Umstrittener Vorstoß Streit um Einschulung bei schlechten Deutschkenntnissen

Der CDU-Politiker Linnemann hat vorgeschlagen, schlecht Deutsch sprechende Kinder später einzuschulen. Damit löste er eine Debatte aus und stieß auch in den eigenen Reihen auf Kritik. Er bekam aber auch Lob.

Eine ausländische Schülerin füllt am 24.05.2013 in der Georg-Elser-Hauptschule in Garbsen (Niedersachsen) während eines Deutschkurses ein Arbeitsblatt aus.
Der CDU-Politiker hat eine Debatte um die Einschulung von Kindern mit mangelhaften Deutschkenntnissen ausgelöst. Bildrechte: dpa

Der CDU-Politiker Carsten Linnemann ist mit seiner Forderung, Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen notfalls später einzuschulen, auf breite Kritik gestoßen.

Konsequenzen bei mangelnden Sprachkenntnissen gefordert

Der Unions-Fraktionsvize im Bundestag hatte in der "Rheinischen Post" gesagt, ein Kind, das kaum Deutsch spreche und verstehe, habe auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. Für betroffene Kinder schlug er eine Vorschulpflicht vor. Notfalls müsse eine Einschulung auch zurückgestellt werden.

Später ergänzte Linnemann, ihm gehe es darum, dass es Konsequenzen haben müsse, wenn Kinder vor der Schule die Sprachtests nicht bestünden. Sie müssten vor der Einschulung sprachlich fit gemacht werden.

Kritik aus der CDU

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, wies Linnemanns Forderung zurück. Die CDU-Politikerin sagte, an der Schulpflicht gebe es nichts zu rütteln. Was man aber brauche, sei gezielte Sprachförderung von Anfang an.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien nannte die Forderung ihres Parteikollegen populistischen Unfug. Gerade die Christdemokraten sollten auf die soziale und gesellschaftliche Errungenschaft einer allgemeinen Schulpflicht hinweisen.

Prien schlug vor, Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen im Rahmen der Regelbeschulung in Klassen zu unterrichten, die Deutsch als Zweitsprache anbieten.

Tullner verweist auf Vorschule

Dem widersprach Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner. Der CDU-Politiker erklärte, die Vermittlung von Sprachkenntnissen und der sichere Umgang mit der deutschen Sprache sei zwar eine zentrale Aufgabe von Schule.

Dafür brauche es aber Grundlagen, die bereits im Vorschulalter gelegt würden.

Piwarz verweist auf Vorbereitungsklassen

Für Sachsens Kultusminister Christian Piwarz ist die Beherrschung der deutschen Sprache ebenfalls eine Grundvoraussetzung für den Schulbesuch. Der CDU-Politiker verwies darauf, dass Deutsch in Sachsen in Vorbereitungsklassen als Zweitsprache gelehrt wird und die Kinder erst mit zunehmendem Sprachfortschritt schrittweise in Regelklassen wechseln. Dieses System der schulischen Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund habe sich bewährt, so Piwarz.

SPD, Grüne und Linke widersprechen

SPD, Grüne und Linke kritisierten durchweg Linnemanns Vorstoß. Die SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers sprach von populistischem Getöse. Linke-Chefin Katja Kipping warf Linnemann vor, mit seinen Äußerungen auf Stimmenfang im rechten Sumpf zu gehen.

Die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, Muhterem Aras von den Grünen twitterte, sie habe kein Deutsch gesprochen, als sie als 12-Jährige in die Hauptschule kam. Später habe sie ein Steuerbüro aufgebaut und sei Präsidentin geworden.

GEW fordert mehr Geld von Politik

Auch von Lehrerverbänden kam Kritik an Linnemanns Vorschlag. Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist eine Zurückstellung der Kinder nicht sinnvoll. Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann sagte, Kinder lernten am besten gemeinsam in der Grundschule, sofern dort das Angebot stimme.

