Eine Frau geht in einer Straße in Dresden an Häusern vorbei, von denen nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Ruinen geblieben sind
Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg – bei einem Luftangriff am 13. Februar 1945 wurde die Stadt stark zerstört. Bildrechte: dpa

Neue Studie Digitales Erinnern wird wichtiger

Wie erinnern sich die Deutschen an ihre Vergangenheit? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". Besonders für junge Menschen spielen historische Informationen im Netz eine immer größere Rolle, die Wichtigkeit von Zeitzeugen nimmt ab. Anlässlich des Jahrestages der Luftangriffe auf Dresden wurden am Montag die wichtigsten Ergebnisse in Berlin vorgestellt.

von Jana Münkel, ARD-Hauptstadtstudio für MDR AKTUELL

Eine Frau geht in einer Straße in Dresden an Häusern vorbei, von denen nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Ruinen geblieben sind
Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg – bei einem Luftangriff am 13. Februar 1945 wurde die Stadt stark zerstört. Bildrechte: dpa

Am 13. Februar vor 73 Jahren begannen die Luftangriffe auf Dresden, bei denen nach Expertenschätzungen bis zu 25.000 Menschen ums Leben kamen. "Wir haben bewusst den Jahrestag der Bombardierung Dresdens für die Veröffentlichung der Ergebnisse gewählt", erklärt Dr. Andreas Eberhardt von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ).

Die EVZ hat zum Ziel, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten und will die aktive Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in den Mittelpunkt stellen. Auch bei diesem Ereignis geht es Eberhardt zufolge um Erinnerungsnarrative und den Versuch der Instrumentalisierung bestimmter Opfernarrative. Man wolle "auch mal wieder über deutsche Opfer sprechen", höre man von der einen Seite. "Anderen ist es wichtig, einen differenzierten und verantwortungsvollen Umgang" mit der deutschen Geschichte zu pflegen, erklärt Eberhardt.

Wiedervereinigung als wichtigstes historisches Ereignis

Woran erinnern sich die Menschen, wenn sie an die deutsche Geschichte denken, wie sieht diese Erinnerung aus und warum erinnern sich die Menschen? Das waren die zentralen Fragen, die die Forscher der Universität Bielefeld mehr als 1.000 Personen zwischen 16 und 92 Jahren am Telefon gestellt haben. "Wir haben zum Beispiel nach dem wichtigsten Ereignis seit 1900 gefragt", erläutert der Psychologe Dr. Jonas Rees von der Universität Bielefeld.

39 Prozent der Befragten nannten die deutsche Wiedervereinigung als wichtigstes Ereignis, dicht gefolgt vom Zweiten Weltkrieg, den 37 Prozent als das wichtigste Ereignis ansehen. "Die Wiedervereinigung haben mehr Menschen noch aktiv miterlebt", erklärt Professor Andreas Zick von der Universität Bielefeld. "Deshalb ist dieses Ereignis ganz vorne." Aus der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg schöpfe die deutsche Gesellschaft aber viele Werte und Normen. "Das 'Nie wieder!' des Holocaust steht ungebrochen da", erklärt Zick.

Gesellschaft der Täter und Opfer

Überrascht hat die Forscher die Meinung der Befragten zu Tätern und Helfern während des Zweiten Weltkriegs. 18 Prozent gaben an, dass sie unter ihren Vorfahren Täter des Zweiten Weltkriegs hatten oder haben. Ebenfalls 18 Prozent sagten, Vorfahren von ihnen hätten während des Zweiten Weltkriegs potenziellen Opfern geholfen und zum Beispiel Juden versteckt.

Ebenso viele Helfer wie Täter also? Ein schiefes Bild, sagen die Forscher. Hier könne man eine Erinnerungslücke feststellen. So erklärt Prof. Andreas Zick: "Diese Täter-Opfer-Erinnerung ist sehr eingetrübt."

Geschichtsunterricht und digitales Erinnern sind wichtig

Der Geschichtsunterricht wird von den Befragten als sehr wichtig eingestuft – mehr als 90 Prozent finden Geschichtsunterricht eher wichtig oder sehr wichtig. "Der Geschichtsunterricht ist nun mal einer der gängigen Wege der Erinnerung und ein Ort, wo viele mit dem Nationalsozialismus konfrontiert werden", resümiert Dr. Jonas Rees.

