'Lügenmedien - Politikerabschaum - Volksverräter' steht auf den Schildern bei der Demonstration.
Transparent mit dem Begriff "Volksverräter" bei einer Demonstration. Bildrechte: dpa

Schmähwort mit NS-Vergangenheit Ursprünge des Pegida-Rufs "Volksverräter"

Bei Pegida-Kundgebungen und auch von AfD-Politikern wird das Schmähwort "Volksverräter" genutzt. Als solche werden vor allem Politiker der etablierten Parteien beleidigt. Was viele nicht wissen: In der NS-Zeit wurde der Straftatbestand Volksverrat eingeführt. Doch der Ursprung des Begriffs reicht weiter zurück.

'Lügenmedien - Politikerabschaum - Volksverräter' steht auf den Schildern bei der Demonstration.
Transparent mit dem Begriff "Volksverräter" bei einer Demonstration. Bildrechte: dpa

Erstmals als politischer Kampfbegriff verwendet wurde Volksverrat in Deutschland von den sozialistischen Akteuren der Revolution 1848/1849.

Im Ersten Weltkrieg übernahmen Rechtsextreme den Begriff Volksverräter. Sie bezeichneten vor allem die demokratischen Anhänger der Weimarer Republik und die Revolutionäre von 1918 als "Volksverräter" und "Novemberverbrecher". Beides hatte zu tun mit der sogenannten Dolchstoß-Legende. Diese behauptet, dass Demokraten mit der Revolution 1918 dem ansonsten siegreichen deutschen Heer im Ersten Weltkrieg einen "Dolchstoß von hinten" versetzt hätten.

Unter Hitler war Volksverrat Straftat

Glühende Anhänger der Dolchstoß-Legende waren die Nationalsozialisten. Nach 1933 erschufen sie den Tatbestand des Volksverrats, ein Novum im deutschen Strafrecht. Volksverräter wurde fortan, wer "unmittelbar gegen das deutsche Volk gerichtete Verbrechen" beging, oder derjenige, der "die politische Einheit, Freiheit und Macht des deutschen Volkes zu erschüttern trachtet". So heißt es in dem entsprechenden Paragrafen.

In der Praxis der Rechtsprechung unter Adolf Hitler wurde jede Kritik am Nationalsozialismus zum Volksverrat. Vor allem vor dem Volksgerichtshof unter Richter Roland Freisler, der gefürchtet war und etliche Schauprozesse abhielt, wurden viele Angeklagte als "Volksverräter" beschimpft und zum Tode verurteilt.

Verwendung heute umstritten

Wegen dieser Vergangenheit hat der Begriff schon für heftige Debatten gesorgt, seit er als Schmähruf bei Pegida-Demonstrationen verwendet wird. Politikwissenschaftler und Historiker haben in Interviews immer wieder darauf hingewiesen, dass der Begriff aus dem nationalsozialistischen Strafrecht stammt und seine Verwendung deshalb, so nannte es etwa der Politologe Robert Feustel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk, "schmerzhaft" sei.

Viele Pegida-Anhänger scheint das nicht weiter zu kümmern. "Volksverräter" gehört zum Standardrepertoire an Schmährufen auf Demonstrationen und wird vor allem als Bezeichnung für deutsche Politiker der etablierten Parteien verwendet.

Die Protestierenden selbst, so haben es einige von ihnen jedenfalls öffentlich erklärt, sehen den Begriff ganz anders: In einer Demokratie sei der Souverän das Volk und jeder, der nicht zum Wohle dieses Volkes handele, sei eben ein Volksverräter. In diesem Sinne sei der Begriff nicht diffamierend oder angelehnt an nationalsozialistisches Gedankengut, sondern ein sehr demokratischer.

Unwort des Jahres 2016

Sprachwissenschaftler sehen das anders. 2016 wurde der Begriff zum Unwort des Jahres gewählt. Die Jury bezeichnete ihn als "typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten".

Der Begriff sei gegenüber Politikern "undifferenziert und diffamierend", sein Gebrauch würge "das ernsthafte Gespräch und die damit für die Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft" ab. Das Wort "Volk", so heißt es in der Begründung weiter, stehe dabei nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern sei eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließe.

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2018, 18:05 Uhr