Hoffmann räumte ein, dass es ein Problem sei, wenn Kinder in der Grundschule dem Unterricht nicht folgen könnten. Deshalb müsse Sprachbildung in jeden Unterricht integriert werden, zusätzlich zu Deutschlern-Gruppen für Kinder, die die Sprache nicht ausreichend beherrschten. Sie verwies darauf, dass es auch immer mehr deutsche Kinder gebe, auf die das zutreffe.

Hoffmann rief die Politik auf, deutlich mehr Geld in die Hand nehmen, um den Spracherwerb an Grundschulen zu verbessern. Die Situation sei gegenwärtig in allen Bundesländern schwierig, vor allem wegen des Personalmangels.

Grundschulverband denkt über Kindergartenpflicht nach

Die Bundesvorsitzende des Grundschulverbandes, Maresi Lassek, betonte, Schulen seien darauf eingestellt, Kinder mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen zu empfangen. Der Grundschulverband denke aber darüber nach, das letzte Jahr im Kindergarten verbindlich zu machen.

Philologenverband unterstützt Linnemann

Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Susanne Lin-Klinzing, unterstützte dagegen Linnemanns Idee, Kinder mit Sprachdefiziten zunächst nicht einzuschulen, sondern in Vorschulklassen sprachlich vorzubereiten. Sie sagte der Zeitung "Die Welt", danach müsse die Sprachförderung parallel zum Unterricht weitergeführt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. August 2019 | 14:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. August 2019, 08:21 Uhr

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113 Kommentare

08.08.2019 07:13 Freiheit 113

07.08.2019 20:33 G.Schmitz an Jimmy

Falsch!

Es geht hier nicht darum, die deutsche Sprache in der Grundschule zu lernen, sondern darum, allgemein zu lernen! Dazu gehört Mathematik, Sozialkunde...! Dazu ist es notwendig VOR der Einschulung der deutschen Sprache in WORT mächtig zu sein!
Also müssen Maßnahmen getroffen werden, daß diese betroffenen Kinder VOR der Einschulung die deutsche Sprache in Wort, nicht in Schrift, beherrschen!

Das ist doch wohl verständlich, oder?

08.08.2019 05:10 Klaus 112

Und jetzt kommt auch noch raus, dass Linnemann mit falschen Zahlen argumentiert:
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/linnemann-falsche-zahl-101.html
Das nennt man Fake-News.
Er hat jetzt also Trump-Niveau erreicht.
Was ist bei Linnemann noch alles schief gelaufen?

07.08.2019 21:27 Klaus 111

@ { 07.08.2019 20:33 G.Schmitz an Jimmy }
Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.
Meine jüngste Tochter hat sich schon im Kindergarten gewundert, dass die anderen Kinder nur "Deutsch" können und die Kindergärtnerinnen haben sich gewundert, warum meine Tochter so gut deutsch kann.
Und dass Linnemann von diesem Thema keine Ahnung hat, haben andere ja auch schon festgestellt.
Mittlerweile hat er gelernt, dass das Hamburger Modell ja ganz gut ist und man das auch ohne Verzögerung der Einschulung hinbekommen kann.
Das hätte er ja aber auch vorher recherchieren können, dann hätte er sich die Blamage gespart.

07.08.2019 20:33 G.Schmitz an Jimmy 110

Eine Einschulung geht auch ohne deutsche Sprachkenntnisse.

Kinder lernen fremde Sprachen schneller und leichter als Erwachsene, ohne wenn und aber.

Herr Linnemann hat diesbezüglich wohl wenig Ahnung.

07.08.2019 20:31 Klaus 109

@ { 07.08.2019 15:19 Arbeitende Rentnerin }
Das haben Sie falsch verstanden.
Es geht nicht um die Eltern, sondern um die Kinder.
Und in einem nachfolgenden Interview hat er auch ausdrücklich gesagt, dass er auch deutsche Kinder meint und seine Kritik nicht nur auf Kinder ausländischer Eltern gemeint war: (Originaltext) "Dabei ist es völlig egal, ob es sich dabei um Zuwanderer-Familien oder deutsche Hartz-IV-Haushalte handelt. "
Die Pöbelei gegen Kinder hat er jetzt nicht mehr wiederholt, er hat also etwas gelernt.