Nicht nur junge Menschen informieren sich zunehmend mehr im Internet über geschichtliche Themen wie den Holocaust. 94 Prozent der 16- bis 30-Jährigen informieren sich online über die NS-Zeit. Und sogar 74 Prozent der über 76-Jährigen kommen online mit dem Thema in Berührung. "Digitales Erinnern wird wichtiger", erklärt Professor Zick von der Universität Bielefeld. Doch gleichzeitig empfänden die Befragten die Informationen aus dem Internet als wenig verlässlich. "Wir müssen also Wege finden, auch das digitale Erinnern praktisch gut umzusetzen."

Große Bedeutung von Gedenkstätten

Die Bedeutung von Zeitzeugen nehme langsam ab, da Jüngere immer weniger die Möglichkeit haben, sie persönlich zu treffen. Der Besuch von Mahnmalen und Erinnerungsorten ist den Forschern zufolge deshalb sehr prägend: Hier holen sich die Menschen fundierte Informationen und machen Erfahrungen, die ihr Wissen und den Umgang mit der deutschen Geschichte prägen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 13. Februar 2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2018, 17:05 Uhr

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3 Kommentare

14.02.2018 04:39 Kritischer Bürger 3

+..."Wir müssen also Wege finden, auch das digitale Erinnern praktisch gut umzusetzen."...+ Der beste Weg ist auch diesen "Zeitstrahl" 1900 bis 2000 so zu behandeln wie die Schlacht im Teuteburger Wald (Germanen gegen Römer) oder den 30jährigen Krieg oder auch die Folgen von sozialistischer Diktatur, denn nichts anderes haben wir in dieser Zeit (meine Schulzeit von 1961-1971) gelernt und das da nicht nur der Krieg das Schlimmste war sondern auch die Kleinstaaterei, die Armut und nicht zuletzt der Kapitalismus. Musste ja so einseitig gelehrt werden in einem sozialistischen Unterricht unter dem Namen "Staatsbürgerkunde". Nun soll wohl die einseitigen Schulunterrichtsstunden in umgekehrter Richtung für die jungen Menschen von heute mit diesen Gefahren von Versagen der Politik wie der Bürger vermittelt werden! Nun dann auf eine gute Zukunft!

14.02.2018 04:30 Kritischer Bürger 2

+...mehr als 90 Prozent finden Geschichtsunterricht eher wichtig oder sehr wichtig. "Der Geschichtsunterricht ist nun mal einer der gängigen Wege der Erinnerung und ein Ort, wo viele mit dem Nationalsozialismus konfrontiert werden", resümiert Dr. Jonas Rees....+ So so und daraus entstehen dann solche politischen Einstellungen das man als Bürger heute gegen die Polizei und Sicherheitskräfte vorzugehen hat die eine Kundgebung irgendwelcher rechten poli. Seite zu schützen haben. Sich als sozialdemokratischer Bürger noch anschließend ggf. nach einem eigenen Flaschenwurf gegen die Einsatzkräfte aufregt das man zur Feststellung der Personalien vorübergehend festgenommen wird. Unter solchen Ergebnissen und Feststellungen von Gewaltaktionen sollte der Geschichtsunterricht zeitnah erfolgen und Wert darauf legen was für eine Rolle die Sicherheitsorgane hier im Lande zu erfüllen haben. Also einseitig die Geschichtsereignisse lehren, welche für kommende Generationen im "Zeitstrahl" liegen!

14.02.2018 04:20 Kritischer Bürger 1

+...Ebenso viele Helfer wie Täter also? Ein schiefes Bild, sagen die Forscher. Hier könne man eine Erinnerungslücke feststellen. So erklärt Prof. Andreas Zick: "Diese Täter-Opfer-Erinnerung ist sehr eingetrübt."...+ DIESE Auslegung sehe ich als 63jähriger als falsch an. Es ist keine Erinnerungslücke sondern einfach nur wer 1939 geboren wurde ist heute im Jahre 2018 bei einem Alter von 81 Jahren. Setzt man nun voraus das ein Mensch mit ggf. 10 Jahren erst wahr nimmt was um ihn herum geschieht, dann war der Krieg schon 4 Jahre zu Ende! Nur Überlieferungen und Erzählungen je nach poli. Ansicht kommen somit hier nur noch zum Tragen. So erklärt sich das gleiche Prozentzahlen als Helfer wie (als Befehle empfangene Kriegstreiber) Täter zustande kommen! Ich sehe keinerlei Verantwortung für mich und meine Familie an diesem Krieg obwohl auch in der Familie, im Bekanntenkreis es Opfer gab, die als Soldaten, wie auch als Zivilisten gestorben sind!! Beides nicht einmal an der Front!