogar einen "bösen Hinterzimmer-Poker um die Sau". Der Agrarausschuss des Bundesrates hat in seinen Anträgen empfohlen, den Passus zum "ungehinderten Ausstrecken der Gliedmaßen" wieder in  die Nutztierverordnung aufzunehmen. Doch die Tierschützer schreiben in einer aktuellen Pressemeldung, dass sie befürchten dieser könnte doch wieder gestrichen werden – im Tausch gegen Begehrlichkeiten einzelner Landesregierungen.

Eine Straffreiheit für die Tierhalter würde der Entwurf bedeuten, kritisierten mehrere Tierschutzverbände. Und zwar für genau jene, die aus rein ökonomischen Gründen seit vielen Jahren engere Kastenstände als vorgeschrieben hatten. In der gemeinsamen Erklärung des Deutschen Tierschutzbundes, Vier Pfoten und weitere Tierschutzorganisationen heißt es weiter, dass Kastenstände Tierquälerei seien.

Aus Sicht der Tierschützer verstößt der Entwurf sogar gegen das Grundgesetz. "Es darf kein unwürdiges Geschacher um das Wohl der Sauen geben", sagt der Präsident des Tierschutzbundes, Thomas Schröder.

In anderen Ländern Kastenstand schon abgeschafft

In Schweden sind Kastenstände bereits seit 1988 verboten – zudem muss 50 Prozent der Bucht mit Stroh bestreut sein. In Deutschland leben die Tiere meist auf puren Spaltenböden. In Dänemark ist der Kastenstand für Muttersauen nur für drei Tage zulässig. Vor allem skandinavischen Länder sind Vorreiter in Sachen Tierwohl bei der Schweineproduktion.

Deutlich entspannter sieht man die Haltung im Kastenstand dagegen in Belgien, Polen und Spanien (zweitgrößter Erzeuger in Europa). Sie orientieren sich an den EU-Vorgaben, die auch Grundlage für die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung in Deutschland sind und lassen eine Einzelhaltung im Kastenstand bis vier Wochen nach dem Belegen zu.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 12. Februar 2020 | 20:15 Uhr

6 Kommentare

jochen1 vor 20 Wochen

Tierfreunde sollten sich bei der Klöckner für diese Gemeinheit gegen die Tiere bedanken. Eine Ex-Weinkönigin bestimmt jetzt über das Wohl der armen Tiere ? Das Gegenteil ist der Fall. Der Wähler muss bei kommenden Wahlen handeln.

Horst vor 21 Wochen

Ja. Geiz ist immer noch geil. Besonders bei Lebensmittel. Ein Veggieday könnte auch einen geringen Beitrag leisten.

Aber das ist auch nur die halbe Wahrheit: Unsere armen Bauern produzieren schließlich auch Millionen Tonnen Schweinefleisch für das Ausland (sprich Export).

C.T. vor 21 Wochen

Ein Schande und zugleich erschreckend wie stark der Lobbyeinfluss auf die Politik in Deutschland ist. In diesem Land darf man nicht mehr von Demokratie sprechen. Hier gibt es immer wieder starke Anzeichen einer Oligokratie.