Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines Westpakets
Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines Westpakets Bildrechte: BStU

MDR-Magazin "Umschau" Stasi plünderte systematisch Westpakete

Die DDR-Stasi hat systematisch Westpakete ausgeraubt. Wie der letzte DDR-Postminister dem MDR-Magazin "Umschau" sagte, wurden die geraubten Waren unter anderem in der SED-Bonzen-Siedlung Wandlitz verkauft. Es sei um mehrere hunderttausend Pakte jährlich gegangen.

Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines Westpakets
Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines Westpakets Bildrechte: BStU

In der DDR wurden seit 1972 systematisch Westpakete ausgeraubt. Das berichtet der letzte DDR-Minister für Post- und Fernmeldewesen der Regierung de Maizière, Hans-Jürgen Niehof, im Gespräch mit dem MDR-Magazin "Umschau" (Dienstag, 4.12., 20:15 Uhr).

Mehrere hunderttausend Pakete pro Jahr

Geplündert wurden nach Auskunft von Niehof nicht nur Irrläufer, die nicht zugestellt werden konnten, sondern auch korrekt beschriftete Pakete, die von der Stasi als unzustellbar deklariert wurden. Nach Dokumenten aus der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) waren es mehrere hunderttausend Pakete pro Jahr, die der Staat bestohlen hat. Aufzeichnungen der Staatssicherheit belegen, dass der Geheimdienst allein in den letzten vier Jahren der DDR 32 Millionen D-Mark Bargeld und Waren im Wert von 10 Millionen Mark der DDR aus den Paketen entnommen hat.

"Was man aus den Paketen irgendwie gebrauchen konnte, wurde entweder zur Devisenerbringung zugeführt oder es fand sich in der Waldsiedlung bei den Politbonzen in Wandlitz wieder", erzählt Niehof. Er berichtet, dass mittlere und höhere Führungskräfte die Waren aus den Paketen im Kurs 1:1 kaufen konnten. Dafür gab es die Möglichkeit in bestimmten Geschäften und im geheimen Zentrallager der Staatssicherheit in Freienbrink. In dem Ort bei Berlin fand auch die Paketkontrolle statt.

Bildergalerie Der heimliche Blick ins Westpaket

Wer in der DDR Westpakete bekam, musste davon ausgehen, dass die Stasi einen Blick hineinwirft. Diese Bilder zeigen, wie systematisch die Staatssicherheit kontrollierte und wie genau sie ihre Arbeit dokumentierte.

Aufnahme der Stasi von geöffneten Westpaketen
Dieses Foto von einem originalen Westpaket stammt aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi von geöffneten Westpaketen
Dieses Foto von einem originalen Westpaket stammt aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines Westpakets
Der Staat wollte Bescheid wissen:
So wurden auch die Inhalte der Westpakete vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) exemplarisch dokumentiert.
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Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines Westpakets
Typische Westpaket-Produkte waren
Feinstrumpfhosen, Kosmetikartikel, Süßwaren – und Kaffee.
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Aufnahme der Stasi von geöffneten Westpaketen
Auch Konserven waren in vielen Westpaketen zu finden. Doch immer wieder kam es vor, dass Fischdosen bei der Zollkontrolle zerstochen wurden. Dann war nicht nur das Paket durchgeweicht, sondern alles andere auch verdorben. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines geöffneten Westpakets
Natürlich wurden Ostbürger besonders in der Weihnachtzeit gern von der Westverwandtschaft bedacht. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines geöffneten Westpakets
Zu Weihnachten gebacken wurde hüben wie drüben. So wurden auch die entsprechenden Zutaten ... Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi von geöffneten Westpaketen
… oder gleich ganze Stollen verschickt. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines geöffneten Westpakets
Im Osten freute man sich über Kleidung, auch wenn diese meist schon getragen war. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines geöffneten Westpakets
Bei Ost-Jungs ganz oben auf der Wunschliste: Matchbox-Autos. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi vom Inhalt eines geöffneten Westpakets
Comics durften eine Zeit lang gar nicht verschickt werden und konnten bei einer Kontrolle konfisziert werden. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi von einem geöffneten Westpaket
Um Geld zu schicken, musste man erfinderisch sein. Die Scheine wurden im doppelten Boden eingelegt oder im Karton eingeklebt – und in diesem Fall trotzdem entdeckt. Bildrechte: BStU
Aufnahme der Stasi von einem Packzettel mit Inhaltsangabe aus einem Westpaket
Mit Packzetteln konnte der Empfänger kontrollieren, ob auf dem Postweg auch nichts entnommen wurde. Bildrechte: BStU
Mitarbeiter des MfS bei der Paketkontrolle.
Mitarbeiter des MfS bei ... Bildrechte: BStU
Mitarbeiter des MfS bei der Paketkontrolle
... der Paketkontrolle. Bildrechte: BStU
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Durchleuchtungen seit 1967

Bereits ab 1967 wurden viele Westpakete durchleuchtet und deren Inhalte durch die staatlichen Organe verwertet, allerdings noch nicht systematisch. Zwar garantierte die DDR-Verfassung das Postgeheimnis, doch es gab Ausnahmen. "Wenn es die Sicherheit des sozialistischen Staates erforderte, durften auch Sendungen kontrolliert werden", so Niehof. Unter dem Vorwand, die DDR vor Staatsfeinden und Hetze aus dem Westen zu schützen, habe die Stasi dann die Ausnahmen zur Regel gemacht, so der Ex-Minister.

Hans-Jürgen Niehof wurde nach der Volkskammerwahl im März 1990 ins DDR-Ministerium für Post- und Fernmeldewesen berufen und war dort stellvertretender Minister. Nach dem Rücktritt seines Vorgesetzten im August 1990 wurde er zum geschäftsführenden Minister ernannt und war bis zum 3. Oktober 1990 im Amt. Vor 1989 war er Fernmeldetechniker bei der Deutschen Post.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 04. Dezember 2018 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2018, 10:34 Uhr