07.08.2019 20:21 Klaus 108

@ { 07.08.2019 17:30 Frank L. }
Wenn Sie glauben das zu wissen, dann will ich Sie da nicht belehren.
Bei uns läuft das auf jeden Fall gut, angefangen von der Schule bis zur Wirtschaftsleistung und Einkommen.
Und warum Linnemann gegen Kinder gepöbelt hat, konnte er auch in nachfolgenden Interviews nicht erklären, aber er hat seine Ausdrucksweise zumindest zum Besseren hin angepasst. Von daher hat er wohl irgendetwas verstanden und jetzt hat er sogar ausdrücklich das Hamburger Modell gelobt.

07.08.2019 20:13 Klaus 107

@ { 07.08.2019 17:00 Praxis }
Vollkommen richtig, genau diese Sachlichkeit habe ich beim dem Statement von Linnemann vermisst.
Aber offensichtlich hat er gelernt, weil er sich in den nachfolgenden Interviews deutlich sachlicher ausdrückt und das pöbeln gegen Kinder unterlassen hat.
Warum ein Erwachsener im fortgeschrittenen Alter das nicht gleich beim ersten Interview so gemacht hat, ist mir unverständlich.

07.08.2019 20:07 Klaus 106

@ { 07.08.2019 17:32 Werner }
Sie können über Ihren Bauernhof und dem dazugehörigen Misthaufen gerne lachen, wenn Sie sonst nichts sinnvolles zu tun haben.
Sie können den Beitrag oben lesen oder meine Beiträge. In beiden steht der von mit kritisierte Originaltext von Linnemann, wo er gegen Kinder pöbelt.
Zusätzlich habe ich auch andere Quellen geprüft und es ist zweifelsfrei, dass Linnemann dies gesagt hat: ""Es reicht nicht nur, Sprachstandserhebungen bei Vierjährigen durchzuführen, sondern es müssen auch Konsequenzen gezogen werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. "
In nachfolgenden Interviews hat er sich dann deutlich vorsichtiger ausgedrückt. Meine Kritik bezieht sich aber auf das erste Interview. Haben Sie das jetzt verstanden?

07.08.2019 17:32 Werner 105

Ich muss schon wieder lachen. Ausgerechnet "Klausi" kann es nicht ab, wenn jemand pöbelt, wo "Klaus" und "Besorgte" zusammen gehören, wie Schaum auf´m Bier, oder der Misthaufen zum Bauernhof - unzertrennliche Einheit. Gleichzeitig belegt er aber nicht, wo/wie Hr. Linnemann (im Original!) angeblich gegen die Kinder gepöbelt hat. Warum sind die "Spezialisten", eigentlich alle, gerade nicht aus dem Osten, wo es doch im Westen "bei uns" ganz anders - alles Bestens - läuft? Der MDR war schlau, und hat in Voraussicht von Ungemach die DPA-Erfindung im Artikel entfernt. Daher haben sich die "Kommentatoren", die sich hier zum Aufmischen auf den Text von DPA beziehen, als "zugewiesene Spezialisten" beim MDR selbst selektiert und identifiziert - unabsichtlich? Oder "Augen zu und durch"?, weil gegenseitiges und gezieltes Drein- und Draufprügeln mit Pöbeln "Pflicht" ist?

07.08.2019 17:30 Frank L. 104

an Klaus@61 Zitat"Aber wenn Sie schreiben, dass das im Osten anders ist, dann erklärt sich so manches von selbst" Genau! Mir wird da auch einiges klarer, jetzt da ich weiß das man offensichtlich im Westen erst in der Grundschule das sprechen lernt....