Universität Leipzig Erfahrungen von DDR-Heimkindern gesucht

DDR-Kinderheime – das ist oft ein Synonym für Umerziehung und traumatische Erlebnisse der betroffenen Kinder. Doch wie haben die DDR-Heimkinder diese Zeit erlebt? Dieser Frage gehen jetzt Forscher der Universität Leipzig nach. Dafür suchen sie ehemalige DDR-Heimkinder. Was genau interessiert die Wissenschaftler und wie läuft die Studie ab?

Erzieherinnen mit Kindern beim Anschauen von Bilderbüchern in einem Kinderheim in Zwickau, aufgenommen im Januar 1990.
Um die Erfahrungen von ehemaligen DDR-Heimkindern zu erfassen, sucht die Universität Leipzig Studienteilnehmer. Bildrechte: ddp

Rund 500 000 Menschen haben in der DDR ihre Kindheit in Heimen verbracht. 500 000 Geschichten, die ganz unterschiedlich verlaufen sind. Diese Bandbreite will jetzt eine Studie der Universität Leipzig erforschen.

Heide Glaesmer leitet die vom Bund finanzierte Forschungsarbeit. Sie ist Professorin für medizinische Psychologie an der Universität Leipzig. Glaesmer findet, dass die Geschichte der DDR-Heimkinder noch zu wenig psychologisch erforscht sei. Deshalb sucht Glaesmer nun nach ehemaligen DDR-Heimkindern, um sie für die  Studie zu befragen. Und man wolle erfahren, wie es ihnen dort gegangen sei, was sie für Erfahrungen gemacht hätten:

"Aber uns interessiert auch, wie man mit diesen Erfahrungen weiter umgegangen ist, mit wem man darüber gesprochen hat, welche Bedeutung das heute noch für einen hat und so weiter.", sagt Glaesmer.

Betroffene aus allen Kinderheim-Arten befragen

Gesucht werden Menschen, die in den normalen DDR-Kinderheimen gewesen sind - aber auch in Sonder- oder Durchgangsheimen sowie in den Jugendwerkhöfen. Also dort wo schwer erziehbare Kinder, wie die DDR-Führung sie nannte, auf Linie gebracht werden sollten. Die Befragung, zu der man sich ab sofort melden kann, findet in Leipzig an der Universität statt und läuft zweistufig ab. Zuerst erhalten die Teilnehmer einen Fragebogen, den sie zu Hause ausfüllen sollen. Hierbei könnten die Forscher auch behilflich sein, so Heide Glaesmer. Im zweiten Schritt folgen dann persönliche Interviews an der Universität. Eine Obergrenze für die Zahl an Teilnehmern gebe es nicht, sagt Heide Glaesmer.

Schwarz-weiß-Aufnahme von Grundschulkindern 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der DDR werden erfahrene, aber nationalsozialistische belastete, Lehrer durch Neulehrer ersetzt, die zum Teil kaum älter als ihre Schüler sind. Aus: Kinder des Ostens, Teil 2.

MDR FERNSEHEN Di 27.03.2012 20:45Uhr 01:26 min

https://www.mdr.de/zeitreise/schwerpunkte/eure-geschichte/video110272.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

So viele Erfahrungen wie möglich erfassen

Man wolle so viele Menschen wie möglich befragen. Ein breites Spektrum sei das Ziel. Denn viele vorliegende wissenschaftliche sowie journalistische Berichte stellten oft nur die negativen Erfahrungen in den Mittelpunkt:

Und ohne die auch nur irgendwie bagatellisieren zu wollen, ist es uns wichtig, dass wir mit diesem Projekt auch die ganze Bandbreite der Erfahrungen auch über diese lange Zeit, 40 Jahre DDR, darstellen können, und über verschiedene Heimformen und eben wie jemand das auch individuell erlebt hat.

Heide Glaesmer | Universität Leipzig

Deswegen wolle man die Leute auch selbst befragen und gehe nicht irgendwo ins Archiv und gucke sich Akten an, sagt Glaesmer.

Ergebnisse ab 2022 in der Gedenkstätte Torgau zu sehen

Die Befragungen liefen bereits und würden in den nächsten Monaten weitergehen. Erste Ergebnisse soll es schon im nächsten Jahr geben. Die ganze Studie werde nach 2022 veröffentlicht. Und dann auch im ehemaligen geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gezeigt, so Heide Glaesmer.

Man habe auch Geld bekommen, um zum Beispiel einen Teil der Ergebnisse in ein Online-Lern-Tool, was in der Gedenkstätte in Torgau ist, einzupflegen. Das heißt, man werde es dort auch sozusagen sehen können und das wird auch Teil der Museumspädagogik sein.

Informationen zur DDR-Heimkinder-Studie und zur Teilnahme daran finden Interessierte auf der Internetseite: testimony-studie.de

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Juli 2020 | 15:47 Uhr

15 Kommentare

Teufel vor 2 Wochen

Lag es daran weil meine Mutter wieder heiraten wollte und ich es mit der Schule nicht sonderlich ernst genommen habe. Das brauchte mir die Heizest von 1963 bis 1970 ein. Wenn ich die klapse nicht mitrechne wo mich das Jugendamt steckte um mir einen § anhängen zu wollen was jedoch nicht klappte. So musste ich ins Heim. Meine Mutter macht man gefügig so das sie zustimmte. Wenn auch immer erst im Nachhinein. So zog ich altersbedingt von ein Heim in das nächste. Heute wo ich meine Jugendamtsakte kenne weis ich auch mit welchen Mitteln das Jugendamt gearbeitet hat. (Heute würde man bestraft werden dafür). Aber die Macht und der Arm der SED reichte eben weit und sie waren ja alle Parteimitglieder gewesen. Doch heute gibt es leider auch solche Heime wie ich sie damals kennenlernen musste, macht man heute etwas gegen solche Heime man hört wenig darüber erst dann wenn die Bombe geplatzt ist. Ich wollte noch vielmehr Schreiben die Zeichen jedoch zu gering sind.

Teufel vor 2 Wochen

Ich glaube man muss und sollte hier auch berücksichtigen, dass es Heime gab wo es den Kindern gut ging, wenn man es so nennen will. Doch deren Zahl waren nicht viele. Ich selber verbrachte lange Zeit in den Heimen der DDR und Jugendwerkhof. Es waren ein Normalkinderheim und drei Spezialkinderheime zum Schluss noch ein Jugendwerkhof. Jedoch auch eine Vielzahl von Durchgangsheimen, da ich immer sehr Wanderlustig gewesen bin. Ich muss sagen D-Heime waren grundsätzlich nicht gut. Entweder verbrachte man seine Zeit bis zur Rückführung ins Heim wo man stiften gegangen war. Eingeschlossen in einem Schlafsaal, bekleidet nur mit Unterhose wenn überhaupt. Als Toilette diente ein Eimer.Bei den Spezialkinderheimen gab es nur ein wo ich mich wohlfühlte. Die anderen waren nicht sonderlich denn da reagierte die Stärke des Gruppenältesten. Aber auch die Erzieher nutzten die Kinder für ihre Lust aus. Getan wurde dagegen nichts. Ich weis bis heute nicht genau warum ich ins Heim kam.

Horst1 vor 2 Wochen

das stimmt so nicht ganz, denn es wurden auch Kinder in Kinderheimen aufgenommen und gut versorgt, wo Elternteile durch schwere Krankheiten 1-2 Jahre ihre Kinder nicht versorgen konnten! Bitte nicht alles in der DDR schlechtmachen!